Herr Cavalli, blick.ch registriert pro Monat über 500 Millionen Klicks, schweizweit am meisten. Wie wichtig sind diese Klickzahlen?
Wir haben Freude an den Zahlen. Sie sind für uns eine Bestätigung, dass unser Journalismus gut an kommt.
Die Klicks holen Sie sich vor allem mit Sex-, Crime- und People-Stories, sowie mit starker Zuspitzung in den Headlines.
(lacht). Das ist jetzt eine sehr starke Zuspitzung Ihrerseits. Klar wird das Blick-Girl schneller angeklickt als ein Text über die Buchpreisbindung. Aber es geht um etwas anderes: Für Boulevard ist Online ein Geschenk. Online können wir unsere Stärken nämlich Emotionen, Geschwindigkeit und die Weiterentwicklung von Geschichten noch besser ausspielen. Wichtig ist, dass wir unser Rubriken-System oben auf der Homepage konsequent pflegen: News, Sport, People, Service. Wir wechseln nur Gleiches mit Gleichem: also Politik durch Politik, People durch People und nicht plötzlich eine Sport-Story anstelle einer Wirtschaftsgeschichte.
Sie setzen aber auch in Wirtschaft oder Politik auf Personalisierung und Skandalisierung.
Themen zu politisieren und skandalisieren gehört zu gutem Boulevard. Gute Geschichten brauchen ausserdem eine gute Schlagzeile. Online vielleicht noch mehr als im Print. Im Gegensatz zur Zeitung hat der User auf der Webseite optisch weniger Kontext, um eine Geschichte zu erfassen. Das heisst, er funktioniert digital. Entweder er klickt auf den Artikel, oder eben nicht.
Momentan liegt der Anteil Online am Schweizer Werbemarkt bei sieben Prozent. Experten prophezeien ein starkes Wachstum. Bringt sich Blick.ch in Stellung?
Klar, hier liegt grosses Potential. Der Werbemarkt hinkt dem Publikum hinterher. Es ist aber nicht einfach eine Frage der Zeit, bis man im Internet automatisch mehr Geld verdient. Man muss richtig aufgestellt sein. Darum ist es für uns wichtig, dass wir bei allen relevanten Messwerten die Nummer 1 sind. Mobile hat jetzt schon etwa einen Drittel des Marktes und wird bald das stationäre Web überholen. Verlage und Werbemarkt werden sich künftig noch konsequenter auf die mobile Webnutzung ausrichten.
Wie hat sich der Webseite-Relaunch von Ende Januar ausgewirkt?
Sehr gut. Die Visits blieben stabil bei rund 9 Millionen pro Woche, während die Pageimpressions nur vorübergehend leicht gesunken sind, was normal ist kurz nach einem Relaunch. Erfreulich war, dass sich schon kurze Zeit nach der Umstellung viele Leser begeistert zeigten. 90 Prozent der Reaktionen waren positiv. Die User freuen sich, dass unsere Seite nun attraktiver inszeniert und klarer strukturiert ist. Zudem ist die Schrift grösser, das Schriftbild ruhiger. Das macht das digitale Lesen angenehmer.
Das neue Design (vgl. Bild oben) lehnt sich kaum mehr an dasjenige der Printausgabe an. Zudem wirkt es ähnlich aufgebaut wie 20min.ch. Welches ist die Absicht dahinter?
Wir heben uns klar von der Konkurrenz ab. Blick.ch ist inhaltlich wie optisch unverwechselbar. Mit dem neuen Design erst recht. Neu kommt dem Bild noch mehr Gewicht zu. Die Videos sind nun prominenter platziert. Die multimediale Vermittlungsart von Geschichten hat enormes Potential, gerade für ein Boulevard-Medium. Wir liefern deshalb zu Eigenrecherchen noch mehr exklusive Bewegtbilder.
"Blick"-Reporter müssen demnach künftig nicht nur schreiben, sondern auch filmen.
Nicht alle müssen filmen. Aber Reporter, die mit einer Handy- oder Flipkamera umgehen können, sollen diese vermehrt einsetzen. Zudem haben wir täglich zwei VJs im Einsatz, die unsere Reporter unterstützen.
In nicht wenigen Fällen geht "Blick" sehr weit, so etwa kürzlich beim Petarden-Trottel (persoenlich.com berichtete).
Da sind wir nicht zu weit gegangen. Diese Geschichte würden wir auch heute noch so bringen.
In diesem Fall wurde ein Mann zum Sündenbock für die Fussball-Krawalle. Inwiefern ist es legitim, dass sich Journalisten als quasi Hilfssheriffs aufspielen?
Bei uns spielt sich niemand als Hilfssheriff auf. Wir machen einfach unseren Job, wenn andere wegschauen. Es ist doch heuchlerisch: Bei einem Fussballspiel werden friedliche Zuschauer beim Lachen, Schmusen, Wurst essen im TV live gezeigt, ohne dass die Betroffenen gefragt werden. Wenn aber ein Petardenwerfer öffentlich gemacht wird, entsteht eine zweifelhafte Debatte, ob solche Hooligans aus der Anonymität der Masse gezerrt werden dürfen.
"Blick" musste sich letzthin auf der Frontseite bei Beat Dünki entschuldigen. Zudem ist in einem anderen Fall (St.Galler Taxi-Fall) ein "Blick"-Reporter angeklagt. Gehört es zum Konzept, dass "Blick" immer wieder mal die Gesetzesschranken übertritt?
Sicher nicht. Zu Dünki ist alles gesagt und beim anderen Fall handelt es sich um ein laufendes Verfahren, bei dem es zuerst mal um ein Informationsleck bei den Behörden geht. Einen Gerichtstermin gibt es übrigens noch gar nicht.
Wie verhindern Sie, dass trotz hohem Tempo nicht vorschnell Urteile gefällt werden?
In der Blick-Gruppe wird besonders akribisch gearbeitet, gerade was die Verifizierung von Nachrichten angeht. Das kann Ihnen jeder bestätigen, der zu uns stösst oder unsere Arbeit unter die Lupe nimmt. Blick ist im Schaufenster und kann sich weniger Fehler erlauben als die Konkurrenz.
Im "Blick"-Newsroom arbeiten vier Chefredaktoren. Streiten Sie sich um Storys?
Einen Streit um Geschichten gibt es selten. Wir haben klare Regeln: Exklusiv-Geschichten wollen wir möglichst im "Sonntagsblick" oder "Blick" publizieren; Online kann ich die Geschichten eh in den meisten Fällen gleichzeitig bringen. Ist absehbar, dass ein Primeur nicht zu halten ist, gehen wir damit sofort online und wenn möglich platzieren wir sie im "Blick am Abend". Meistens wird dieser Entscheid schon auf Ressortebene gefällt. Die Aufgabe der Ressortleiter ist im Newsroom mit der Bespielung von vier Kanälen grösser und anspruchsvoller geworden.
Der "Tages-Anzeiger" beschrieb letzthin das schlechte Arbeitsklima im Ringier-Newsroom und bemängelte die grosse Fluktuation.
Was im "Tages-Anzeiger" stand, ist weitgehend falsch. Die Fluktuation sehe ich gar nicht als Problem: Wir konnten viele gute neue Leute anstellen. Diese haben sich bewusst für den Blick-Newsroom entschieden und sind deshalb topmotiviert. Wir sind personell jetzt besser aufgestellt als vor zwei Jahren beim Einzug in den Newsroom.
Die Tatsache, dass sehr viele junge Journalisten bei "Blick" arbeiten, weist darauf hin, dass technische Kompetenz wichtiger ist als fachliches Know-how.
Nein, das stimmt nicht. Die Technik darf nie wichtiger sein als der Journalismus. Deshalb haben wir ein neues, viel einfacheres CMS eingeführt. So ist die Hürde auch für gestandene Print-Journalisten klein, online zu publizieren.
Wie zufrieden sind Sie mit dem iPad-Start?
Sehr. Die Abos im ersten Halbjahr haben die budgetierten Einnahmen übertroffen. Und die unabhängige Testing-Agentur "swiss Q" hat Blick HD zu besten News-iPad-App der Schweiz gekürt.
Wie werden Sie die iPad-App weiterentwickeln?
In diesem Jahr werden wir die App noch mehr auf die Stärken des iPads abstimmen. Das heisst: Die App wird inhaltlich hybrider. Mehr Aktualisierung à la Online, aber klar mit Anfang und Ende à la digitaler Zeitung. Zudem werden wir noch gezielter exklusive multimediale Elemente einbauen. Wir planen zum Beispiel für den Jahrestag der Tsunami-Katastrophe ein Multimedia-Spezial auf dem iPad.
Blick lancierte zudem BlickTV. Welche Absicht steht dahinter?
Online, TV und Bewegbilder verschmelzen zur Symbiose. Da ist es strategisch wichtig, mit unserer Marke ganz vorne dabei zu. Wir sind auf gutem Weg, momentan bieten wir 70 Sender an. Dies wird sich mittelfristig auch im Werbemarkt auszahlen.
Wie stark wird BlickTV bisher genutzt?
Das ist zu früh. Nach sechs Wochen können wir noch keine relevante Zahl nennen.
"Blick" zeichnet die Beiträge seit einigen Wochen wiederum mit SDA. Hat diese Praxis mit den Befunden von Kurt Imhofs Jahrbuch zu tun?
Um Gottes Willen, das hat doch nichts mit Herr Imhofs Studie zu tun! Die hat sich gar nicht mit Online-Journalismus befasst. Das sind einfach 1:1 übernommene SDA-Feeds, die das neue CMS direkt einbindet. Diese Meldungen verlieren aber ohnehin an Bedeutung. Wir setzen auf eigene Geschichten, die dann auch gezeichnet werden. Reines Copy-Paste ist Vergangenheit.
Interview: Edith Hollenstein