Giovanni di Lorenzo im Interview

"Zeit" - "Wir arbeiten für ein Blatt, das stärker ist als jede einzelne Person"

In Zeiten, in denen News wie Fastfood verschlungen werden, mutet eine Zeitung, deren durchschnittliche Lesedauer drei Stunden beträgt, schon fast anachronistisch an. Doch statt auf kleine Häppchen umzusatteln, bleibt Giovanni di Lorenzo, Chefredaktor der "Zeit", mit Erfolg standhaft. Im Gespräch mit persoenlich.com zieht der 53-jährige Italo-Deutsche Bilanz nach vier Jahren Schweizer Ausgabe, pocht auf Unabhängigkeit und Qualität und dankt Konkurrent Roger Köppel. Zum Interview:

Herr di Lorenzo, kürzlich verschickten Sie einen Fragebogen an die Leserinnen und Leser der Schweizer Ausgabe der "Zeit". Mit Fragen wie: Welche Ansprüche haben Sie an guten Journalismus? Was für Themen interessieren Sie? Und was würden Sie sich von uns wünschen? – Interessieren Sie sich wirklich für die Antworten?

Ja. Die "Zeit" hat in den letzten Jahren wie kaum ein anderes Blatt wirklich versucht zu ergründen, für wen wir die Zeitung machen. Das war auch für uns eine Umstellung. Für uns galt ganz lange der Satz: "Wir machen die Zeitung, die uns gefällt." Auf die Spitze getrieben, führt diese Einstellung zum reinen Autismus.

Auf mich wirkte diese als Umfrage verpackte Abo-Aktion sehr unsicher. Zu unsicher für eine Zeitung mit einem so guten Standing und Renommee wie "Die Zeit". Sind die Zeiten denn so unsicher?

Ganz allgemein sind die Zeiten unsicher, das ist so. Und da beklage ich, dass wir verzagter auftreten, als wir müssten. Bei der "Zeit" haben wir in den letzten Jahren nicht viel Grund gehabt uns zu beklagen, da haben Sie Recht. Trotzdem: Gewisse Dinge sollte man herausfinden und auch verändern, so lange es einem gut geht. Nicht wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.

Ich habe mich geehrt gefühlt, dass die "Zeit" mich um meine Meinung fragt und habe angefangen den Fragebogen auszufüllen. Im Kleingedruckten stand dann aber, man müsse aktiv wieder kündigen, wenn man den Bogen einschickt. Eine Falle!

Gut, da will ich auch keinen Eindruck erwecken, der nicht zu halten ist: Das ist eine Verlagsaktion. Aber eine intelligente, wie ich finde, weil wir auch was davon haben. Ich würde mich dagegen wehren, wenn ich sie als unanständig einschätzen würde.

Ist das Ihre einzige Methode sich Feedback einzuholen?

Nein, natürlich nicht. Ich bin oft im Kontakt mit unseren Lesern. Da lernt man immer was dazu. Ganz zu Anfang haben wir das Schweizer Reader-Scan-Verfahren angewandt. Die Leser arbeiten dabei die Zeitung mit elektronischen Stiften durch. Das heisst, man kann ihr Leseverhalten ganz genau nachvollziehen. Also auch jede Stelle, an der sie aussteigen. Das bringt für Redaktionen und Autoren geradezu erschütternde Erkenntnisse. Es gibt Texte, da verlieren sie im Verlaufe des Stückes Dreiviertel der Leser. Es gibt auch Texte, die keiner liest.

Warum nicht?

Weil sie schlecht platziert sind und gelegentlich offenbar für den Leser völlig uninteressant.

Haben Sie daraus Handlungen abgeleitet?

Nein, keine direkten, wir wollen keinen Quotenjournalismus. Aber für die Kollegen war das pädagogisch durchaus wertvoll.

Wann haben Sie zuletzt eine Leserbefragung durchgeführt?

Jetzt im Sommer. Wir haben die Lesern der "Zeit", aber auch die unserer wichtigsten Konkurrenten wie "Spiegel", "Süddeutsche Zeitung", "FAZ" und "FAS" um eine Einschätzung ihrer Blätter gebeten. Die wussten nicht, wer der Auftraggeber war. Das im Vergleich war schon irrsinnig interessant.

Konkret?

Eine der interessantesten Erkenntnisse war die folgende: Die Leser ordnen unsere Konkurrenzblätter einer klaren politischen Richtung zu, während sie unser Blatt eindeutig und ohne irgendeinen Zweifel als strikt überparteilich wahrnehmen.

Die Schweizer Ausgabe der "Zeit" gibt es seit bald vier Jahren. Was ziehen Sie für eine Bilanz?

Sie hat unsere Erwartungen übertroffen. Wir konnten unsere Auflage in der Schweiz seit dem Start der Regionalseiten deutlich steigern. Und es sind vor allem auch langlebige Abos, die wir dadurch gewonnen haben. Das haben wir zwar gehofft, aber nicht erwartet. Inzwischen trägt sich dieses Engagement auch selbst. Es ist also nicht mehr so, dass wir aus der Zentrale Geld einschiessen.

Meine Eltern sind Abonnenten der "Zeit" und stellen ihr ein ausgezeichnetes Zeugnis aus. Einziger Einwand: Die Schweizer Seiten seien für sie völlig überflüssig. Sie fragen sich, an wen sich diese Seiten richten.

Ich höre diesen Einwand gelegentlich – auch in Österreich, wo wir ebenso erfolgreich mit dem gleichen Modell unterwegs sind. Es ist unser Anspruch, Geschichten zu bringen, die man so leicht nicht in anderen Medien findet. Das gelingt natürlich nicht immer, aber hin und wieder haben wir doch einen anderen Punkt, eine andere Perspektive. Und schaden tun die Extraseiten auch denen nicht, die sie für überflüssig halten. Die Zahlen sprechen Gott sei Dank eine andere Sprache. Im besten Fall sollen die Seiten aus dem eigenen Lebensbereich wie eine Einstiegsdroge zum Lesen der gesamten Zeitung wirken, und ich denke, das tun sie auch.

Abgeholt sollen die Leser auch von Ihnen selbst werden: Immer wieder sind Sie in den letzten Jahren hierzulande als Interviewer aufgetreten. Gehört das heute zur Rolle eines Chefredaktors?

Ich glaube, man muss wie bei allem differenzieren: Wir arbeiten für ein Blatt, das stärker ist als jede einzelne Person. Ein riesiges Kapital, von dem wir leben. Aber eine Zeitung braucht beides: Seele und Gesicht. Der Chefredakteur der "Zeit" muss auch ein Stück weit erkennbar sein. Aber natürlich nicht als einsamer Vorturner. Bei der "Zeit" sind viele Kolleginnen und Kollegen präsent und bekannt.

Ihre Zeitung ist unglaublich umfangreich: Neun Bünde, ein Magazin, Sonderbeilagen. Wie gehen Ihre Leser mit all diesen Informationen um?

Sie haben die freie Wahl. Wir müssen unsere Leser ermutigen nach dem Lustprinzip zu lesen. Früher herrschte ganz stark die Haltung vor: Wenn ich das Blatt kaufe, muss ich’s auch ganz durcharbeiten. Dieser Pflicht sollte man den Leser entbinden. Die durchschnittliche Lesezeit der "Zeit" beträgt immer noch drei Stunden. Das ist schon eine ganze Menge.

Rolf Dobelli, der sowohl bei Ihnen, wie auch in der Schweizer "Sonntagszeitung" eine Kolumne unterhält, hat kürzlich geschrieben, er lebe besser seit er sich vom News-Konsum losgesagt habe. Kann man das überhaupt?

Man darf sich nicht ständig von News bombardieren lassen. Das bringt gar nichts. Denn sie sind ja oft losgelöst von einer Erklärung. Ich glaube, dass die "Zeit" geradezu das Gegenprogramm zu dem ist, was die Leute sonst so konsumieren und was sie zunehmend auch tyrannisiert und überfordert. "Die Zeit" ist ein Stück Papier gewordene Entschleunigung. Zeitungen werden mehr und mehr der Rückzugsort für Menschen, die nicht möchten, dass sie auch noch bei ihrem Leseverhalten kontrolliert werden.

Kurt W. Zimmermann, Kolumnist der "Weltwoche", hat kürzlich wieder das Thema gebührenfinanzierte Zeitungen aufs Parkett gebracht. Er schoss damit indirekt gegen die SRG, aber dennoch: Was sagen Sie dazu?

Die Rettungsschirme sind auch in Deutschland diskutiert worden. Der Vorschlag kam auch aus sehr berufenem Munde, zum Beispiel vom Philosophen Jürgen Habermas. Wir wollen allerdings die Wette aufrechterhalten, dass es auch ohne geht. Denn so ein Schritt bedeutet immer die Aufgabe eines gewissen Teils der Unabhängigkeit.

Im "Zeit Magazin" gibt es eine Rubrik mit Namen "Ich habe einen Traum", in der bekannte Menschen von einem wiederkehrenden Traum berichten. Haben Sie noch einen publizistischen Traum?

Ja, den habe ich. Aber da ich zur Hälfte Italiener bin, bin ich auch ein bisschen abergläubisch. Und deshalb habe ich das Gefühl, dass der niemals eintritt, wenn ich den verraten würde.

Hat er denn was mit Printmedien zu tun?

Ja, natürlich. Wobei auch ich immer kleine eskapistische Träume hege: Jeden Tag ausschlafen, im Bett liegen und sich quer durch die "Süddeutsche", den "Spiegel", die "FAZ" und die "Zeit" lesen, das wär’ auch was.

Der Chef der grössten Schweizer Media-Agentur sagte kürzlich: "Print ist unsexy." Spätestens in acht Jahren sei Print komplett tot. Sie scheinen trotzdem einen unerschütterlichen Glauben an Printjournalismus zu haben.

Ich habe einen unerschütterlichen Glauben an Qualität. Wenn Sie mich fragen, wie lange es Print noch gibt, sage ich einfach: Ich bin kein Holzhändler, sondern ich möchte Inhalte transportieren. Und da ist es mir gleich, ob das jetzt über ein digitales Medium oder über Papier läuft. Die eigentliche Zukunftsfrage ist für mich daher: Wer finanziert diese Art von Journalismus? Das Medium selbst ist zweitrangig.

Wer ist eigentlich der bessere Selbstvermarkter, Sie oder Roger Köppel?

Bei uns darf es keine Selbstvermarktung geben: Ohne "Zeit" sind wir alle nur noch sehr klein. Roger ist da vielleicht in einer anderen Lage: Die neue Ausrichtung der "Weltwoche" hat ganz wesentlich mit seiner Person zu tun. Im Übrigen sind wir ihm dankbar: Unser Erfolg in der Schweiz hat sicher auch damit zu tun, dass ein Teil der früheren "Weltwoche"-Leser heimatlos geworden ist.

Interview: Adrian Schräder//Bilder: Lukas Mäder (lukasmaeder.ch)

Das ausführliche Interview mit Giovanni di Lorenzo lesen Sie in der Dezember-Ausgabe von "persönlich".