"Gute Unternehmen erhält man nicht zu einem Schnäppchenpreis"

- Ralph Büchi ist nach der Übernahme des Jean-Frey Verlags durch Axel Springer der Mann der Stunde in der Schweizer Medienbranche. Der Geschäftsführer der bereits zu Springer gehörenden Verlagsgruppe HandelsZeitung leitet nun auch die Titel der Jean Frey. Das mächtigste Pressehaus Europas wird ihn an der langen Leine halten: "Solange wir in der Schweiz gute Leistungen erbringen, wird uns Axel Springer grosse unternehmerische Autonomie zugestehen", sagt er im Interview mit "persoenlich.com".

Herr Büchi, im Januar übernehmen Sie die operative Leitung über die Titel der Jean Frey. Welches sind die ersten Schritte, die sie unternehmen werden?

Bis in die ersten Januartage hat die Due Diligence-Prüfung Vorrang. Danach habe ich mir vorgenommen, viel zuzuhören und in ausführlichen Gesprächen mit den verantwortlichen Mitarbeitern der Titel -- den Chefredaktoren sowie den Verlags- und Anzeigenleitern -- die Publikationen, die Märkte und die Kunden der Jean Frey-Titel besser kennen zu lernen.

Gibt es keine Berührungsängste mit dem Führungspersonal des langjährigen Konkurrenten Bilanz?

Wir haben stets einen freundschaftlichen Wettbewerb gepflegt. René Lüchinger, Sandra Geiger und wir kennen uns seit Jahren. Das Konkurrenzverhältnis war immer von gegenseitigem Respekt geprägt.

Alle drei Titel der Jean Frey weisen rückläufige Auflagen auf. Sind von Ihnen einschneidende Massnahmen zu erwarten?

Es wurde mehrfach betont, dass der Jean Frey-Verlag in den vergangenen Jahren den Turnaround geschafft habe. Dazu gibt es folgendes anzufügen: Jene drei Titel und der Bereich Fachmedien, die wir gekauft haben, schreiben seit Jahren schwarze Zahlen. Da bedarf es keiner einschneidenden Massnahmen. Die Verluste der Jean Frey kamen damals aus anderer Quelle.

Der Weltwoche…

…das ist ja bekannt. Zurück zu Ihrer Frage: die Leserzahlen sind überall unter Druck, nicht nur bei unseren Publikationen. Beobachter und TV-Star legen aber seit Jahren eine überdurchschnittliche Konstanz an den Tag, der Beobachter ist vermutlich hierzulande die Zeitschrift mit der niedrigsten Fluktuationsrate. Wir können uns glücklich schätzen, zwei so stabile Titel im Portfolio zu haben. Was die Bilanz angeht: Die gesamte Wirtschaftspresse musste in den vergangenen Jahren Federn lassen. Die Bilanz war davon ebenso betroffen wie alle anderen Wirtschaftstitel. Heute aber spüre ich bei der Handelszeitung und erst recht bei Stocks, dass wir bei der Wirtschaftspresse den Boden gefunden haben und wieder zulegen können.

Wie wollen Sie den Leserschwund der Titel stoppen?

Einen Aufschwung im Lesermarkt erreicht man einzig über die stete Verbesserung der journalistischen Qualität und Leistung. Wer Mathias Döpfner am Dienstag zugehört hat, der weiss, dass dieses Bemühen bei Axel Springer zuvorderst auf der Prioritätenliste steht. Daneben gilt es, die Hausaufgaben zu machen: Wir müssen nach Synergien suchen und nach Wegen, den unvermeidlichen Fixkostenblock zu begrenzen und auf mehr Leistungsträger zu verteilen. Damit können wir die Rentabilität der einzelnen Titel steigern und in deren Qualität investieren.

Ihr Vorgänger Filippo Leutenegger liess die einzelnen Titel der Jean-Frey an der langen Leine. Werden Sie künftig den Chefredaktoren und Verlagsleitern der drei Titel stärker auf die Finger klopfen?

Wenn Sie über meinen Führungsstil etwas in Erfahrung bringen wollen, sollten Sie meine Mitarbeiter befragen. Ich selbst kann nur sagen, dass ich tief in meinem Herzen Journalist geblieben bin. Ich bin fest davon überzeugt, dass unsere originäre Aufgabe die publizistische Leistung ist. Der Endkunde bleibt, auch für unsere Inserenten, immer der Leser. Deshalb ist es entscheidend, wie wir unsere Zeitschriften machen. Es gibt keine wichtigere Aufgabe für einen Verleger, als seine Zeitungen und Zeitschriften im Dialog und in der Arbeit mit den Redaktionen ständig zu verbessern.

Und das Anzeigengeschäft?

Das Anzeigengeschäft ist so bedeutend, dass ich nicht bloss vom Schreibtisch aus grosse Verkaufsstrategien verkünden möchte. Zusammen mit unseren Anzeigenleitern stehe ich vielmehr an der Front, wo ich nur kann. Ich versuche vorzuleben, dass der Geschäftsführer auch der erste Verkäufer seines Unternehmens sein sollte.

Wieviel Autonomie lässt Ihnen Springer?

Wir befinden uns bereits im achten Jahr der Zusammenarbeit mit Axel Springer. Ich bin wohl einer der wenigen Unternehmer, der die Mehrheit an seiner Firma verkauft hat und acht Jahre später beim Käufer noch immer in leitender Position mit dabei ist. Das spricht doch zuallererst für den Käufer. Faszinierend an diesem Konzern ist, dass enorm viel Kompetenz und Fachwissen vorhanden ist, diese uns aber nicht aufgedrängt werden. Wir können uns das Know how vielmehr nach dem "Hol-Prinzip" beschaffen. Diese Möglichkeit nutzen wir auch sehr regelmässig. Zugleich verspüre ich bei meinen Kollegen in Deutschland eine grosse Bereitschaft, gemeinsam mit uns Projekte umzusetzen. Diesen Erfahrungsaustausch wollen wir in Zukunft noch vermehrt nutzen. Solange wir in der Schweiz gute Leistungen erbringen, wird uns Axel Springer dabei grosse unternehmerische Autonomie zugestehen.

140 Millionen Franken für die drei verbliebenen Titel der Jean-Frey sind ein sehr stolzer Preis. Widerspiegelt dieser Preis den tatsächlichen Wert des Verlags, oder hat sich Springer den strategischen Wert des Verlags im Schweizer Markt etwas kosten lassen?

Sie können mir glauben, dass man bei Axel Springer sehr gut rechnen kann. Dies hat der Verlag in den vergangenen Jahren zur Genüge bewiesen. Springer ist heute der erfolgreichste Verlag in Deutschland und wohl auch in Europa. Wir sind überzeugt, dass der Preis im Hinblick auf die zukünftigen Erträge gerechtfertigt ist.

Aber ein Schnäppchen war die Jean Frey nicht.

Gute Unternehmen erhält man nicht zu einem Schnäppchenpreis. Ein Beispiel: Vor zwei Wochen hat Nestlé das Nutrition Department der Novartis zu einem Preis erstanden, der 2.66 Mal dem Umsatz entspricht. Nestlé hat doch auch nicht den Ruf, ein Hasardeurspiel bei Akquisitionen zu betreiben. Wir bezahlen im Vergleich dazu für ein führendes Verlagshaus im Schweizer Markt mit tollen Marken und guten Ertragschancen zwei Mal den Umsatz. Das ist nicht aussergewöhnlich.

Darf man denn im gebeutelten Printgeschäft noch mit grossen Gewinnen in der Zukunft rechnen?

Wir sehen angesichts der Qualität der Titel erhebliche Chancen zu Wachstum und zu Gewinnsteigerungen. Der Preis steht deshalb in einem vernünftigen Verhältnis zum Kaufobjekt.

Stichwort Wachstum: Der Jean-Frey-Verlag hat es unter der Ägide von Leutenegger verpasst, neue Geschäftsfelder zu erschliessen. Sind auch Neulancierungen eine Option für Springer?

Wir besitzen grossartige Markenplattformen. Bilanz, Beobachter, Handelszeitung - das sind doch alles starke Marken. Darauf müssen wir aufbauen. Ein Beispiel: Auf der Basis der Handelszeitung haben wir zusammen mit unserem Anlegermagazin Stocks neue Finanz-Guides lanciert. Diese Neupublikationen sind ein grosser Erfolg. Auf der selben Schiene sehe ich das Projekt "Bilanz Home" bei der Bilanz. Solche Wege müssen wir beschreiten. Es gibt nur wenige Medienmarken in der Schweiz, die eine so hohe Glaubwürdigkeit besitzen wie der Beobachter. Es braucht nicht sehr viel Phantasie, um zu erkennen, welche Ausbauschritte auch da noch möglich wären.

Bleibt die Nähe zur Weltwoche bestehen?

Die Weltwoche ist bei uns ein hoch willkommener Gast. Mit Roger Köppel pflegen wir einen professionellen und freundschaftlich-kollegialen Kontakt. Er kennt das Haus Axel Springer bestens und weiss, wie sehr wir ihn schätzen - auch als unabhängigen Verleger. Wir glauben auch, dass eine punktuelle Zusammenarbeit mit Axel Springer seiner Weltwoche zusätzliche Chancen eröffnen kann.

Bleibt die Weltwoche zusammen mit den Jean-Frey-Titel im selben Gebäude an der Förrlibuckstrasse?

Die Jean Frey AG hat mit der Weltwoche Verlags AG einen Dienstleistungsvertrag unterzeichnet. Dieser Vertrag wurde für eine bestimmte Laufzeit fest abgeschlossen und umfasst die Miete der Räumlichkeiten sowie die Erbringung gewisser Backoffice-Leistungen. Als Dienstleister werden wir alles daran setzen, die Weltwoche Verlags AG zufrieden zu stellen und als Kunden halten zu können.

Letzte Frage: Was bedeutet die Übernahme von Jean Frey durch Springer aus ihrer Warte für den Schweizer Medienmarkt?

Wir haben in der Vergangenheit oft die Frage gehört, ob es der Axel Springer Verlag mit seinem Engagement auf dem Schweizer Markt ernst meine, oder ob wir damals einfach die Handelszeitung gut verkauft hätten. Ich habe stets gesagt: Täuscht euch nicht, der Wille des Axel Springer-Vorstands, auf dem Schweizer Markt zu expandieren, ist echt. Nun haben wir den Tatbeweis angetreten. Ich kann Ihnen versichern, dass mit der Übernahme noch nicht das letzte Kapitel dieser Geschichte geschrieben worden ist. Wir werden uns auch in Zukunft sehr aktiv im Schweizer Markt bewegen.