15.12.2003

Gerd Löhrer zieht Bilanz

Bilanz-Redaktor Gerd Löhrer (Bild) wurde vergangene Woche entlassen. Gemeinsam mit Andreas Z’Graggen, Thomas Trüb, Alfred Herbert, Max Leutenegger und dem deutschen "Entwicklungshelfer" Paul C. Martin gehört er 1977 zum Gründungsteam des Schweizer Wirtschaftsmagazins und amtierte eine zeitlang als dessen stellvertretender Chefredaktor. Gegenüber "persoenlich.com" erinnert er sich an 26 Jahre Bilanz und spricht über seine Entlassung. Das Interview:
Gerd Löhrer zieht Bilanz

Sie waren bis zu Ihrem Abgang das letzte verbliebene Gründungsmitglied in der Bilanz-Redaktion. Was war in der Anfangszeit anders?

Als die Bilanz startete, gab es kein vergleichbares Produkt. In der Gründungsphase herrschte viel Pioniergeist, und wir haben das Blatt in sehr kurzer Zeit etabliert -- auch ökonomisch: Bereits nach einem Jahr war die Betriebsrechnung schwarz. Das lag natürlich auch daran, dass der Stab sehr knapp bemessen war.

Heute beschäftigt die Bilanz einen viel grösseren Stab. Ist der Titel aufgebläht?

Keinesfalls, was wir damals betrieben, war Magazinjournalismus für Wahnsinnige. Inzwischen hat sich der Betrieb stark professionalisiert, entsprechend hat die Qualität zugenommen. Die Zeit des einstmals aufgeblähten Jean-Frey-Overhead ist inzwischen definitiv vorbei, nachdem die Restrukturierungen schon unter Beat Curti und Holtzbrinck begonnen und von der heutigen Unternehmensleitung abgeschlossen wurden.

Welche Phasen hat die Bilanz durchlaufen?

Von 1977 bis Anfang der Neunziger Jahre durchlebte der Titel eine radikale Expansion, alle relevanten Kennzahlen stiegen jährlich. Danach folgte eine Dekade der Konsolidierung. Diese wurde in der jüngsten Zeit abgelöst durch einen Rückgang, aus dem es nun den Turnaround zu schaffen gilt.

Wo sehen Sie das Hauptproblem der Bilanz?

Schwierig zu sagen. Einen Rückgang verzeichnen derzeit ja alle Printmedien. Womöglich hängt das Image eines Wirtschaftsmagazins zu einem guten Teil vom Image der Wirtschaft als ganzer ab. Die Bilanz wird mit der Wirtschaft identifiziert, und die Turbulenzen der vergangenen Jahre (Grosspleiten, Abzocker, Rentenklau) haben der Wirtschaft und dem Titel nicht unbedingt geholfen... Vielleicht haben wir auch die Distanz zur Wirtschaft ein wenig verloren.

Die Bilanz war also zu wenig kritisch. Kam es denn auch vor, dass Geschichten aufgrund dieser Nähe zur Wirtschaft abgeschossen wurden?n

Prinzipiell hat eine gewisse Nähe zu den Wirtschaftsführern den unleugbaren Vorteil, dass man als Journalist sehr gut informiert ist und an Leute herankommt, bei denen andere vergeblich anklopfen. Andererseits verliert man dabei möglicherweise zuweilen die kritische Distanz. Diese Beisshemmung musste ich auch bei mir selber gelegentlich feststellen: Einmal trat ich in der Berichterstattung über ein bestimmtes Unternehmen deswegen in den Ausstand. Dass ein Artikel aber wegen Verfilzung nicht ins Heft gekommen wäre, das habe ich so nicht erlebt.

Im Gegensatz zu anderen Mitarbeitern sind Sie der Bilanz treu geblieben. Warum? Hätten Sie sich nie vorstellen können, für ein anderes Produkt zu arbeiten?

Natürlich habe ich in meinen 26 Jahren bei der Bilanz auch das eine oder andere Angebot von aussen bekommen. Beim Vergleich schien mir die Bilanz aber immer die bessere Option zu sein. Wenn man einen Titel von Anfang an aufbaut, steckt eben auch viel Herzblut drin. Und irgendwann -- bei mir war das so ab Mitte fünfzig -- sagt man sich dann "jetzt gehe ich nicht mehr". Geplant war, mich ab sechzig schrittweise zurückzuziehen.

Nun ist es anders gekommen...

René Lüchinger hat seine Stelle als Nachfolger des abgesetzten Medard Meier am 1. Dezember angetreten, am 4. bat er mich zu sich, ohne dass wir zuvor länger miteinander gesprochen hätten. Gleich im zweiten Satz eröffnete er mir, dass "wir uns trennen wollen". Lüchinger ging also von vornherein davon aus, dass ich nicht ins Konzept passe.

Hat Sie die Entlassung überrascht?

Ja, sehr. Immerhin waren wir mal gute Kollegen und haben früher eigentlich auch gut zusammengearbeitet.

Immerhin opponierten Sie vor Jahren gemeinsam mit anderen, als René Lüchinger Stellvertreter von Chefredaktor Medard Meier wurde. Ist Ihre Entlassung ein Racheakt?

Das ist Ihre Interpretation.

Verspürten Sie im Vierteljahrhundert bei der Bilanz nie Lust, den Titel selber zu führen?

Nein, ich kenne meine Grenzen und sehe mich gänzlich als Journalist. Ich hätte Mühe damit, als Chefredaktor Managerfunktionen auszuüben und Scharnier zwischen Verlag und Redaktion zu sein.

Ihr Abgang ist inzwischen geregelt. Wie sieht Ihre Zukunft aus?

Meine Kündigungsfrist beträgt sechs Monate. Bereits heute arbeite ich nicht mehr auf der Redaktion, und ab Anfang Januar bin ich freigestellt. Inwiefern ich allenfalls noch einzelne Aufträge von der Bilanz erhalten werde, wird derzeit diskutiert.

Medard Meier musste sich im Blatt selber von der Leserschaft verabschieden. Was erwarten Sie diesbezüglich?

Auf eine Verabschiedung im Blatt lege ich keinen Wert -- gesalbte Sprüche habe ich anlässlich meines 25-jährigen Dienstjubiläums schon genug erhalten. Da war von "Bilanz-Urgestein", von "der Verkörperung des Bilanz-Geistes" die Rede. Das muss ich nicht noch mal hören.


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