Daniel Grossen, wie lautet 2009 die Erfolgsformel im Internet?
Die Geschäftsmodelle im Internet entwickeln sich immer rascher, in einem äusserst kompetitiven Konkurrenzumfeld. Der Konkurrent kann global sein, regional oder auch nur von lokaler Bedeutung. Internet ist ein grenzenloses Medium, mit allen Vorteilen und allen Nachteilen für die Marktteilnehmer
der unternehmerische Weg zum Erfolg ist also härter geworden?
In der aktuellen Phase der Finanzmarktkrise und der daraus resultierenden Wirtschaftskrise sind die Unternehmen angehalten, ihre Internet-Angebote äusserst zielstrebig weiterzuentwickeln. Wir streben mit unserer Scout24-Gruppe die Marktführerschaft in allen Teilbereichen an, auch dort, wo wir heute noch nicht Marktführer sind. Deshalb verfolgen wir eine offensive Strategie und investieren beträchtliche Mittel in Produkte, in die dazugehörigen Services und in das begleitende Marketing. Seit 15 Jahren gilt für mich die immer gleiche Erfolgsformel: Im Internet verdient der Marktführer gutes Geld, die Nummer zwei kann vom Geschäft leben, und ab Nummer drei stehen die Firmen üblicherweise zum Verkauf.
Wie haben Sie es geschafft, im Internet viel Geld zu verdienen?
Wir haben im Internet nicht von Anfang an Geld verdient. Wir haben zuerst einmal viel investiert in unsere Plattformen. Noch wichtiger: Wir haben für die Kunden einen hohen Nutzwert geschaffen und das Geschäftsmodell stark vereinfacht. Im Vergleich zu den Printmedien, die das Geschäft mit den Kleinanzeigen früher gemacht haben, waren und sind wir wesentlich einfacher, günstiger, schneller und vor allem interaktiver. Unsere Angebote sind direkt, der Kunde kann sie multimedial ausgestalten, er erhält exakte Angaben und rasche Resultate. Die Scout24-Plattformen decken Hauptbedürfnisse des täglichen Lebens ab, sie sind ein Spiegel der aktuellen gesellschaftlichen Bedürfnisse. Wir weisen heute fast sieben Millionen Besucher pro Monat aus. Sagen wir es so: Fast alle Internet-User in der Schweiz besuchen mindestens einmal monatlich die Angebote von Scout24.
Weshalb bringen private Inserenten und professionelle Anbieter ihr Geld monatlich zu den Scout-Plattformen?
Geld verdienen Sie im Internet erst, wenn gewissenhaft über längere Distanz hart und zielorientiert an den Angeboten gearbeitet wird. Erst wenn der Kunde sein Anliegen perfekt umsetzen kann, erst wenn die Dienstleistung, das Produkt für den Kunden optimal stimmt, ist der Anbieter bereit, zu bezahlen. Nehmen Sie als Beispiel unsere Plattform AutoScout24: Gegenwärtig werden 65 Prozent aller Autos in der Schweiz über AutoScout vermittelt, auf der Angebotsseite ebenso wie auf der Nachfrageseite. Wenn Sie die Marktteilnehmer zusammenführen können, Anbieter, Nachfrager, aber auch Zaungäste, Beobachter und Zwischenhändler, dann sind Sie im Geschäft.
Sie gelten als derjenige, der den Schweizer Verlegern das lukrative Kleinanzeigen-Geschäft weggenommen hat.
Ich war wohl einer der Ersten, die den anlaufenden Trend gesehen haben. Ich habe mich sofort an die Arbeit gemacht, bin mit dem ganzen Risiko eingestiegen. Wenn Sie das Geschäftsmodell der Verleger schon ansprechen: Die Gegenwart zeigt sehr deutlich, dass kein Geschäftsmodell auf ewig währt, dass eine Anspruchshaltung auf Marktanteile und ein Glauben an bisherige Geschäftsmodelle trügerisch sein kann. Die Haltung der meisten Verleger war die, dass sie viel zu lange auf ihren angestammten Geschäftsmodellen ausharrten, sie verteidigten, als es schon nicht mehr viel zu verteidigen gab. Danach haben sie unentschlossen gehandelt, haben das Medium Internet in seiner ganzen enormen Dynamik nicht ernst genommen. Viele Schweizer Verleger steigen auch heute noch zu wenig offensiv in die Themen ein, sie gestalten mit angezogener Handbremse, haben auch falsche Businessmodelle und häufig ein falsches Management. Weshalb sonst würden Schweizer Verleger immer noch Geld in Radio und Fernsehen in der Schweiz investieren, obwohl jeder weiss, dass in diesem vollständig SRG-dominierten und völlig überregulierten Radio- und TV-Markt für Unternehmer rein nichts zu holen ist, ganz im Gegensatz zum Internet? Hier liegen nach wie vor hervorragende Chancen brach.
Die grossen Verleger räumen ein, dass Radio und TV überreguliert sind und in der Schweiz keinen Markt finden. Allerdings kommt diese Verleger-Einsicht erst in jüngerer Zeit. Radio weg, TV weg, Internet weg.
Kein Verleger in der Schweiz hatte rechtzeitig eine wirklich gute Idee für das Geschäft mit Kleinanzeigen im Internet. Nur gerade Ringier und Tamedia haben es geschafft, sich mit der Übernahme erfolgreicher Internet-Firmen ins Internet-Geschäft mit Rubrikenmärkten einzukaufen. Die Probleme der Verleger sind gegenwärtig in der Tat gewaltig: Radio und TV bringen kaum wirklich Geld, Print steckt tief in der Konjunktur- und gleichzeitig in einer fundamentalen Strukturkrise, das Internet- Geschäftsmodell wird in den relativ kleinen Regionalmärkten die Ausfälle im Print nicht kompensieren können. Nun folgen die Jahre der Geschäftsaufgaben, der Einstellungen, der Fusionen und Kooperationen. Für viele mittlere und kleine Verleger haben die wirklich harten Jahre jetzt erst angefangen.
Die Verleger haben Sie lange belächelt, heute sind Sie durch diese Verleger finanziell unabhängig geworden. Genugtuung?
Meine finanzielle Unabhängigkeit im Alter von 44 Jahren erachte ich als ein grosses Privileg. Dennoch bin ich jeden einzelnen Tag vollumfänglich unternehmerisch tätig und für die Gruppe aktiv. Ich bin stolz auf das, was wir innerhalb der Scout24-Gruppe mit dem Firmenverbund Xmedia AG, Omnimedia AG und der media swiss ag mit Gate24 erreicht haben. In den 15 Jahren des Aufbaus habe ich enorm viele gute Mitarbeitende an meiner Seite gehabt, die viel zum Erfolg beigetragen haben. Dutzende von Übernahme- und Kooperationsangeboten sind in diesen Jahren an uns herangetragen worden. Dass wir letztendlich mit Ringier zusammengegangen sind, hat damit zu tun, dass Ringier mit seiner Internationalisierungsstrategie und mit der Medienpower in der Schweiz der richtige Partner für die Weiterentwicklung unserer Gruppe ist.
Was haben Ihrer Ansicht nach die regionalen Verleger noch für Chancen mit ihren regionalen Bezahlzeitungen, hohen Fixkosten und begrenzten Märkten?
Der regionale Verleger hat einen USP. Er ist die regionale Informationsquelle Nummer eins. Solange sich die regionalen Verleger darauf fokussieren, in ihrem Kernbereich zu operieren und ihre Produkte auf diese kleinräumigen, regionalen Märkte auszurichten, können sie weiterhin erfolgreich tätig sein. Diejenigen regionalen Verleger, die expandieren und sich zu hohe Risiken fern ihrer Kernkompetenzen aufhalsen, werden im sich rasch ändernden Markt kaum Erfolg haben. Die Zukunft ist für sie unsicher.
Welchen Ratschlag erteilen Sie den Verlegern?
Ich bin weder Dr. Doom noch Madame Etoile. Ich habe früh mit den Verlegern Kontakt aufgenommen, doch sie waren für Partnerschaften nicht offen, jeder wollte es für sich selber versuchen. Nun haben sie das Rubrikengeschäft wohl definitiv verloren. Ich höre Signale, Aussagen, die alarmierend sind. Wie etwa die Feststellung des dreifachen Pulitzer-Preisträgers, des Journalisten Thomas Friedman, der am diesjährigen Swiss Economic Forum der Schweizer Illustrierten gesagt hat, es sei nicht mehr so klar, dass er einst bei seiner Zeitung New York Times in Pension gehen könne. Friedman ist heute 53- jährig, das dauert also nicht mehr allzu lange. Und Friedman redet nicht von irgendeiner Zeitung, er spricht von der bekanntesten und einflussreichsten Zeitung der Welt. Diese Dimension müssen sie sich mal auf der Zunge zergehen lassen, um zu verstehen, was da noch kommt.
Welche Innovationen im Internet sehen Sie gegenwärtig?
Das Internet wird vollumfänglich multimedial. Animationen, Produktepräsentationen, virtuelle Besichtigungen, dreidimensionale Konfigurationen, Plattformen mit umfassenden Servicefunktionen, die vollständig auf visueller Navigation aufbauen, die Zukunft ist weit offen, der technische Fortschritt wird viel weiter reichen, als dies etwa beim konventionellen Fernsehen der Fall ist. Mobile Applikationen und Devices werden umfassend nutzbar, mit einfachsten Navigationen und umfassendem Service. Nützliche Dienste wie etwa der SBB-Fahrplan, wie Wetter, Routen, Nachrichten, Navigationen, Börsenkurse werden höchste Reichweiten generieren. Dann werden neue nützliche Dienste dazukommen. Hilfestellungen im Alltag, Support- und Service-Netzwerke, alle Such- und Finde-Funktionen, die uns das tägliche Leben vereinfachen.
Wann kommt die Internet-Währung?
Ich warte eigentlich schon lange auf diesen bedeutsamen Durchbruch. Ich möchte noch weiter gehen und künftig auch die Haustüre mit dem Mobiltelefon öffnen können. Bezüglich Internet-Währung: Bedeutende Anbieter wie etwa Postfinance und die einflussreichen Banken werden das klassische Portemonnaie bald schon umfassend durch das Mobiltelefon ersetzen. Die Konsumenten haben das Mobiltelefon ja immer dabei, und den eigenen PIN-Code kennen heute mehr Menschen auswendig als die Bankkontonummer oder das Kennwort zu ihrem Computer. Dieser Shift wird bei den jungen Generationen künftig ganz einfach und selbstverständlich erfolgen.
Und wo sehen Sie die Werbung, die Arbeit mit und für die Zielgruppen der Zukunft?
Internet wird die Werbung weiter revolutionieren. Die Zielgruppenorientierung wird weiter massiv zunehmen. Streuverluste werden weiter eingedämmt und sogar vermieden werden. Werbung wird gezielter, direkter, besser, wirksamer. Die Werber werden sich anstrengen müssen, mit dem gewaltigen Innovationstempo des Internets mitzuhalten. Auch die Werbebranche wird künftig einem enormen Selektionsprozess unterworfen sein, den künftig nur die ausserordentlich intelligenten Agenturen für sich lukrativ machen können.
Welche Geschäftsmodelle raten Sie Ihrem neuen Partner und Besitzer Ringier?
Mit der Akquisition der Media Swiss Group inklusive Scout24 Schweiz und mit der Ernennung des neuen CEO Christian Unger mit seinem Online-Fokus hat Ringier die Weichen für die Zukunft gestellt. Der Konzern wird seine Internationalisierungsstrategie fortführen, aber auch hier steht, wie für alle Marktteilnehmer, viel interessante und herausfordernde Arbeit an.
Welche Perspektiven haben Sie als Gründer, Pionier und Unternehmer, nachdem Sie Ihre Firma an Ringier verkauft haben und eigentlich nie mehr arbeiten müssten?
Ich kann mir keinen spannenderen Job vorstellen. Ich habe mit den beiden Unternehmen Deutsche Telekom und Ringier die richtigen Firmen im Rücken. Mein langjähriger Partner Dölf Früh und ich haben eine Firmengruppe im Online-Geschäft aufgebaut, die beinahe 400 Online-Mitarbeitende zählt. Entgegen vielen anderen Firmen, die gegenwärtig Stellen abbauen, werden wir in den nächsten zwölf Monaten rund 100 neue Stellen schaffen. Das motiviert mich täglich und bereitet mir Freude.
(Interview: Bendicht Luginbühl)