Das Schreiben der Geschäftsleitung, das persoenlich.com vorliegt, ging am Dienstag um 10 Uhr an die Mitarbeitenden. Zwei Stunden später ist vor dem Hauptsitz an der Werdstrasse in Zürich eine Protestaktion geplant. Die Redaktionen haben dazu nicht nur ihre Kolleginnen und Kollegen aufgerufen, sondern auch die Leserschaft und «alle, denen Journalismus am Herzen liegt».
Der Protest richtet sich gegen den Abbau, den Tamedia am 5. Oktober angekündigt hat und der 41 Mitarbeitende die Stelle kostet (persoenlich.com berichtete). «Dass ein Teil von Euch der Sorge, Enttäuschung und Kritik auf diese Weise Ausdruck verleiht, ist Euer Recht», schreibt die fünfköpfige Geschäftsleitung um CEO Jessica Peppel-Schulz. Doch am Stellenabbau hält sie fest.
«An den Massnahmen halten wir fest»
Als Grund nennt die Unternehmensspitze den Werbemarkt, der im Print wie im Digitalen stark unter Druck stehe, und die sich rasch wandelnde Mediennutzung. Die Transformationsstrategie komme zwar voran, doch «der Markt verändert sich schneller, als wir unsere Transformation vorantreiben können», schreibt die Geschäftsleitung. Darum kämen auch die Personalkosten und die Zahl der Stellen auf den Prüfstand. Das sei schmerzhaft. «Wirtschaftliche Unabhängigkeit ist jedoch die Voraussetzung dafür, dass wir auch künftig unabhängigen Qualitätsjournalismus ermöglichen können. An den angekündigten Massnahmen halten wir deshalb fest», heisst es im Schreiben.
Als «schlicht falsch» bezeichnet die Geschäftsleitung die Behauptung, Tamedia nehme ihre soziale Verantwortung nicht wahr und lehne Verhandlungen über soziale Belange ab. Sie verweist auf den Sozialplan und auf Verhandlungen mit den Sozialpartnern. Die Redaktionen hatten in ihrem Communiqué vom 16. Oktober fehlende Dialogbereitschaft kritisiert. Für die Deutschschweiz, wo anders als in der Romandie kein Gesamtarbeitsvertrag gilt, widerspricht die Gewerkschaft Syndicom. «Wir sind nicht vorgängig über den Abbau informiert worden», sagt Stephanie Vonarburg, Leiterin des Sektors Medien, gegenüber persoenlich.com. «Und es gab bisher weder Gespräche noch Verhandlungen.»
Auch personelle Konsequenzen für die Führung
Auf die zentralen Forderungen der Belegschaft geht das Schreiben nicht ein. Die Personalversammlung der Standorte Bern, Basel und Zürich hatte «einen sofortigen Kündigungsstopp und ein Konsultationsverfahren auch in der Deutschschweiz» verlangt. Ausserdem fordern die Redaktionen personelle Konsequenzen in der Führung. Dazu heisst es im Schreiben nur, man nehme die Anliegen der Mitarbeitendenvertretungen weiterhin ernst und bleibe dem konstruktiven Dialog verpflichtet.
Uneinig ist man sich auch bei der künstlichen Intelligenz. Die Redaktionen verlangen Investitionen in Journalismus, der von Menschen gemacht wird, denn «die Leserinnen und Leser sind nicht bereit, für KI-generierten Journalismus zu bezahlen». Die Geschäftsleitung hält dagegen: «Für uns ist das kein Entweder-oder.» Starker Journalismus brauche qualifizierte Menschen und moderne Technologie. Ähnlich argumentierte Verleger Pietro Supino bereits im Juni in seinem Verlegerischen Credo. Tamedia setze KI proaktiv ein, auch um standardisierte Inhalte zu automatisieren. «Menschen tragen die Verantwortung und schaffen den entscheidenden Mehrwert», schrieb Supino.
Siebte Entlassungswelle in sechs Jahren
Im Rahmen des Anfang Oktober angekündigten Abbaus sollen34 Vollzeitstellen wegfallen, 30 davon in der Publizistik. Nach Angaben der Redaktionen ist es die siebte Entlassungswelle in sechs Jahren. Angekündigt wurde der Abbau fünf Tage nach dem Ende eines Entlassungsstopps, mitten in den Herbstferien und ohne Konsultation oder Freiwilligenprogramm.
Innert weniger Stunden unterschrieben 270 Mitarbeitende eine Forderung nach einem Konsultationsverfahren. Die Geschäftsleitung lehnt das ab. Laut den Redaktionen begründete sie das damit, sie wolle den Betroffenen rasch Klarheit geben. Die Redaktionen behalten sich «weitere Schritte» vor.