Die Löhne in der grafischen Industrie sind in den vergangenen Jahren zum Teil massiv gesunken. Dies geht aus einer vom Schweizerischen Verband für visuelle Kommunikation Viscom veröffentlichten Lohnstatistik hervor. Das Berufspersonal erhielt demnach 2004 mit durchschnittlich 5764 Franken knapp ein Prozent weniger Lohn als 2003. "persoenlich.com" präsentiert die Situationsanalyse des Viscom zur Lage der grafischen Industrie im O-Ton:
Das hohe Lohnniveau in der grafischen Industrie ist einerseits historisch bedingt. In den "goldenen Jahren der grafischen Industrie war die Branche geprägt von einem chronischen Mangel an Spezialisten und Fachkräften. Der rasche Wertschöpfungs- und Beschäftigungszuwachs machte die grafische Industrie zu einer Hochlohnbranche mit einem hohen Standesbewusstsein. Gleichzeitig verfügten die Gewerkschaften über eine starke Marktmacht.
Die Knappheit an Arbeitskräften und der hohe Organisationsgrad der Arbeitnehmerschaft hatten einen unmittelbaren Einfluss auf die Ausgestaltung der Gesamtarbeitsverträge.
Erstmalig gesunkener Nominallohn
Eine schrumpfende Branche wie die grafische Industrie ist gekennzeichnet durch einen höheren Anteil älterer Arbeitnehmenden mit entsprechend hohen Löhnen bzw. Lohnnebenkosten. Vor diesem Hintergrund ist es nachvollziehbar, dass der Nominallohn von Berufsleuten zwischen 2002 und 2004 erstmalig gesunken ist. Mitarbeitende, die in Pension gehen, werden -- sofern die Stelle erhalten bleibt -- mit Fachkräften zu deutlich tieferen Löhnen ersetzt, wodurch die Durchschnittslöhne sinken.
Demgegenüber fällt auf, dass die Löhne des weiblichen Berufspersonals zwischen 2002 und 2004 erneut deutlich angestiegen sind. Die "Lohnschere Mann/Frau beginnt sich allmählich zu schliessen, indem die Frauen eine höhere Bildungsbeteiligung im Arbeitsmarkt vermehrt umsetzen. Sie reduzierte sich bei den Berufsleuten von 2002 auf 2004 von 13 Prozent auf 10 Prozent.
(* Die Viscom Lohnstatistik 2004 wertet 5474 Löhne der grafischen Industrie aus.)
Lohn und Wertschöpfung
Als dritter Punkt ist zu erwähnen, dass sich die Lohnzuwächse am Produktivitätswachstum orientieren müssen. Rationalisierungsschübe in der grafischen Industrie führten ab den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu einer höheren Bruttowertschöpfung pro Kopf. Die wertschöpfungsintensiven Produktionsprozesse förderten die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften bis in die achtziger Jahre.
Die zunehmende Bedeutung der Kommunikation schuf zusätzlich den Bedarf an neuen Berufen und Ausbildungen. Verschiedene Faktoren bewirkten so ein ansteigendes Lohnniveau sowie eine ausserordentlich hohe Beschäftigung. Heute liegt die Bruttowertschöpfung der grafischen Industrie pro Kopf im unteren Mittelfeld. Bei den Löhnen andererseits schwingt die Branche zusammen mit der Finanz- und Chemiebranche immer noch obenauf.
Wettbewerbsfähigkeit
Ein Lohnniveau, das die relativ tiefe Bruttowertschöpfung der Branche dauerhaft übersteigt, beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Entsprechend muss der Arbeitsmarkt auch in Zukunft möglichst flexibel bleiben. In der Schweiz wurde auf die schlechte Konjunkturlage neben den Rückzügen weiblicher, ausländischer und jugendlicher Erwerbstätiger aus dem Arbeitsmarkt auch mit innerbetrieblich zurückhaltenden Lohnforderungen reagiert.
Über lange Strecken verlief die Lohnbildung in der grafischen Industrie über der Produktivitätsentwicklung. Seit den neunziger Jahren verläuft die Lohnbildung jedoch moderat. Mindestlohndebatten wie an den letztjährigen GAV-Verhandlungen bergen gleichwohl die Gefahr einer weiteren Abkoppelung der Löhne von der Wertschöpfung.
Lohnanpassungen von 1.2 Prozent
Viscom Schweizerischer Verband für visuelle Kommunikation hat bei seinen Mitgliedfirmen aus der grafischen Industrie für das Jahr 2005 durchschnittliche Lohnanpassungen von 1.2 Prozent erhoben. Sie liegen somit höher als die durchschnittliche Jahresteuerung von 0.8 Prozent.
In diesem Zusammenhang gilt es darauf hinzuweisen, dass ein Teil der Lohnanpassung auf die Kompensation der Krankentaggeldversicherung zurückzuführen ist. Mit dem neuen Gesamtarbeitsvertrag trägt der Arbeitnehmer die Hälfte der Krankentaggeldprämie. Der hälftige Arbeit-nehmeranteil wurde dem neuen Salär zugeschlagen. Auf diese Weise erfolgt die Einführung der paritätischen Regelung einkommensneutral.
Die von Viscom durchgeführte Erhebung zu den Lohnanpassungsverhandlungen für das Jahr 2005 kommt zu folgenden Ergebnissen:
Grosse Heterogenität
Bei 34 Prozent der Firmen erfolgte eine Nullrunde. In 21 Prozent der Betriebe erhielten die Arbeitnehmer bis zu einem Prozent mehr Lohn. Auf Lohnerhöhungen zwischen einem und zwei Prozent einigte man sich in 29 Prozent der Betriebe. Über zwei Prozent mehr Lohn gab es in 15 Prozent der Firmen, wohingegen in zwei Betrieben die Löhne um 0.5 Prozent gekürzt werden mussten.
78 Prozent der Betriebe mit Lohnanpassungen haben von der Möglichkeit individueller Lohnanpassungen Gebrauch gemacht. Daneben wurden viele Sonderlösungen gewählt wie Erfolgsbeteiligungen, Boni und andere Vergütungen.
Die Umfrage zeigt, dass sich die betriebsindividuellen Lohnverhandlungen bewähren. Mit dem im Gesamtarbeitsvertrag von 1995 eingeführten Modell ist es möglich, den unterschiedlichen Ertragslagen der Betriebe besser Rechnung zu tragen. Zudem kann die Lohnpolitik individuell und leistungsabhängig ausfallen.