Herr Übersax, wie würden Sie heute den Blick gestalten?
Völlig anders. Ich würde ihn so machen, wie er zu meiner Zeit war, als er täglich knapp 400'000 Exemplare -- fast die Hälfte mehr als heute -- verkaufte. Der Blick müsste wieder schlanker, kompakter, konzentrierter daherkommen, vor allem aggressiver, überraschender, provokativer sein. Er müsste den unnötigen Ballast ungezählter Sonderseiten, Beilagen und anderes Zugemüse abwerfen. Jetzt ist er eine offene Hand; er müsste wieder zur Faust werden. Die Leute sollten in ihm nicht einfach ungerührt weiterblättern, sondern sich über ihn erregen, ihn lieben, aber auch über ihn schimpfen, je lauter, umso besser. Und gleichzeitig müsste der Blick wieder näher bei dem sein, was man -- oft mit einem Unterton elitärer Menschenverachtung -- das "gesunde Volksempfinden" nennt. Der Blick müsste auch politisch so denken und reden, wie es die Leute im bürgerlichsten Land Europas tun, ohne Scheu, deswegen von Exponenten des Gutmenschentums angegriffen zu werden. Blick sollte weg von seinem auf den Neid spekulierenden Linkspopulismus. Heute ist der Blick nicht mehr, wie einst, die "Stimme des Volkes", sondern die Stimme des linken Parteivolkes und der Gewerkschaftsbonzen.
Wie gefällt Ihnen der Formatwechsel des heutigen Blick?
Anfänglich war ich begeistert, weil das Blatt zum grossen Teil im Pendlerverkehr gelesen wird und die aufgeschlagene Zeitung das Platzangebot überschreitet. Mittlerweile habe ich Bedenken bekommen. Ich glaube, die Zeitung braucht eine gewisse Formatgrösse, um Bilder, Titel und Texte in der wirkungsvollsten Weise zur Geltung zu bringen. Sie braucht Platz, um grafisch zu manövrieren. Jetzt herrscht im Blick Enge.
Dass dieser Wechsel auf das Tabloidformat nicht zuletzt wegen des Erfolgs von 20 Minuten entstanden ist, dürfte unbestritten sein. In welche Richtung entwickeln sich unsere Tageszeitungen angesichts der Gratiskonkurrenz?
Dass Qualitätsverbesserung die beste Waffe gegen die Gratiskonkurrenz ist, ist wohl klar. Bis anhin haben die grossen Blätter den Auflagerückgang immer mit dem Aufkommen der Pendlerzeitungen begründet. Das ist zu einfach. Es kann doch nicht sein, dass der Blick mit seinen journalistischen, finanziellen und technischen Ressourcen von 20 Minuten, welches zu einem grossen Teil aus Agenturmeldungen besteht, in die Enge getrieben wird.
Gibt es keine anderen Massnahmen, um dieser Konkurrenz zu begegnen?
Gewiss, die gäbe es -- die Anwendung der Waffen, welche diese Konkurrenz gross gemacht haben. Es würde mich nicht wundern, wenn dieser oder jener kreative Ringier-Manager sich schon einmal hingesetzt und ausgerechnet hätte, was unter dem Strich herauskommt, wenn der Blick gratis oder fast gratis abgegeben würde. Die schon seit Jahren abstürzende Blick-Auflage würde wieder grandios hochkommen, wahrscheinlich auf Rekordwerte. Der entgangene Verkaufserlös könnte durch ein Anhebung der Inseratepreise wegen stark erhöhter Reichweite kompensiert werden. Dann stünden wir vor einer spannenden Schlacht: der Blick und die übrigen Gratisblätter gegen den Rest der Schweiz im Kampf um Leser und Inserenten.
Muss eine Boulevardzeitung zwingend rechts sein?
Alle grossen, erfolgreichen Boulevardblätter der Welt sind es, von Bild über Kronenzeitung und Sun zu N.Y. Post und Daily News. Die grossen Patrons in der Medienszene wie Murdoch oder Berlusconi sind es auch, vielleicht abgesehen von Ted Turner, der CNN als neutrales Network konzipierte.
Dies ist ein Widerspruch zur Aussage von Bild-Chefredaktor Kai Diekmann in persönlich, nach dessen Credo sich niemand auf die Bild-Zeitung verlassen kann -- egal, ob er rechts oder links steht. So hat die Bild-Zeitung vor über zehn Jahren den ehemaligen deutschen Kanzler Helmut Kohl -- notabene ein Konservativer und Bild-Freund -- der Steuerlüge bezichtigt.
Na und? Das war doch eine gute Story!