Herr Kaczynski, wir sprechen hier von der Kommunikationsbranche. Statt jedoch miteinander zu reden, künden die Verleger den GAV kurzerhand auf. Das wirkt doch reichlich peinlich...
Ich würde das nicht als peinlich taxieren. Grund für die Kündigung ist die traurige Tatsache, dass die Gegenseite -- in dem Fall der SVJ -- einfach nicht mit uns reden wollte. Der Verband Schweizer Presse hat in keinem Moment das Gespräch verweigert -- im Gegenteil. So hatten wir uns im Frühling gegen unsere Usanz dazu entschieden, die Verhandlungen mit den Sozialpartnern ohne Kündigung des GAVs aufzunehmen. Nachdem unser Verhandlungsgremium im April comedia und SVJ unseren Antrag für Verhandlungen unterbreitet hatte, war es die comedia, die umgehend auf unseren Antrag eingetreten ist und eine eigene Delegation eingesetzt hat. Der SVJ hingegen hat bis heute auf keinen unserer insgesamt drei schriftlichen Anfragen offiziell reagiert.
Durch die dadurch entstandenen Verzögerungen hätte man die Arbeit frühstens Ende August, anfangs September überhaupt erst aufnehmen können. Meine Güte, wir reden hier vom Gesamtarbeitsvertrag für eine ganze Branche! Ein Gesamtarbeitsvertrag, der bis Ende Jahr abgesegnet hätte sein müssen! Unter dem Strich wäre schliesslich viel zu wenig Zeit übriggeblieben bei all den offenen Punkten. Aus diesem Grund blieb uns nichts anderes übrig als zu kündigen und damit den Ball zurückzuspielen. Ich bin wirklich überrascht, wie der SVJ die Ernsthaftigkeit der Lage unterschätzt und die Wichtigkeit einer guten Lösung in dieser wirtschaftlich unsicheren Zeit nicht erkannt hat.
Mit der GAV-Aufkündigung haben Sie zum stärksten Druckmittel gegriffen, dies, bevor die Verhandlungen überhaupt begonnen haben. Wie ernst war es Ihnen mit Ihrem Verhandlungswillen?
Die Formulierung "stärkstes Druckmittel" kann ich so nicht unterschreiben. Schliesslich waren wir es, die trotz anstehender Neuverhandlungen den GAV nicht aufgekündigt haben. Und zwar gegen den ursprünglichen Wunsch einer Mehrheit unserer Mitglieder, wie ich betonen möchte. Das mit den Verhandlungen beauftragte Gremium war der Meinung, dass wir unbedingt ein Zeichen setzen sollten, wie wichtig uns die Verhandlungen seien. Nun hat uns das Verhalten des SVJ leider dazu gezwungen, davon Abstand zu nehmen. Was aber auf keinen Fall als Aufkündigung der Sozialpartnerschaft an sich zu interpretieren ist...
Die Gewerkschaften werfen Ihnen jetzt vor, einen Keil zwischen SVJ und comedia treiben zu wollen...
Worüber ich mich sehr geärgert habe! Fakt ist, dass der SVJ jede konstruktive Zusammenarbeit unterminiert hat. Die comedia hat wie gesagt prompt und positiv auf unsere Vorschläge reagiert, vom SVJ haben wir bis heute nichts gehört. Was immer da auch schief gelaufen sein mag: Uns jetzt vorzuwerfen, wir würden die beiden Sozialpartner gegeneinander ausspielen, finde ich ziemlich frech.
Mal ehrlich, es weiss doch jeder, dass während den Sommermonaten so gut wie niemand erreichbar ist. Selbst der in Ihrem gestrigen Communiqué als Kontaktperson angegebene Verbandspräsident Hans Heinrich Coninx weilt den ganzen Monat Juli auf hoher See. Warum also diese Terminvorschläge?
Nachdem wir unsere Terminvorschläge für Juni/Mitte Juli bereits anfangs Juni verschickt hatten, wäre der Ball damals ganz klar beim SVJ gelegen. Natürlich ist immer mal jemand in den Ferien oder auch sonst absent. Handkehrum gibt es aus diesem Grund Stellvertreter. GAV-Verhandlungen sind nun einmal kein saisonales Geschäft! Abgesehen davon finde ich das Ganze eine ziemlich fadenscheinige Ausrede. Ferienabwesenheit als offizielle Begründung für eine Verschiebung der GAV-Verhandlungen -- das ist ja wohl kaum der Wichtigkeit der Sache angemessen!
Der GAV wurde per 10. Juli 2004 gekündigt -- wollen Sie sich mit dieser Frist ein Hintertürchen aufhalten?
Die Frist ist vorgegeben: Der GAV durfte erstmals drei Jahre nach Abschluss gekündigt werden -- und immer auf ein Jahr hinaus.
Wie geht es nun weiter?
Wir wollen jetzt erst einmal intern eine Standortbestimmung vornehmen, eine Art Auslegeordnung machen. Ob und wie wir anschliessend wieder auf comedia und SVJ zugehen werden, dazu haben wir uns noch keine abschliessenden Gedanken gemacht. Und zwar nicht, weil wir beleidigt sind, sondern weil wir das Ganze konstruktiv angehen wollen. Natürlich müssen wir jetzt besorgt dafür sein, dass sich die Affäre nicht noch weiter hochschaukelt. Wobei ich auch mich selber an die Kandare nehmen muss, wie ich an meinen eigenen Aussagen merke (lacht). Die Devise muss sein, die Geschehnisse nicht überzubewerten -- schliessen wollen wir ja alle auch in Zukunft noch miteinander reden.