"Frau Müller-Möhl, warum verkaufen Sie 20 Minuten?"

- Vor einer Woche sind Tamedia und Espace Media Groupe bei 20 Minuten eingestiegen, die bisherigen Investoren ziehen sich schrittweise zurück. Neben dem norwegischen Verlagshaus Schibsted sind dies die Investmentgesellschaft Apax und die Müller-Möhl-Group. "persoenlich.com" hat Carolina Müller-Möhl (Bild), Verwaltungsratspräsidentin der Müller-Möhl-Group, zu den Gründen und Hintergründen des Ausstiegs befragt. Das Interview:

Frau Müller-Möhl, warum verkaufen Sie 20 Minuten?

Zuerst muss ich klarstellen, dass wir weiterhin mit 20 Prozent an der 20-Minuten-Holding beteiligt sind. Der Entscheid, die Schweizer Ausgabe der Pendlerzeitung an die Tamedia zu verkaufen, hat nicht die Müller-Möhl-Gruppe, sondern die 20-Minuten-Holding gefällt. Mein vor drei Jahren verstorbener Mann hat als einer der ersten den Stellenwert solcher Zeitungen in unserem Land erkannt. Die gesamte Entwicklung hat ihm Recht gegeben; doch der Return on Investment ist schlussendlich sehr knapp ausgefallen. Trotzdem: Die Müller-Möhl-Group ist ausschliesslich als Investor und nicht als Verleger tätig. Unter diesem Gesichtspunkt ist die beschlossene Lösung verlegerisch sinnvoll, die ausgehandelten Konditionen sind ordentlich.

Was heisst das? Man munkelt, dass Tamedia rund 70 Millionen Franken für 20 Minuten bezahlt hat.

Über diese Frage haben wir Stillschweigen vereinbart und daran möchte ich mich halten.

Warum haben Sie jetzt Tamedia als Käufer ausgewählt, Ringier, so hört man, sei auch interessiert gewesen?

Es hat zweifelsohne verschiedene Optionen gegeben, mehr möchte ich nicht sagen.

Wann haben Sie sich für einen Verkauf entschieden?

Für uns war immer klar, dass wir die Beteiligung an der 20 Minuten Holding als "nicht strategisch" betrachten. Entsprechend haben wir uns entschieden zu verkaufen, wenn wir einen geeigneten Käufer finden und einen fairen Preis erzielen. Der Zeitpunkt war zweifelsohne der Richtige. Am vergangen Freitagabend -- buchstäblich in letzter Minute -- haben sich die Aktionäre der Holding mit Tamedia geeinigt.

Aber warum gerade jetzt?

Zwei Faktoren waren ausschlaggebend. Zum einen waren wir der Meinung, dass ein Verdrängungswettbewerb zwischen zwei Gratiszeitungen in der jetzigen Zeit schlichtwegs unsinnig ist. Zweitens wollten alle Aktionäre von 20 Minuten die Zeitung verkaufen, ein koordiniertes Vorgehen machte Sinn.

Das Wirtschaftsmagazin Bilanz meldet in seiner neusten Ausgabe, dass Ihre Gruppe bei Ascom einen Verlust von 800 Millionen Franken erlitten habe. Hat dies die Verkaufsabsicht beschleunigt?

Nein, natürlich nicht! Ascom wie 20 Minuten sind nur einige von vielen Investments unserer Gruppe. Im Bilanz-Artikel ist praktisch nichts richtig. Es ist der peinliche Versuch einiger alter Männer mit Hilfe eines Bilanz-Journalisten von ihrem eigenen Versagen abzulenken; dafür gibt es nur ein Wort: Erbärmlich!

Haben Sie sich von der Kampfrethorik von Herrn Kall einschüchtern lassen?

In den letzten drei Jahren versuchten mich einige einzuschüchtern. Ich glaube unbescheidenerweise nicht, dass dies je gelungen ist. Ich muss aber anfügen, dass es Herr Kall persönlich gar nicht versucht hat.

Ist es dann nicht ärgerlich, 20 Minuten zum jetzigen Zeitpunkt zu verkaufen, nachdem Sie alle Vorarbeiten geleistet haben?

In den nächsten drei Jahren sind wir noch am Erfolg von 20 Minuten mitbeteiligt. Erst 2006 wird die Zeitung vollständig von Tamedia übernommen werden. Uns freut aber, dass wir mit unserer Einschätzung richtig liegen; 20 Minuten hat in den letzten drei Jahren überlebt und wird auch weiterhin überleben. Die Marke ist zu stark, die Investitionen und der Einsatzwillen der Redaktion haben sich gelohnt.

War dann eine Fusion mit dem Express auch eine Option?

In diesen stürmischen Tagen war alles eine Option. Ansonsten gilt auch hier Stillschweigen.

Wird sich Ihre Gruppe nie mehr an publizistischen Produkten beteiligen?

Wie heisst es so schön: sag niemals nie!