"Hier steht nicht die Politik, sondern die gute Idee im Vordergrund"

- Giuseppe Scaglione ist ab sofort auch TV-Unternehmer: Der Radiopionier startet mit 105 TV ein interaktives Fernsehen, das zugleich Musiksender und Video-Plattform ist. Das Vorhaben bietet Scaglione einen entscheidenden Vorteil: Im Internet braucht er weder Konzessionen noch Frequenzen. "Die ganze Welt kennt Youtube. Eine UKW-Frequenz hatten sie trotzdem nicht", sagt er im Interview mit "persoenlich.com".

Herr Scaglione, arrivierte Musikkanäle wie MTV und VIVA spielen immer weniger Musikvideos, sie lancieren im Gegenzug ein Internet-Fernsehen mit Videos. Handeln Sie damit nicht gegen den Zeitgeist?

Überhaupt nicht. Die Musik ist unter Jugendlichen immer noch eine der emotionalsten und wichtigsten Freizeitbeschäftigungen überhaupt. Wenn ich mit Jugendlichen rede, höre ich immer wieder, dass auf den etablierten Musik-TV-Kanälen zuwenig Musik und zuviel Quiz-Shows zu sehen seien. Zudem war es noch nie unser Ding, mit der grossen Masse zu schwimmen. Wenn MTV, VIVA und Co. immer weniger Musikvideos spielen, ist das für uns Grund genug, das Gegenteil zu tun.

Wollen Sie neben den Musikvideos auch eigene Inhalte produzieren? Oder ist alles "User-generated"?

Ich möchte unterstreichen, dass 105TV nicht nur Musikvideos spielt. Wir werden auch die Bereiche Trendsport (105freestyle), Filmneuheiten (105movie) und die DJ- und Clubkultur (105nightlife) mit eigenen Beiträgen abdecken. Geplant sind auch verschiedene moderierte Sendungen. Hier stehen wir mit verschiedenen äusserst interessanten Leuten im Gespräch. Und natürlich kommen dann noch die ganzen Beiträge dazu, die von den Usern selber gestaltet werden. Dies können Musikvideos sein, aber auch Konzert- und Filmkritiken, Video-Reports aus einem Club etc.

Ist 105TV eher ein TV-Kanal, oder eine YouTube-ähnliche Plattform?

105TV ist ein zeitgemässer TV-Kanal, der den Leuten mehrere Kanäle zur Auswahl anbietet und dem Publikum offen lässt, ob es diese Programme passiv und somit einfach als Betrachter geniessen will oder ob es sich aktiv in den Programmablauf einschalten und somit die gezeigten Inhalte mitbestimmen will. Im Gegenzug zu Youtube macht 105TV für das Publikum ein Programm, und zwar schon vom Start weg auf neun Spartenkanälen. Diese Programme laufen 24 Stunden.

Die SRG betreibt bereits mit mx3 eine grosse und ausgebaute Plattform für Schweizer Nachwuchsbands. Wie wollen Sie da bestehen können?

Ob es für den Gebührenzahler sinnvoll ist, dass die SRG die Musikplattform mx3 betreibt sei dahingestellt. Wir haben uns diese Plattform angeschaut und müssen uns mit dem, was wir auf 105TV anbieten, bestimmt nicht verstecken. Im Gegenteil: Ich denke, dass die Plattform der SRG nur für Leute interessant ist, die tatsächlich selber Musik machen. 105TV hingegen spricht die ganze Jugend an und bietet nicht nur Musik an. Und ganz nebenbei erwähnt: Die SRG-Plattform ist nur für Audio-Daten (MP3-Songs) und somit nicht für Video-Clips konzipiert. Wir haben hingegen beides zu bieten.

Es ist heute einfach, im Internet einen eigenen TV-Channel zu lancieren. Das Problem: Die Konkurrenz ist riesig.

Nun, so einfach ist es auch wieder nicht. Ich habe zumindest ein Projekt wie unseres bisher in der Schweiz noch nicht gesehen. Oder sagen wir es so: Die technische Hürde mag zwar kleiner geworden sein, aber was am Schluss zählt ist die Qualität und Originalität des Produktes. Grundsätzlich kann ja auch jeder eine eigene Zeitung auf Papier drucken und diese an ein paar Kollegen verteilen. Deswegen wird das Zeitungsmachen für die relevanten Tageszeitungen nicht einfacher und die selbstgebastelte Zeitung nicht automatisch zur angesehenen Tageszeitung. Wir haben mit "105" eine äusserst starke Marke im Jugendbereich. Dahinter steckt jahrelange und konsequente Arbeit. Das kann man nicht einfach so von heute auf morgen aufbauen. Wir werden uns mit Originalität, Kreativität und Schnelligkeit von der Konkurrenz abheben. Wir freuen uns auf "einen Wettbewerb der Ideen".

Wie wollen Sie mit 105TV Werbeeinnahmen generieren?

Genau so, wie wir es auch mit Radio 105 gemacht haben. Wir werden die Kunden davon überzeugen. Was mich jedoch bei diesem Projekt besonders freut: Viele Kunden haben das Potential von 105TV bereits vor dem Sendestart verstanden und sind bei uns eingestiegen. Und wir stehen mit weiteren interessierten Partnern im Gespräch.

Welche Reichweite muss das Programm erreichen, damit sich die Investitionen lohnen?

Wir machen hier keine Prognosen. Ich bin ohnehin der Meinung, dass die Währung der Zukunft nicht die Reichweite, der GRP oder der TKP ist. Die Währung der Zukunft ist der User. Echte Menschen, die mit Werbebotschaften erreicht werden. Keine Hochrechnungen mehr wie bei Radio- oder Telecontrol, sondern echte Kontakte. Dafür bezahlt der Kunde schlussendlich.

Wird das TV-Projekt von der Musikindustrie getragen?

Die Musikindustrie hat das Potential von 105TV ebenfalls früh verstanden. Wir haben schon beim Sendestart die zwei grössten Majors dabei (Universal Music und SONY BMG). Mit den anderen Majors dürften die Verträge ebenfalls in den nächsten Wochen abgeschlossen werden. Zudem kommen noch viele weitere Partner dazu wie z.B. Musikvertrieb oder Nation Music.

Abschlussfrage: Ist das neue 105TV eigentlich eine Reaktion darauf, dass der Bund Ihnen seit Jahren eine UKW-Frequenz verwehrt?

Die Lancierung von 105TV hat damit nichts zu tun. Natürlich wundern wir uns gemeinsam mit der ganzen Branche darüber, dass wir nach all den Jahren und dem grossen Erfolg bei unseren Hörern noch keine UKW-Frequenz erhalten haben. Das Internet macht es aber möglich, auch ohne Konzessionen und Frequenzen Erfolg zu haben. Hier steht nicht die Politik, sondern die gute Idee im Vordergrund. Die ganze Welt kennt Youtube. Eine UKW-Frequenz hatten sie trotzdem nicht. Und verhindern konnte man Youtube auch nicht.

(Interview: David Vonplon)