«Für mich ist es wichtig, dass die P-Geschichte erzählt wird»

PubliGroupe - Der bekannte Autor Karl Lüönd bekam vor vier Jahren den Auftrag, ein Buch zum 125. Geburtstag der Publicitas zu schreiben. Doch das Jubiläum fand nicht statt. Jetzt erscheint die vieldiskutierte Festschrift endlich: als «persönlich»-Sonderausgabe.

von Matthias Ackeret

Herr Lüönd, Sie haben die Geschichte der PubliGroupe ursprünglich als «Festschrift» zum 125-jährigen Bestehen konzipiert. Nun existiert die Firma nicht mehr. Hat sich dadurch etwas geändert?
Eine «Festschrift» war nie geplant, bloss ein Sachbuch über die Entstehung und das Verschwinden einer der stärksten Kräfte im Schweizer Medienwesen des 20. Jahrhunderts. Dies sollte, wie immer bei mir, in engem Bezug zu den zeit- und wirtschaftsgeschichtlichen Entwicklungen geschehen. Ich habe etwa drei Wochen im Archivkeller der PubliGroupe in Lausanne zugebracht. Durch das Ende der PubliGroupe entfiel die Grundlage des Auftrags, nicht aber mein Interesse, die gefundenen Zusammenhänge öffentlich zu machen.

Wie ist das, wenn man ein Buch über eine Firma schreibt und bei der Arbeit realisiert, dass es diese bald nicht mehr geben wird?
Man kommt sich vor wie der Cowboy, dem sie das Pferd unterm Sattel weggeschossen haben. Aber zunächst waren klare rechtliche Randbedingungen zu berücksichtigen. Ich hatte ein Auftragsverhältnis mit der Publi- Groupe. Sie oder eben ihre Rechtsnachfolger konnten darüber entscheiden, was aus meiner Arbeit werden sollte. Das ist der Nachteil von Auftragsarbeiten. Der Vorteil ist, dass der Autor wirklich an die Quellen herankommt. Nach dem Verkauf der Publicitas an die Aurelius-Gruppe und der Implosion der PubliGroupe, die schliesslich die Übernahme durch die Swisscom zur Folge hatte, herrschte eine Zeit lang Unsicherheit darüber, was mit meinem fertigen Manuskript geschehen sollte.

So wie wir Sie kennen, sind Sie nicht untätig geblieben ...
Richtig! Ich war und bin fasziniert von diesem Stoff und finde, dass das Wesentliche an die Öffentlichkeit gehört, als Analyse und Hintergrundbericht, aber nicht als Anklage. Deshalb schrieb ich Hansueli Loosli, dem VR-Präsidenten der Swisscom, den ich von meiner «Züri-Woche»-Zeit her noch kenne und sehr schätze, einen Brief. Herr Loosli hat die Dimension des Geschäfts sofort begriffen und die Dinge in die richtige Richtung bewegt.

Wie denn?
Indem er sofort das Wesentliche erkannte: dass es hier um Schweizer Mediengeschichte geht. Ein Betrieb, der mehrheitlich im Besitz der Eidgenossenschaft steht, kann nicht gut eine solche Veröffentlichung verhindern. Da- nach hatten wir grünes Licht, und die von der Swisscom als Verbindungsfrau eingesetzte Juristin Dolores Dana hat bei der Feinabstimmung einen wirklich tollen Job gemacht.

Warum aber nicht ein Buch?
Es gab zwei namhafte Verlage, die das Buch herausbringen wollten. Aber inzwischen hatte sich das Zeitfenster geschlossen. Das Jubiläumsjahr war vorbei. Ob so ein Buch heute noch verkäuflich wäre, ist fraglich. Als Verleger hätte ich es wahrscheinlich nicht mehr gemacht. Und die heutige Publicitas, die nicht mehr börsenkotiert ist, hat ein Recht, in Ruhe zu arbeiten. Matthias Ackeret und ich hatten dann die Idee, die wesentlichen Teile – etwas über 50 Prozent – als Sonderdruck im «persönlich» herauszubringen. Die Swisscom hat das unterstützt – und jetzt liegt das Ergebnis vor.

Woran ist die PubliGroupe gescheitert?
Im Wesentlichen daran, dass sich die Aktionäre uneinig waren und der Verwaltungsrat dem Management während vieler Jahre keine klare Richtung vorgab.

Was hat das Management falsch gemacht?
«Das Management» als kompakte Einheit hat es wohl nie gegeben, es war immer eine auseinanderstrebende Truppe. Die einen wollten in die digitale Welt vorstossen; die anderen, vor allem die mächtigen Regionalfürsten, setzten auf Print und sagten: Wir können doch nicht gegen die Interessen unserer besten Kunden, der Printverleger, handeln. Stellen Sie besser die Frage: Was haben die Verleger falsch gemacht?

Was denn?
Ich bin gegen Verallgemeinerungen. «Die Verleger» gibt es nicht. Es gab und gibt einige innovative Häuser. Aber es gab und gibt eben auch die vielen, die noch ganz in der Printwelt leben und sich in der ganzen Zeit mit Multimedia und den neuen Medien nur aus einer defensiven Haltung heraus beschäftigen: Was müssen wir tun, damit unser Kerngeschäft, der Druck, möglichst unversehrt bleibt?

Sie haben viele Firmenbiografien geschrieben, darunter mehrere über Schweizer Medien- unternehmen. Was hat die PubliGroupe so einzigartig gemacht?
Sicher das Geschäftsmodell der Verpachtung, das die Strukturen lange erhalten hat, das aber auch noch heute für manche kleinere Verlage durchaus tauglich ist. Zugleich war das Pachtsystem extrem einträglich, so dass die P als «Bank der Verleger» auftreten und Macht ausüben konnte. Wie das geschah, stelle ich zum ersten Mal anhand der Originaldokumente am Fall Luzern dar.

Wie sind Sie beim Schreiben des Buches vorgegangen?
Wie immer bei meinen inzwischen rund fünfzig Projekten von Firmen- und Unternehmerbiografien: Ich studiere die Akten und spreche mit den noch lebenden Gewährspersonen, die gehandelt oder das Geschehen mitbekommen haben. Dann konsultiere ich Drittquellen und bringe die gefundenen Tatsachen in den zeit-, mentalitäts- und wirtschaftsgeschichtlichen Kontext ein.

Welche Quellen nutzten Sie?
Im vorliegenden Fall das wunderbare P-Archiv, das übrigens auf keinen Fall verloren gehen darf. Ich habe dort sogar ein Dossier über mich selber gefunden. Und dann die Aussagen der Zeitzeugen: Jean-Jacques Zaugg, Hans-Peter Rohner, Fritz Schuhmacher, Hans Schneider, Hermann Boltshauser und vieler anderer.

Wie viel Rücksicht mussten Sie nehmen?
Es hat mir nie jemand reingeredet. Deutlich zu spüren war freilich der fundamentale Widerstand einiger «alter Kameraden» bei der PubliGroupe gegen mein Projekt. Meine Anlaufstellen waren Hans-Peter Rohner und der damalige Kommunikationsleiter Beat Werder. Beide haben mir sehr geholfen.

Sie haben über Ringier, Tamedia, die Ferag und jetzt die PubliGroupe geschrieben. Was sind Ihre nächsten Projekte?
Nur dumme Hühner reden über ungelegte Eier. Es werden gerade in diesem Frühjahr zwei neue Bücher fertig. Dazu beschäftige ich mich mit der Regie von ganzen Aufsatzreihen, mit der Bearbeitung fremder Manuskripte usw. An Anfragen und Projektideen fehlt es nicht. Ich bin nach wie vor neugierig auf Neues.

Die «persönlich»-Sonderedition «Der Fall PubliGroupe - Die Geschichte eines Medienimperiums» kann für 20 Franken bei abo@persoenlich.com bestellt werden.  

Bild: Mara Truog