Herr van Huisseling, SF startet bereits zum vierten Mal ein Wettsingen und die Zuschauer werden wohl wieder in Scharen zusehen. Warum funktioniert dieses Format auch bei der x-ten Wiederholung auf dem x-ten Sender?
Das liegt vor allem am sensationellen Sendeplatz am Sonntagabend. Nach unten ist man Quotenmässig abgesichert. Die Schweizer Filme, die sonst zu dieser Zeit laufen, erreichen im Schnitt nie ein so grosses Publikum. Ausserdem sind die SF-Filme in der Produktion wesentlich teurer als "MusicStar". Bei der Casting-Show nimmt man durch das Voting gar noch Geld ein. Der Sender kann also gar nicht verlieren.
Sie glauben nicht, dass das Format-Konzept an und für sich den Erfolg garantiert?
Bei anderen Sendern laufen ähnliche Casting-Shows grundsätzlich nicht mehr so erfolgreich wie früher. Ausser es spielen sich im Laufe der Staffel menschliche Dramen ab oder ein Kandidat entpuppt sich als sehr charismatische Person. Aber eine generelle Erfolgsgarantie bietet das Konzept nicht mehr. Allerdings kann sich der Zuschauer durch die permanente Bewerbung und den Medienhype, der um das Ganze herum inszeniert wird, der Sendung fast nicht entziehen.
Wollen Sie sagen, der Zuschauer will "MusicStar" gar nicht schauen, sondern wird dazu gezwungen?
Nein, so weit würde ich natürlich nicht gehen. Ein gewisses Publikumsinteresse ist sicher vorhanden. Aber eine Casting-Show ist nicht -- oder zumindest schon lange nicht mehr -- der absolute Superknaller, der durch den reinen Programminhalt zum Strassenfeger wird.
Trotz vielen Zuschauern, hat noch kein "MusicStar"-Sieger wirklich den Durchbruch im eigenen Land geschafft -- dies im krassen Gegensatz zu England oder den USA, wo sogar Weltstars geboren werden. Liegt das wirklich nur an der viel zitierten Grösse des Landes?
Bei einer Casting-Show will man keinen Star finden. In erster Linie geht es darum, ein Programm zu machen, das verhältnismässig wenig kostet. Der Sieger kann auch nur von der durchführenden Fernsehanstalt vermarktet werden, weil die anderen Sender ihre eigenen Stars der gleichen Preisklasse haben. Kommt beim Schweizer Fernsehen noch dazu, dass das Durchschnittsalter der Zuschauer mit gegen 60 sehr hoch ist. Die Mehrheit des Publikums von "MusicStar" interessiert sich für die menschlichen Dramen, aber nicht für die CDs, die nachher verkauft werden. In der Schweiz ist es aber mit oder ohne Casting-Show sehr schwer, ein Musikstar zu werden. Der Schritt über die Grenze ist noch schwieriger.
Was fehlt uns?
Für viele Leute in der Schweiz ist die Populärkultur uninteressant. Man muss sich vorstellen, als die englische Band Oasis auf dem Höhepunkt war und es Trennungsgerüchte gab, war das der englischen Zeitung "The Sun" die ersten acht Seiten wert. Wenn DJ Bobo einen rituellen Selbstmord begehen würde, würde er damit im "Blick" nur die Frontseite und einen weiteren Bericht auf Seite 2 füllen.
Warum gewinnen in der Schweiz nie die Kandidaten, die offensichtlich das grösste Starpotential haben? Denken wir an Baschi.
Bei einer Publikumswahl gewinnt nie der Beste, weil andere Kriterien eine wichtigere Rolle spielen. Frauen geben zum Beispiel auf keinen Fall der schönsten Kandidatin ihre Stimme. Das hat man nie so gut beobachten können, wie bei der Miss Schweiz-Wahl und Xenia Tchoumiteva. Keine Frau will, dass ihr Freund mit Xenia Kaffee trinken geht. Darum bekam Christa Rigozzi die Stimmen. Sie ist hübsch, aber keine Bedrohung. Die Zuschauer werden auch nie dem wilden Rocker zum Sieger machen. Sie bevorzugen den sympathischen Typen, der niemandem weh tut und mit dem sie sich identifizieren können.
Wie schafft es denn Dieter Bohlen bei "Deutschland sucht den Superstar", dass seine Favoriten meistens gewinnen?
Er ist ein Kompetenzzentrum, wie wir es in der Schweiz nie hatten. Der beste Juror war sicher Chris von Rohr, dafür war Noemi Nadelmann wohl die Fehlbesetzung überhaupt. Aber kein Jury-Mitglied in der Schweiz hat auch nur annähernd die Härte in den Aussagen wie Bohlen. Ich hab das bei "Superstar" versucht und bin deswegen aus der Jury geflogen. Die Idee, nur die Noten 1 für schlecht oder 10 für gut zu verteilen, beruhte übrigens auf einem Gedanken von Musikproduzent Roman Camenzind, damals Musikverantwortlicher der Sendung. Er meinte, eine CD verkauft sich nicht zu 70 Prozent. Sie werde ganz oder gar nicht gekauft.
Sie kritisieren, dass die Juroren in der Schweiz zu "nett" sind oder sein müssen. Sind wir ein Land der Weicheier?
Nein, ein Land der begrenzten Räume. Wenn ich in Berlin arbeite und den Boden durch kritische Aussagen verbrenne, finde ich in Hamburg oder Köln wieder frische Erde. In der Schweiz gibt es nur Zürich und dort begegne ich jedem mindestens zweimal. Das führt dazu, dass man hierzulande immer mit angezogener Handbremse spricht.
Was geben Sie als erfahrener Juror dem "MusicStar"-Neuling Gölä mit auf den Weg?
Der beste Tipp wäre, dass er gleich wieder aussteigen soll. Gölä ist zur völlig falschen Zeit Juror. Er hat eines der erfolgreichsten Alben des letzten Jahres herausgegeben. Normalerweise übernimmt man einen solchen Job, wenn man sich auf dem absteigenden Ast befindet. Oder dann ist es der Beruf, wie bei Roman Kilchsperger. Gewinnen kann Gölä nichts. Ist er zu weich, wird er als "Softie" wahrgenommen. Geht er zu hart ins Gericht, solidarisiert sich das Publikum mit dem Kandidaten und findet, der Juror soll es erstmal selber besser machen. Gölä befindet sich in einer klassischen Lose-Lose Situation. Falls er einen Berater hat, soll er ihn wechseln. Falls er keinen hat, soll er einen engagieren -- zum Beispiel mich (lacht).
Bei "Deutschland sucht den Superstar" wollen viele vor allem sehen, wie Dieter Bohlen die Kandidaten mit seinen vernichtenden Kritiken nach Hause schickt. Bei "MusicStar" ist die Rubrik "Leider nein" sehr beliebt. Warum will man die Leute versagen sehen?
Schadenfreude ist oft die schönste Freude. Man schaut gerne zu, wenn sich jemand zum Affen macht. Eine Sendung, die nur aus "Leider nein"-Beiträgen bestünde, hätte die höchsten Einschaltquoten von allen.
Die Casting-Formate sind in vielen Ländern und über lange Zeit ein Hit. Muss nicht doch mehr dahinter stecken als nur der Voyeurismus?
Der Punkt, an dem man alles gesehen hat, kommt wohl nie. Bald einmal wird weisse Farbe beim Abtrocknen gefilmt. Und sogar dafür würden sich Zuschauer finden. Man muss wirklich unterscheiden zwischen Sendungen, die geschaut werden, weil sie gut sind, und solchen, die geschaut werden, bloss weil sie ausgestrahlt werden.
Müssen solche Formate dann einfach immer noch krasser, intensiver werden, damit die Zuschauer bei der Stange gehalten werden können?
Der ehemalige Fernsehdirektor Peter Schellenberg hat einmal gesagt, die Aufgabe des Fernsehens sei es, die Langeweile des Lebens zu strukturieren. Es ist der falsche Ansatz, dass im TV heute alles hochgradig spannend sein muss. Ich komme aus einer Generation, die bewusst eingeschaltet hat, um ein bestimmtes Programm zu sehen. Für jüngere Generationen ist das Fernsehen oft nur noch ein Begleitmedium.
Die Fernsehsender suchen mit Casting-Shows nach allem Möglichen. Neben Sängern auch Models, Köche, Moderatoren, Zauberer, Manager und vieles mehr. Wann sind wir soweit, dass Unternehmen offene Stellen nur noch per Casting-Show ausschreiben?
Der Moment, an dem man aus allem eine Casting-Show machen kann, ist schon länger erreicht. Unvorstellbar ist wirklich nichts mehr.
Könnten wir in der Schweiz nicht die Bundesräte via Casting-Show bestimmen? Die Parteien hätten dann je einen Vertreter in der Jury, aber kein Stimmrecht.
(lacht) Das ist eine hervorragende Idee. Schreiben sie John de Mol, ein Politiker-Casting ist sicher weltweit adaptierbar.
Auf welche Sendung wartet die Welt sonst noch?
Es gibt bestimmt keine Casting-Show, auf die die Welt noch wartet. Aber es gibt auch keine Casting-Show, die nicht irgend jemanden findet, der sie schaut.
(Interview: Stefan Wyss)