Herr Kaczynski, Sie waren fünf Jahren Geschäftsführer vom Verband Schweizer Presse. Stimmt der Eindruck, dass die Verleger heute untereinander zerstrittener sind als früher?
Nein, Reibereien im Verband hat es in meiner Amtszeit immer gegeben. Nur wurden in der Vergangenheit einige Streitigkeiten in der Öffentlichkeit ausgetragen. Dadurch ist wohl das Bild entstanden, die Verleger seien ein zerstrittener Haufen.
Ist es heute nicht schwieriger, auf Verbandsebene einen Konsens zu finden, weil die Verleger angesichts erodierender Werbeeinnahmen noch stärker auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind?
Es liegt in der Natur der Sache, dass jeder Verleger für sich einen Vorteil herausholt. Es gab aber eine wichtige Änderung in den letzten fünf Jahren: Die Gebietshoheiten sind nicht mehr so klar abgesteckt wie früher. Heute fischt jeder Verleger auch im Nachbarsteich. Dies hat zu einer Verschärfung der Konkurrenzsituation geführt. Wenn aber Lösungen zu wichtigen Dossiers auf Verbandsebene gefragt waren, dann waren die meisten Verleger zu Kompromissen bereit. Allen recht machen kann man es aber nie.
Ist die Gangart also härter geworden, weil der Markt kleiner wurde?
Es hat ein Strukturwandel eingesetzt, der neue Partnerschaften und Allianzen hervorgebracht hat. Retrospektiv gesehen sticht diesbezüglich ein Ereignis hervor: Der Zusammenschluss der Publicitas mit der Neuen Zürcher Zeitung. Durch diesen Schritt wurde das gut austarierte Gleichgewicht unter den Verlegern nachhaltig gestört. Die Folge war, dass es zu einer gewissen Lagerbildung kam.
Sprechen die Exponenten der Zürcher Medienhäuser noch miteinander?
Ja sicher. Es ist eine Raison dÊtre des Verbands, dass die Unternehmer und Manager, die sich im Tagesgeschäft mit härtesten Bandagen bekämpfen, zusammen an einem Tisch sitzen müssen. Sie können sich in unserem Verband gar nicht aus dem Weg gehen. Das hat auch eine heilende und vorteilhafte Wirkung. Gäbe es den Verband Schweizer Presse nicht, würden bestimmt einige Konkurrenten über Jahre hinweg nicht mehr miteinander sprechen. Auf der menschlichen Ebene bieten wir eine Plattform, die den Dialog aufrechterhält.
Macht es heute noch Sinn, dass der Verband Schweizer Presse sowohl die kleinen Verlage als auch die grossen Medienhäuser mit ihren völlig divergierenden Interessen vertritt?
Die Branche hat einen gemeinsamen Nenner. Letztlich steht im Kern ein Produkt, das stets nach denselben Kriterien entsteht und die selben Abnehmer findet. Ich erachte das gemeinsame Vorgehen der kleinen und grossen Unternehmen deshalb als sehr wichtig. Dies gibt dem Verband doch seine Stärke.
Führen aber nicht die diametral entgegengesetzten Interessen immer wieder aufs Neue zu verhärteten Fronten innerhalb des Verbands?
Es ist stets möglich, gemeinsame Lösungen zu finden. Nehmen wir als Beispiel die Presseförderung. Eigentlich ist es fast eine Unmöglichkeit, eine Lösung zu finden, die sowohl dem Medienkonzern mit einem Versand von hundertausenden Exemplaren als auch dem Kleinverlag mit ein paar hunderten Versendungen entgegenkommt. Trotzdem konnte man sich auf ein Modell einigen, das allen gerecht wird. Hätten wir allein die Anliegen der Grossen berücksichtigt, wäre nichts Vernünftiges herausgekommen, da dies nur ein Teil der Interessen repräsentiert hätte.
Sind die kleinen Verlage im Verband überhaupt noch von Bedeutung?
Für den Verlegerverband ist es meiner Auffassung nach sehr wichtig, dass die Kleinverlage vertreten sind. Schiesslich fingen auch die grossen, international tätigen Medienkonzerne und -Konglomerate klein an. Die Branche ist ursprünglich aus dem Gewerbe entstanden. Oftmals waren es Druckereien, die irgendwann einmal auch noch ein Printprodukt entwickelt haben. Der Umstand, dass die Kleinverlage der Kern der Branche sind, muss auch gegen aussen gespiegelt werden.
Der Dialog zwischen Verlegern und Arbeitnehmer-Vertretern ist in den letzten Jahren zum Stillstand gekommen. Ist das Verhältnis nachhaltig gestört?
In den Unternehmen ist das Verhältnis zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern gut. Ganz anders sieht das Verhältnis jedoch zwischen den Branchenvertretern und den Gewerkschaften aus: Hier steht es in der Tat nicht zum Besten. Man ist -- beidseitig -- daran gescheitert in den Bemühungen, Lösungen zu entwickeln.
Wie weit ist man heute von einer Einigung, bzw. von einem neuen Gesamtarbeitsvertrag entfernt?
Sehr weit.
Dass Gewerkschaften und der Verband Schweizer Presse sich voneinander entfernt haben, hat auch mit der Person Lebrument zu tun. Wie gut arbeiteten Sie persönlich mit Lebrument zusammen?
Sehr gut. Wir pflegen ein freundschaftliches Verhältnis zueinander. Ich rechne es Lebrument sehr hoch an, dass er sich enorm für die Belange der Schweizer Presse einsetzt. Er ist ein sehr aktiver Präsident, der sich in die Materie reinkniet. Gemeinsam haben wir erreicht, dass das politische Gewicht des Verbands massiv zugenommen hat. Zugleich ist es uns gelungen, das Lobbying zu professionalisieren und unsere Interessen in Bern durchzusetzen.
Welches sind daneben die wichtigsten Erfolge in der Agenda des Verbands, die in Ihrer Aera erzielt wurden?
Meilensteine, die wir in der Politik erreicht haben, sind die Presseförderung, das Scheitern des Medienartikels eine Arbeit, die mehrere Jahre dauerte --, sowie auch die Einführung des neuen Radio- und Fernsehgesetzes. Verbandsintern konnten wir nicht nur das Lobbying, sondern die gesamte Geschäftstätigkeit professionalisieren und die Finanzen auf eine solide Basis stellen. Möglich wurden diese Erfolge nur, weil wir ein eingespieltes Team sind, das gut harmoniert. Das Faszinierende an der Organisation Schweizer Presse ist doch, dass wir nur über eine kleine Geschäftsstelle verfügen, im Gegenzug aber verfügen wir über eine Milizorganisation, in der über 200 Topleute aus der Branche in den einzelnen Projektgruppen zusammenarbeiten.
Mit welchen wichtigen Herausforderungen wird sich der Verband künftig auseinandersetzen müssen?
Das Nachfolgemodell der Presseförderung ist eine ganz grosse Baustelle. Daneben müssen wir Antworten auf den Strukturwandel im Werbemarkt finden. Eine weitere grosse Herausforderung ist die Multimedialisierung der Medien und daraus folgend der Wandel von einem Presseverband zu einem Multimediaverband. Diesbezüglich stehen noch viele Punkte auf der Agenda.

