Herr Leuthard, dürfen besonders mächtige Personen in Ihrer Sendung mit einer Vorzugsbehandlung rechnen?
Nein, keineswegs. Die Entscheidung, wer in unsere Sendung eingeladen wird, hängt ausschliesslich von journalistischen Kriterien ab. Es ist dabei meine Aufgabe, zu entscheiden, ob ich auf die Teilnahmebedingungen eines Rainer E. Gut eingehe oder nicht. Am vergangenen Freitag waren zwei Kriterien zentral: Erstens ist Herr Gut seit Jahren nicht mehr im TV aufgetreten und sein Besuch in der Arena anlässlich seines Rücktritts war deshalb eine kleine Sensation. Aus meiner Sicht wäre es deshalb ein journalistischer Fehlentscheid gewesen, den wohl mächtigsten Wirtschaftsführer der Schweiz nicht einzuladen. Das zweite Kriterium betraf die Glaubwürdigkeit der Arena. Es mussten in der Diskussion um Nestlé die wichtigsten Positionen vertreten sein. Die Hauptprotagonisten der Sendung waren die Vertreter von Nestlé und jene der Anlagestiftung Ethos. Weil Cash-Chefredaktor Dirk Schütz kein zentraler Gast der Sendung war, bin ich auf Guts Forderung, ihn nicht einzuladen, eingegangen. Auch wenn ich persönlich finde, dass diese Haltung problematisch ist, und auch von einem veralteten Verständnis von Öffentlichkeitsarbeit zeugt. Schütz hatte überdies von uns noch keine offizielle Teilnahmebestätigung erhalten. Ansonsten hätte ich Guts Bedingung zurückgewiesen. Im Übrigen hat Schütz mir mitgeteilt, dass er meinen Entscheid aus journalistischer Sicht verstehen würde.
Die Sendung "Arena" trägt zum demokratischen Meinungsbildungsprozess bei. Sollten da Sonderinteressen von Teilnehmern nicht konsequent zurückgewiesen werden?
Gerade mit Blick auf den demokratischen Meinungsbildungsprozess war es wichtig, dass wir den Zuschauern die Möglichkeit gaben, den mächtigsten Wirtschaftsführer des Landes in der Sendung zu erleben. Ihn von einer Seite kennen zu lernen, die sie bisher noch nicht gekannt haben. Die Arena diente Herrn Gut ja nicht als unkritische Plattform. Das zeigen auch die Medienstimmen: Der Blick etwa schrieb von einem "Tribunal gegen Gut" und von einer "Sensation", dass er überhaupt zu uns in die Sendung gekommen ist.
Ist Ihre Kompromissbereitschaft gegenüber Rainer E. Gut nicht ein Beispiel dafür, dass die "Arena" heute zahnlos geworden ist?
Im Gegenteil. Schauen Sie doch, was die Sendung ausgelöst hat. Zahnlos wäre gewesen, wenn die Sendung überhaupt nicht oder ohne Nestlé-Beteiligung oder nur mit einem Nestlé-Sprecher stattgefunden hätte. Handfeste Aussagen wären in diesem Fall von Nestlé kaum zu erwarten gewesen. Und wie bei diesem Szenario die Kommentare aus der Presse ausgefallen wären, wage ich mir nicht einmal auszumalen. Wir hätten uns damit lächerlich gemacht. Letztlich machte die Sendung eben nur mit einer Teilnahme von Rainer E. Gut oder Peter Brabeck Sinn. Ich möchte aber betonen: Wenn Dirk Schütz ein für diese Diskussion zentraler Gesprächspartner gewesen wäre, dann wäre ich auf Guts Bedingung nicht eingetreten.
Nationalrätin Susanne Leutenegger bedauert, dass "Arena" "keine politischen Prozesse mehr auslöst". Stimmt diese Kritik? Oder anders gefragt: Wird in der "Arena" Politik gemacht -- oder nur abgebildet?
"Arena" macht keine Politik und hat meiner Meinung nach auch noch nie politische Prozesse ausgelöst -- und beabsichtigt dies auch nicht. Was "Arena" aber sehr wohl kann: Sie bildet die politischen Prozesse ab und macht verständlich, was sonst nur in politischen oder wirtschaftlichen Zirkeln diskutiert oder in Zeitungsartikeln beschrieben wird. Dies ist uns etwa im Vorfeld der Bundesratswahl (2003) sehr gut gelungen. Wir hatten damals in sieben Sendungen einen überhaus hohen Zuschauerdurchschnitt. Susanne Leutenegger glaubt, dass in den Sendungen rund um die Swissair Politik gemacht wurde. In Sendungen also, an welchen sie selbst mehrere Male dabei war und die wohl auch deshalb von ihr erwähnt werden. Ich bin nicht dieser Meinung.
Die Quoten ihrer Sendung sind -- langfristig gesehen -- rückläufig. Wie weit hat das Sendegefäss "Arena" ihren Zenit überschritten?
Den Zenit in Sachen Zuschauerzahlen erreichte die Sendung 1996, also drei Jahre nach der Gründung. Es gab in der Geschichte der Arena zwei wichtige Brüche: Der erste erfolgte mit der Einführung von SF2 im Jahre 1997. Die Sportberichterstattung von SF2 hat ihr einen ansehnlichen Teil der Zuschauer gekostet. Der zweite Bruch kam im Jahr 2000: Damals wurde das Sendekonzept erweitert. Die Zweier- oder Dreier-Diskussion im Rund wurde durch das Sechserrund ersetzt. Die Umstellung des Sendekonzepts geschah aus der Überlegung, dass sich das Repertoire erschöpft hatte und immer die selben Personen im Mittelpunkt standen. Damit mehr Personen im Kern mitdiskutieren können, entschied man sich für eine grössere Runde. In Kauf genommen wurde dabei, dass die Änderung mit weniger Polemik verbunden war und möglicherweise auch ein paar Zuschauerprozente kosten würde. In den vergangenen fünf Jahren jedoch waren die Zahlen in etwa stabil, die Quoten schwankten gemäss der Intensität des politischen Prozesses. Insgesamt glaube ich deshalb nicht, dass die Arena ein Auslaufmodell ist -- so wie Peter Brabecks Doppelmandat.
Wäre es nicht trotzdem an der Zeit, das Sendekonzept anzupassen -- gerade angesichts der zunehmenden Kritik am Format?
Es gehört letztlich zur Aufgabe des Redaktionsleiters, sich stets darüber Gedanken zu machen, wie die Attraktivität der Sendung gesteigert werden kann. Mögliche Verbesserungen sehe ich in zweierlei Hinsicht: Erstens war die Arena ein wenig zu berechenbar geworden. Wir versuchen dies seit einiger Zeit zu ändern, indem wir das Themenspektrum öffnen. Neben parteipolitischen Debatten sollen auch gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Diskussion bei uns Platz haben. Zweitens haben auch wir gemerkt, dass wir mit dem Sechserrund an der oberen Grenze angelangt sind. Zwar können wir so eine Vielfalt von Meinungen abbilden, aber die Dynamik und Dramaturgie der Diskussion wird damit beeinträchtigt. Wenn wir etwas verändern, dann in Richtung einer Verkleinerung der Runde. Zum Duellsystem werden wir jedoch sicherlich nicht zurückkehren.
Abschlussfrage: Wäre Christoph Blocher auch ohne die "Arena" heute Bundesrat?
Ja, ganz sicher.