"Herr Gartmann, zielen Sie mit 'Play&Win' auf die Brieftasche der Zuschauer?"

- Viva Schweiz und Sat.1 Schweiz buhlen derzeit mit interaktiven Telefonquizsendungen um nächtliche Zuschaueranrufe und zusätzliche Einnahmen. Nun hat sich das Bundesamt für Justiz eingeschaltet. Bei den interaktiven Formaten handle es sich um "verkappte Gewinnspiele", man untersuche, ob ein Verstoss gegen das Lotteriegesetz vorliegt. Sind die Rätselshows tatsächlich eine "rein kommerzielle Abzockerei", wie von amtlicher Seite behauptet wird? "persoenlich.com" hat bei Christian Gartmann, Geschäftsführer für die Schweiz der ProSiebenSat.1-Gruppe, nachgehakt. Das Interview:

Klassischen Werbeformaten am TV wird ein baldiges Ende vorausgesagt. Sind es Telefongewinnspiele -- als alternative Einnahmequelle für die Sender -- die uns Zuschauer erwarten?

Die Lancierung des Telefongewinnspiels hat nichts mit einer eventuellen Veränderung im Werbemarkt der Zukunft zu tun. Vielmehr ist interaktives TV eine neue Form von Fernsehen auch im klassischen Free-TV. Diese Formate haben in verschiedenen Ländern grossen Erfolg. Gewinn- und Rätselspiele sind dabei Formen des interaktiven Fernsehens, die sehr gut funktionieren.

Wer sich die Quizsendungen zu Gemüte führt, kann sich kaum vorstellen, dass andere Gründe, als rein kommerzielle eine Daseinsberechtigung der Sendung rechtfertigen.

Ihr Eindruck täuscht. Wir nehmen keine Sendungen in unser Programm, welche die Zuschauer nicht ansprechen. Vielmehr verfolgen wir ganz genau, wie eine Sendung sich entwickelt, mit welchem Marktanteil sie beginnt und vor allem, mit welchem sie endet. Gerade Letzterer ist für den Erfolg des darauf folgenden Formates sehr wichtig. Damit will ich jedoch nicht bestreiten, dass die Quiz-Show für uns eine Finanzierungsquelle ist.

TV-Experten finden, dass interaktive Formate ihr Potential am besten ausschöpfen können, wenn sie mit redaktionellen Inhalten gekoppelt werden. Danach sucht man in ihrer Sendung vergeblich.

Hier muss man unterscheiden zwischen reinen Call-in-Sendungen und sendebegleitenden Votings, welche die Privaten eingeführt haben und nun auch häufiger von staatlichen Sendern eingesetzt werden. Beim Voting ist die Verknüpfung mit redaktionellen Inhalten wesentlich. Für Entwicklung und Pflege der Rätsel in „Play&Win“ ist genau so eine Redaktion im Einsatz. Das sind Spezialisten mit viel Erfahrung, die ein attraktives Unterhaltungsformat gestalten. Dass unsere Sendung nicht schlecht ist, erkennen wir an den Netto-Reichweiten, die um Mitternacht schon mal über 100’000 Zuschauer erreichen.

Welche Einschaltquote erreicht Ihre Sendung „Play & Win“?

Wir erreichen derzeit Marktanteile von bis zu sechs Prozent.

Das SAT.1-Programm aus Deutschland hätte eine höhere Einschaltquote.

Das ist in der Tat so. Doch steht für uns die Frage im Zentrum, wie wir unsere Marktanteile optimiert kapitalisieren. Letzten Endes machen wir Fernsehen, um Geld zu verdienen, zumal wir ja keine Gebühren erhalten. Das Erreichen eines Marktanteils von bis zu sechs Prozent zeigt, dass wir nicht einfach eine möglichst billige Sendung produzieren, sondern sie im Gegenteil einen guten Unterhaltungswert besitzt.

Die Quote ist für sie also nach wie vor von primärer Bedeutung?

Absolut ja. Wenn sich niemand unsere Sendung ansieht, erhalten wir auch keine Anrufe. Deshalb variieren wir die Spielformen auch ständig. Ob wir unseren Zuschauern einfach zu lösende, oder vielmehr anspruchsvolle Rätsel präsentieren, schlägt sich direkt auf die Quote nieder.

Dennoch werde ich den Verdacht nicht los, dass ihr Interesse auf die Brieftasche der TV-Zuschauer zielt und nicht der Unterhaltungswert der Sendung im Mittelpunkt steht.

Ihr Vorwurf ist nicht gerechtfertigt. Wir wollen dem Zuschauer nicht einfach an die Brieftasche, sondern ihm vielmehr etwas bieten. Ich wiederhole: Die Einkünfte, die wir über die Telefonanrufe erhalten, sind an die Attraktivität der Sendung gebunden. Da besteht eine Wechselwirkung.

Ihre Moderatorin hat verkündet, dass in den vergangenen zwei Wochen schon eine Gewinnsumme von 88 000 Franken an die Teilnehmer gegangen ist. Wieviel Geld haben Sie derweil eingenommen?

Darüber möchte ich ihnen keine Auskünfte geben.

Können Sie wenigstens die Grössenordnung der Einkünfte offen legen? Oder fürchten Sie, damit entstünde der Eindruck, sie wollten die Zuschauer abzocken?

Ganz sicher nicht, das ist einfach ein Geschäftsgeheimnis. Im Übrigen hiesse „Abzocken“ doch, wir würden unmündige Zuschauer zu etwas zwingen. Doch bei uns ist niemand gezwungen, unsere Sendung anzuschauen oder bei uns anzurufen. Trotzdem funktioniert unsere Sendung. Tatsache ist, dass Telefongewinnspiele, etwa jene des Senders Neun Live, über Jahre Erfolg haben, obwohl sie immer wieder kritisiert und tot gesagt werden. Unsere Sendung ist eine der Unterhaltungsformen, die auf dem Weg zum interaktiven Fernsehen vermutlich noch an Bedeutung gewinnen werden.

Welcher Anteil der 1.50 Franken pro Anruf fliesst in die Kasse des Senders?

Auch darüber möchte ich ihnen keine Informationen geben. Nur soviel: Ein guter Teil verbleibt beim Telefonanbieter, der Rest wird zwischen dem Produzenten und dem Sender aufgeteilt.

Ein Vorwurf an ihre Sendung lautet, dass die Zuschauer mit den eigenen Fertigkeiten die Rätsel gar nicht lösen können.

Das stimmt nicht. Es gibt bei uns rund 150 Spiele, davon funktionieren rund zwanzig sehr gut, was für uns soviel heisst, dass die Zuschauer dran bleiben. Wer die Sendung oft schaut, kann nach und nach seine Fertigkeiten und sein Wissen verbessern. Im Internet bieten wir unter www.play-win.ch zudem die Möglichkeit, die wichtigsten Spielarten endlos durchzuprobieren und so zu „trainieren“. Zudem: Alle Spiele sind dokumentiert, und zwar hinsichtlich ihres Modus’ und ihrer Spielregeln. Sämtliche Spiele sind lösbar, aber es sind eben Rätsel. Es reicht nicht aus, ein- oder zweimal hinzuschauen, und dann ist die Lösung bekannt. Wenn Sie in einer Zeitschrift ein Zahlen- oder Bildrätsel zu entschlüsseln versuchen, wird Sie dies auch einige Zeit kosten. Und die vorher erwähnte Höhe der ausgeschütteten Gewinne zeigt ja, dass die Rätsel sehr wohl lösbar sind.

Gegen ihren Sender ermittelt die Justiz, wie vergangene Woche bekannt wurde. Hand aufs Herz: Haben sie ein gutes Gefühl hinsichtlich des Ausgangs der Ermittlungen?

Mir ist ausser aus einem Zeitungsartikel nicht bekannt, dass gegen uns ermittelt würde. Sollte irgendwann tatsächlich eine Behörde ermitteln, werden wir sie selbstverständlich voll unterstützen. Die derzeit kursierenden Negativmeldungen würden dadurch nämlich aus der Welt geschafft.