12.02.2007

"Gewisse Journalisten betrachten die Kopps als Freiwild"

Fast zwanzig Jahre nach dem Rücktritt von Elisabeth Kopp sorgt der Film "Winterreise" über die erste Bundesrätin in den Medien für Wirbel -- und polarisiert. So sehr, dass selbst gestandene Journalisten ihre Grundsätze über Bord werfen und wider besseres Wissen Unwahrheiten und Gemeinheiten verbreiten, wie Andres Brütsch, Regisseur des Dok-Films findet. "Mir werden Dinge unterstellt, die schlicht und ergreifend falsch sind", sagt er im Interview mit "persoenlich.com".
"Gewisse Journalisten betrachten die Kopps als Freiwild"

Herr Brütsch, seit zwei Wochen läuft "Winterreise". Wie wurde Ihr Film aufgenommen?

Der Rummel war weit grösser als erwartet. Mit meinem Film gingen die Medien auf zwei Arten um: Einerseits kam der Film im Feuilleton gut weg. Das freut mich. Andererseits haben sich auch die Inlandredaktionen des Themas bemächtigt -- und dort tönte es je nach politischer Richtung ganz anders. Mich erstaunte, dass man auch heute noch auf die alten Muster zurückgreift.

Wovon sprechen Sie?

Die alten Hasen, die schon vor zwanzig Jahren über den Fall Kopp berichteten, haben sich wieder zu Wort gemeldet und wehren sich nun. Sie betrachten die Kopps als Freiwild, das zum Abschuss freigegeben ist. Wer feuert, gilt als cool. Dabei können die Journalisten ungestraft Dinge behaupten, die erwiesenermassen falsch sind. Verrückt daran ist, dass in den selben Topf geworfen wird, wer auch nur scheinbar etwas mit den Kopps zu tun hat. Mir wurden Dinge unterstellt, die schlicht und ergreifend unwahr sind.

Zum Beispiel?

Die Basler Zeitung etwa unterstellt mir indirekt, als Präsident einer "Zürcher Stiftung für den Film" Einfluss auf die Vergabe von öffentlichen Geldern genommen zu haben. Der BaZ-Journalist nahm sich nicht einmal die Mühe abzuklären, wie die Stiftung heisst. Er brachte zwei völlig verschiedene Institutionen durcheinander. Es gibt den Lobby-Verband "Zürich für den Film", den ich präsidiere und der nur über eine ganz geringe finanzielle Kraft verfügt. Dann gibt es die Zürcher Filmstiftung, der Stadtpräsident Elmar Ledergerber als Präsident des Stiftungsrats vorsteht. In der BaZ wurde ich dann plötzlich Präsident der Zürcher Filmstiftung. Dass der Präsident der Stiftung gar keinen Einfluss auf die Vergabe der Gelder nehmen kann, kommt noch dazu. All das interessierte den Journalisten aber nicht -- wichtig war allein, den Film schlecht zu machen.

An welche anderen Medientitel richtet sich Ihre Kritik?

Zum Teil haben sich die alten Hasen auch angedient. Ich weiss, dass sich Rolf Wespe beim Tages-Anzeiger gemeldet hat, um über den Film schreiben zu können. Wespe findet den Film gut, aber auch er will nicht loslassen, wenn es um den Fall Kopp geht. Im Artikel wird hervorgehoben, ich sei ein Werbefilmer. Das stimmt, unter anderem bin ich das und schäme mich keineswegs dafür. Nur wurde der bis auf den letzten Franken unabhängig finanzierte Film in einen Kontext gestellt, als sei "Winterreise" ein Auftragsfilm, für dessen Realisierung man einen Werber gesucht hat. Über dem Artikel ist ein Cartoon zu sehen, in dem es heisst "Wer hat den Film eigentlich finanziert?". Das ist schon eher bösartig.

Wurde der Fall Kopp ihrer Ansicht nach von einzelnen Medien bewusst verzerrt dargestellt?

Die BaZ behauptete, Frau Kopp habe ihren Mann gewarnt, er solle aus dieser dubiosen Firma austreten, gegen die ein Strafverfahren laufe. Das stimmt nicht und geht für mich in Richtung Rufmord. Ich bin nicht Pro-Kopp und finde durchaus, dass das Ehepaar Fehler gemacht hat -- was man im Film im Übrigen auch sieht. Es geht aber nicht an, noch heute nachweislich falsche Fakten zu verbreiten. Gegen die Firma Shakarchi lief nie eine Strafuntersuchung. Wenn man das weiss, und es trotzdem immer noch behauptet, ist das für mich ein Skandal. Und wenn man es auch nach bald zwanzig Jahren nicht weiss, dann ist man als Journalist, der sich befähigt fühlt, über den Fall Kopp zu schreiben, wenig glaubwürdig.

Müssten also Ihrer Auffassung nach auch die Journalisten selbst Vergangenheitsbewältigung leisten?

Ja. Man wirft Frau Kopp vor, sie sei uneinsichtig. Das mag -- zumindest für eine gewisse Zeit lang -- gestimmt haben. Nur: die Journalisten sind keinen Deut besser. Auch sie versuchen, an ihren alten Behauptungen festzuhalten, obwohl Untersuchungen das Gegenteil beweisen. Der Shakarchi konnte man nicht nachweisen, dass sie in dubiose Geschäfte verwickelt ist. Damit gilt die Unschuldsvermutung. Nur weil die Firma einen Namen aus dem arabischen Raum hat, ist die Firma deswegen noch lange nicht kriminell.

An ihrem Film wurde kritisiert, dass er politischen Fragen ausweiche.

Mir ging es darum, eine persönliche Annäherung an Frau Kopp zu wagen. Ich wollte als Bürger herausfinden, welcher Mensch hinter Elisabeth Kopp steckt. Mit meinem Porträt wollte ich eine differenzierte Sicht auf die erste Bundesrätin ermöglichen -- und keinesfalls die alte Polemik -- hier gut, da böse -- wieder in Gang setzen.

War es denn Ihr Anspruch, mit Ihrem Film gewissermassen eine Vergangenheitsbewältigung in Gang zu setzen?

Ich hätte mir gewünscht, dass die Betrachtung des Falles aus der Distanz etwas entkrampfter ausfällt. Ich hoffte, dazu beizutragen, dass den Kopps mit einer grösseren Objektivität begegnet wird. Der Film sollte ein Auslöser dazu sein, dass das Bild der ersten Bundesrätin in den Geschichtsbüchern etwas korrekter dargestellt wird. In dieser Hinsicht war ich offenbar etwas zu optimistisch.

Trotzdem: Was hat der Film ausgelöst?

Mich hat gefreut, dass ich als Filmemacher von kompetenter Seite für den Film gelobt wurde. Weiter konnte der Film dazu beitragen, dass viele junge Menschen über einen Teil der jüngeren Schweizer Geschichte informiert werden, über den sie davor kaum Bescheid wussten. Der Film stellt somit ein Zeitdokument dar, welches seinen Wert behält. Er verhehlt nicht, dass auf Seiten der Kopps vieles schief gelaufen ist und er thematisiert die fast bedingungslose Loyalität der Ehepartner, welche zu verhängnisvollen Konsequenzen führte. Wer willig ist, alle Ingredienzen des Films aufzunehmen, erhält ein weitgehend richtiges und aussagestarkes Bild über die Geschichte.


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