Das Zürcher Medienhaus Tamedia verzeichnet für 2009 noch einen Betriebsgewinn (EBIT) von 51,6 Mio. Franken - 61,3 Prozent weniger als im Vorjahr. Der starke Rückgang der Werbeeinnahmen habe den Umsatz um 14 Prozent schmelzen lassen. Über 90 Prozent des Rückgangs sei mit der Konjunktur und ihrem Zyklus erklärbar, sagte CEO Martin Kall bei der Präsentation des Ergebnisses am Donnerstagmittag in Zürich. Trotzdem zeigt sich der Konzern generell zufrieden. Der Umsatz betrug insgesamt 766 Millionen Franken, 124,1 Millionen weniger als im Vorjahr. Unter dem Strich verdiente Tamedia noch 46,7 Millionen Franken. Das sind 55,8 Prozent weniger als noch 2008.
Einen positiven Beitrag zur Umsatzentwicklung leisteten die Pendlerzeitung "L'essentiel", die Online-Plattformen Homegate.ch, Tilllate.ch, Search.ch sowie das Newsnetz, wie Tamedia am Donnerstag mitteilte.
Deutliche Umsatzverluste verzeichneten "Berner Zeitung", "SonntagsZeitung" sowie die Stellenbeilagen des "Tages-Anzeiger". Die im Verlauf des Jahres ergriffenen Kostensenkungsmassnahmen wurden erst zum Ende des Jahres 2009 wirksam, heisst es weiter. Dank Online-Portalen wächst jedoch das Geschäftsfeld Elektronische Medien. (pers/sda)
Interview mit Martin Kall, CEO von Tamedia
Herr Kall, im Bereich Online hat man bei Tamedia im letzten Jahr stark zugelegt und ist weiterhin stark am Wachsen. Der Bereich macht nun 9 Prozent des Umsatzes aus. Mittlerweile beschäftigen Sie in diesem Geschäftsbereich 390 Mitarbeiter. Nimmt man sich da Ringier zum Vorbild?
Nein, ich glaube wir orientieren uns wenn überhaupt an erfolgreichen Modellen im Ausland, wie zum Beispiel Schibsted. In der Schweiz sind wir nach meinem Eindruck in der führenden Position.
Auch das Medienhaus Tamedia wird immer diverser. Könnte man sich auch analog zu Ringier vorstellen mehr in den Entertainment Sektor vorzudringen und beispielsweise Ticketing zu betreiben?
Ich glaube, jedes dieser Medienhäuser hat unterschiedliche Stärken. Ringier hat enorme Stärken in diesem Bereich. Was für den einen richtig ist, mag für den anderen jedoch eher die falsche Wahl sein. Das ist ja auch das Gute, dass wir unterschiedliche Strategien wählen können. Wir sind ein Haus mit vielen regionalen Medien, das ist Ringier nicht. Daraus ergeben sich unterschiedliche Strategien. Darum kommt dieses Vorgehen für uns auch nicht in Frage.
Sie wollen den Online-Bereich weiter ausbauen und im Jahr 2012 einen Viertel ihres Umsatzes im Internet verdienen. Habe ich Sie richtig verstanden, dass dies vor allem mit Produkten und Plattformen geschehen soll, die redaktionell gespiesen werden?
Wir haben einen Hauptschwerpunkt bei den Newssites (u.a. 20min.ch und Newsnetz, Anm. d. Red.) und den Websites im "Classified"-Bereich (u.a. homegate.ch und jopup.ch, Anm. d. Red.). Daneben halten wir Beteiligungen an Plattformen und Produkten im Services-Bereich (derzeit u.a. search.ch und fashionfriends.ch, Anm. d. Red.), die uns als unternehmerisch interessant erscheinen. Aber der Schwerpunkt liegt derzeit und auch in Zukunft auf den ersten beiden Bereichen.
Bei 20 Minuten ist der Umsatz im letzten Jahr zum ersten Mal zurückgegangen. Ist da die Erfolgsgrenze erreicht oder bereits überschritten worden?
Nein, das ist schlicht und einfach ein Konjunktureffekt. Unsere Werbekunden haben auch dort die Budgets kürzen müssen. Aber "20 Minuten" hat sich auch im letzten Jahr hervorragend gehalten nach meinem Eindruck hat der Titel im Werbemarkt sogar Marktanteile gewonnen. Und wir sehen auch weiterhin Wachstumspotential. Zum Einen in der Westschweiz, zum Anderen im Magazinbereich mit dem äusserst erfolgreich gestarteten 20 Minuten Friday. Aber natürlich haben wir mittlerweile eine Grössenordnung erreicht, die um ein vielfaches höher liegt als vor sechs, sieben Jahren. Und daher ist es auch ganz logisch, dass sich das Wachstum verringert.
Der zu Ringier gehörende Sender Radio Energy hat sich kürzlich nach Bern hin ausgeweitet und Energy Bern gegründet. Man munkelt, dass Radio 24 ähnliche Pläne hegt und Capitol FM in ähnlicher Weise umstrukturieren soll. Stimmt das?
In allen Medienbereichen überlegen wir: Wo gibt es interessante Möglichkeiten zur Zusammenarbeit? Wo hilft das beiden? Genau wie im Fall von "Der Bund" und "Tages-Anzeiger". Im Fall von Radio Energy liegt der Fall so: Energy ist ja nicht nur in der Schweiz präsent, sondern auch in mehreren europäischen Ländern. Auch dort mag es bei den einzelnen Sendern Unterschiede in der Strategie geben. Wir werden uns das anschauen. Wir wissen aber auch, dass im Regionalradiomarkt der Schweiz mit zwei Konzessionen die Grenze bereits erreicht ist.
Also peilt Radio 24 keine "nationale" Strategie an?
Nein, das ist gar nicht möglich. Bei zwei Radiokonzessionen ist das Ende einer solchen Strategie erreicht.
(Interview: Adrian Schräder)