Die Zeit konnte in den letzten Jahren ihre Auflage ständig steigern. Woran liegt das?
Da gibt es zuerst einen strukturellen Grund. Im Gegensatz zu den anderen grossen Tageszeitungen ist die Zeit die einzige überregionale Zeitung Deutschlands, die in allen Nielsen-Gebieten fast gleichmässig verteilt ist. In Ostdeutschland müssen wir noch aufholen -- wie alle westdeutschen Blätter.Die anderen grossen überregionalen Qualitätsblätter sind im Kern gebunden an ihre Leserschaft in Süddeutschland und im Rhein-Main-Gebiet. Als die bekannte Anzeigen-Krise zu einer Verringerung des journalistischen Angebots führte, konnten wir offenkundig Leser zurückgewinnen, weil wir nicht im gleichen Masse auf Rubriken-Anzeigen angewiesen waren. Unser Blatt musste nicht dramatisch schrumpfen wie andere. Unsere Jahreserträge stiegen während der allgemeinen Zeitungskrise in den letzten vier Jahren kontinuierlich an.
Waren die ganzen Tabloid-Diskussionen für Sie nie ein Thema? Provokativ gefragt: Ist die Zeit überhaupt noch in der Zeit?
Unser Format entspricht zum Beispiel demjenigen der FAZ und demjenigen von Bild. Die Bildzeitung hat die höchste Verkaufsquote aller europäischen Zeitungen. Es erstaunt mich immer wieder, dass niemand über deren Format diskutiert. Es gehört mittlerweile zur Legendenbildung, dass wir wegen unserer eigenen Druckereien das Format nicht ändern können. Das ist falsch. Wir benutzen Auftragsdruckereien, unter anderem die Druckereien des Springer-Verlages.Die Formatdiskussion der Zeit ist so alt wie die Zeit selbst. Unser Blatt wirkt so gross, weil es ein klassisches Layout hat. Innert der letzten vier Jahre konnten wir die Auflage von 420'000 Exemplaren zweimal auf über 500'000 steigern, im Durchschnitt liegen wir bei 465'000. Offenkundig wissen unsere Käufer, wie man ein Blatt faltet.
Aber gibt es keine Formatdiskussionen?
Nein. Warum auch? Wenn das Pferd gut rennt, wechselt man nicht mitten im Galopp die Hufeisen. Allerdings bedauere ich die Einstellung des ZEITmagazins. Dafür gab es gute wirtschaftliche Gründe.Aber ich glaube, dass die Anzeigen aus dem TV-Geschäft langsam wieder zurückwandern in die Printmedien. In Amerika haben Decoder, die automatisch TV-Werbespots eliminieren, eine Zukunft. Gedruckte Anzeigen können Sie überblättern, aber nicht wegzappen. Also -- ein Farbsupplement könnte durchaus Zukunft haben. Wir machen mit unseren beigelegten Literatur-, Reise- oder Filmtabloiden jedenfalls sehr gute Erfahrungen. Und wir haben jüngst mit Zeit-Wissen ein Magazin gestartet, das gut anläuft. "Line-extensions", nennt man das im New-Economy-Jargon, und früher hiess es "Diversifikation". Wenn dies nicht journalistischen Impulsen entstammt, kann man es vergessen. Diese Impulse sind in unserer Redaktion da.
Wie hat sich die Zeit seit dem Abgang von Roger de Weck als Chefredakteur verändert?
Zuerst einmal: Ich halte Roger de Weck für einen ganz hervorragenden Kollegen. Er war übrigens auch ein brillanter Zeit-Reporter, mit Staub an den Schuhen. Wir drucken nun -- im Gegensatz zu früher -- die Zeitung durchwegs vierfarbig. Wir haben das hochmoderne Layout mit etwas zu viel Weissfläche reduziert. Die Zeit ist nun wieder etwas klassischer geworden und verfügt über einen grösseren Textanteil, was bei unseren Lesern -- einem sehr lesefreundlichen Publikum -- offenbar gut ankommt. Die so genannte Bildkultur, die in der Vergangenheit keine grosse Rolle spielte, wird sehr ernst genommen. Wir haben die "Titelgeschichte" entwickelt, die beim Kioskverkauf helfen sollte -- und das tut sie. Und wir haben mit dem Art-Director Dirk Merbach und seinem Team einen Glücksgriff getan.
Themenwechsel: Momentan belegen viele Schweizer in Deutschland eine führende Position. Ist dies ein Zufall?
Bei Roger Köppel ist es kein Zufall, sondern die Personalentscheidung eines fast gleichaltrigen Vorstandsvorsitzenden. Es stellt sich dabei die Frage, ob Köppel die Auflage der Welt steigern kann oder nicht. Kollegial gesehen wünsche ich ihm ernsthaft viel Glück. Deutschland braucht eine wirkliche konservative Zeitung. Als Beobachter der Auflageentwicklung deutscher Zeitungen muss ich aber hinzufügen, dass er besonders viel Glück benötigt. Was Herrn Ackermann betrifft, hat er dem Ruf der Schweiz durch sein Auftreten keinen besonders guten Dienst erwiesen. Aber da er ein Globalist ist, wird ihn das nicht bekümmern. Roger Schawinski ist ein interessanter und sympathischer Mann, den ich vor einigen Wochen in Berlin kennen gelernt habe. Nur wird er bei Sat.1 wenig zu lachen haben. Oder möchten Sie Ihre Werbespots zwischen amerikanischen Serien aus den Siebzigerjahren platzieren?
Sat.1 bringt viele Eigenleistungen.
Dann muss ich immer zur falschen Zeit reinschauen.
Glauben Sie, dass Roger Köppel mit seinem Konzept auf dem richtigen Weg ist?
Wenn ich das wüsste, würde ich schweigen.