Hinter den Kulissen von "Der Bestatter"

SRF - Am Dienstag startet auf SRF 1 die dritte Staffel der überaus erfolgreichen Krimi-Serie "Der Bestatter". Drehbuchautor Dominik Bernet ist dem Schweizer Publikum allerdings ein ganzes Jahr voraus. Derzeit tüftelt der 45-Jährige bereits die Mordfälle einer allfälligen vierten Staffel aus. Wir haben mit ihm hinter die Kulissen des Unterhaltungsformats geschaut und mit ihm über seine Arbeit im Writers Room, Serien im Allgemeinen, den Tod und den Schauplatz Aarau geplaudert.

Herr Bernet, bald soll mit "Twin Peaks" eine der legendärsten TV-Serien fortgesetzt werden. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
Mit grosser Freude! "Twin Peaks" ist ohne Zweifel eine meiner Lieblingsserien. David Lynch hat mich stark geprägt.

Ist die Gefahr nicht zu gross, dass das komplett in die Hose geht? Es braucht doch auch keinen weiteren Star Wars Film und auf den dritten Teil von «Der Pate» hätte man gut verzichten können.
Das sind aber keine Serien. Das Gute an einer Serie ist, das sie endlos ist. Man weisst nie, wann die letzte Staffel kommt. Und "Twin Peaks" beweist jetzt gerade: Man weiss nicht mal, wann sie fertig ist. Ich hoffe übrigens auch, dass von der dänischen Serie "Lund" noch ein paar Folgen nachgeschoben werden.



Sie bilden gemeinsam mit der deutschen Autorin Claudia Pütz das Kernteam hinter "Der Bestatter". Sind Sie der Schweizer Lynch?
Nein, sicher nicht. Das, was wir beim Schweizer Fernsehen machen, hat mit so etwas wie "Twin Peaks" nicht viel gemeinsam. Ausserdem ist der "Der Bestatter" keine reine Serie, sondern eigentlich ein Hybrid. Jede Folge muss ja auch in sich geschlossen sein. Wir schreiben für den Sendeplatz am Dienstagabend, an dem sonst "Derrick", "Der Alte" und "Ein Fall für Zwei" gezeigt wurden. Das heisst: Man will auch dem Stammpublikum seinen Dienstagsabend-Krimi liefern. Gleichzeitig muss man den "Series Arc", den sogenannten Staffelbogen, immer im Auge behalten.

Apropos "Series Arc": Am Ende der zweiten Staffel wurden die beiden Hauptfiguren Luc und Anna-Maria verletzt. Sie rappeln sich dann aber wieder auf. Die Staffel hört mit der Verwundung von Gerichtsmediziner Semmelweis auf. Wieso haben Sie den Zuschauer nicht um die Hauptfiguren bangen lassen?
Weil wir den Zuschauer nicht komplett im Regen stehen lassen wollten. Ein bisschen Hoffnung muss sein. Schliesslich dauert es ja wieder ein Jahr bis die nächste Staffel kommt.

Mal ganz generell: Wie entsteht "Der Bestatter"?
Sechs Stunden Fernsehen alleine schreiben, wäre wohl fast nicht möglich. Deshalb sind wir im Kern zu zweit. Claudia bringt sehr viel Erfahrung im Serienbereich mit. In der Schweiz war sie an "Lüthi & Blanc" und "Tag und Nacht" beteiligt. Sie hat aber wie ich auch schon Romane und Spielfilme geschrieben. Sie lebt in Deutschland.

Eine fruchtbare Zusammenarbeit?
Sehr! Das hat von Anfang an extrem gut funktioniert. Die letzten drei Wochen sassen wir nonstop zusammen und haben über der vierten Staffel gebrütet. Dafür entwickeln wir erst die Plots. Also wir halten fest, worum es in den einzelnen Folgen gehen soll, welche Figuren vorkommen, wo das Ganze spielt. Dann schreiben wir je drei Treatments. Das ist die Vorstufe zum Drehbuch. Auf Drehbuchstufe kommen dann ein paar weitere Autoren dazu – und Claudia würde eigentlich wegfallen, weil sie ja keinen Dialekt spricht. Deshalb schreiben wir jeweils noch ein oder zwei Drehbücher zusammen. Wir haben dann also einen Writers Room, der immer voller wird. Denn irgendwann kommen ja noch die Regisseure dazu. Und die Redakteurin von SRF gehört eh zum Kernteam. Manchmal sind da also sieben, acht Leute involviert.

Wo befindet sich dieser berühmt-berüchtigte Writers Room?
Im Leutschenbach.

Kann man dort kreativ sein?
Ich war erst sehr skeptisch. Neu-Oerlikon ist ja nicht unbedingt die wohnlichste Ecke der Schweiz. Und die Büros sind auch nicht gerade heimelig. Aber es geht trotzdem gut. In unserem Raum stapeln sich die Leichen (lacht).



Wieso verpflichtet man eigentlich verschiedene Regisseure und Drehbuchautoren?
Tja, das hat mit den zwischenmenschlichen Energien zu tun. Und manche Leute finden sich in dieser Bestatter-Welt zurecht, andere nicht. Ausserdem muss man im Writers Room irgendwie am gleichen Strick ziehen. Wenn die Ideen und Vorstellungen der Beteiligten zu divers sind, bringt das auch nichts.

Sie waren nicht von Anfang an dabei. War es einfach sich in der Welt zurechtzufinden?
Ja, ich war ja kein völliger Grünschnabel. Ich habe zuvor schon vier "Hunkeler"-Filme für das Schweizer Fernsehen gemacht. Von dem her kannte ich den Produzenten Markus Fischer und die verantwortliche Redaktorin Bettina Alber. Und in das Serien-Format kann man sich als Romanautor gut einfühlen. Da gibt es viele Gemeinsamkeiten. Ich hatte dadurch schon Übung im epischen Erzählen.

Waren Sie schon immer ein Serienjunkie?
Nein, gar nicht. Ich habe nur vereinzelt Serien geschaut. Aber "Twin Peaks" zum Beispiel fand ich schon immer super. Für die Arbeit am "Bestatter" habe ich mich dann extrem eingearbeitet und alle Klassiker durchgemacht: "Six Feet Under", "The Sopranos", "The Wire", "Lund" und so weiter.

Welches sind die Grundregeln, die man beachten muss?
Die Hauptregel ist immer Emotion. Beim Film ist Emotion das Wichtigste. Die Frage ist: Wie kann man plausible Figuren in plausible Situationen mit emotionalen Konflikten bringen? Ich sage immer: Wir Autoren müssen andere in möglichst grosse Schwierigkeiten bringen. Ein Krimi ist ja letztlich ein Drama. Es dreht sich alles um überhöhte Alltagskonflikte. Wo sonst vielleicht bloss geschrien wird, wird im Krimi geschossen.

Ausserdem darf das Figurenarsenal nicht zu gross sein.
Das stimmt. Beschränkung ist wichtig. Je mehr Figuren man hat, desto weniger Zeit bleibt, um sie agieren zu lassen. Es gibt wenig Unangenehmeres für den Zuschauer, als wenn er die Figuren nicht kennenlernen kann. Im Fall vom "Bestatter" kommen ja in jeder Episode noch eine Leiche und mindestens drei Verdächtige dazu.

Was sind weitere Herausforderungen?
Besagte Konflikte in der vorgegebenen Struktur unterzubringen. Und dann gelten logischerweise auch noch all die hundskommunen Fernsehgesetze. Man darf sich etwa nicht ewig Zeit nehmen bis etwas passiert. Sonst schalten die Leute einfach ab.

Sie sprechen jetzt immer von den Plots und den Figuren. Stellen die Dialoge keine Herausforderung dar?
Wichtiger als Dialoge sind die Haltungen der Figuren. Unser Ziel ist es eher, dass man den Figuren zuschaut, wie sie über ihre Handlungen ihren Charakter und ihre Haltung zum Ausdruck bringen. Das ist die grössere Herausforderung und wirkt schlussendlich stärker. Und wenn ich die Haltungen der Figuren genau kenne, fällt mir das Dialogschreiben verhältnismässig leicht.

Im "Making of" zu der ersten Staffel spricht einer der Regisseure davon, dass die Drehbücher bei Drehbeginn noch nicht fertig waren. Kommt so etwas oft vor?
Das kann vorkommen. Glücklicherweise war das aber in der zweiten und dritten Staffel nicht mehr der Fall. Aber auch sonst arbeitet man bis im letzten Moment am Drehbuch.

Sind Sie beim Dreh dabei?
Hin und wieder. Aber eine Funktion habe ich dort nicht. Dort haben die Regisseure das Sagen. Deswegen sind diese auch streckenweise schon im Writers Room mit dabei. Beim «Bestatter» hat man als Regisseur nicht mehr wahnsinnig viele Freiheiten. Man darf nichts verrücken, was nachher eine Rolle spielen könnte. Und man muss im Geist des Ganzen bleiben.

In der Serie gibt spielt neben den sieben Hauptfiguren und der Leiche noch etwas Anderes eine wichtige Rolle: Aarau.
Ich muss präzisieren: der Aargau, nicht Aarau. Man sieht immer wieder die Altstadt von Aarau und Szenen aus der Stadt, aber die Fälle spielen sich im ganzen Kanton ab.

Der Aargau und Aarau im Speziellen kommen recht gut weg. Betreiben Sie Standort-Marketing?
Nicht bewusst. Aber ich finde den Aargau und seine Hauptstadt mittlerweile recht sympathisch. Ich komme aus Basel und wohne seit Jahren in Zürich. Aarau kannte ich kaum. Das lag für mich immer irgendwo dazwischen. Das geht vielen Leuten so. Und darum war das eine super Wahl.

Bietet die Stadt genug als Drehort?
Absolut! In Aarau gibt es alles: Eine sehr schöne Altstadt, potthässliche Hochhäuser, Weinberge, die Aare, viel Dörfliches und Städtisches zugleich. Hier spiegelt sich unverkennbar die Schweiz. Dass es so gut wegkommt, hat sicher mit dem Charme der Figuren zu tun. Mit Mike Müller, der als Bestatter so eine bärige Wärme ausstrahlt. So dass man denkt: "Irgendwie ist diese Schweiz doch eigentlich ganz okay."

Wiederkehrende Bilder, im Falle von "Der Bestatter" etwa vom Grossratsgebäude des Kantons Aargau, sind wichtig für eine Serie.
Sicher. Ich glaube, das ist das Schöne an einer Serie: Man kommt immer wieder nach Hause. Man trifft immer wieder die gleichen Leute. Man kennt ihre Schwächen und Stärken, ihre Vorlieben und die Laster. Man leidet mit ihnen mit. Das macht es aus, dass man so ein Heimatgefühl bekommt.

Wieso ist eigentlich das Brügglifeld, das legendäre Stadion des FC Aarau, bis jetzt noch nicht vorgekommen?
Das steht natürlich schon lange auf der Liste. Einmal waren wir nahe dran. Aber wir bräuchten ja noch einen passenden Mord.

Vielleicht eine Eifersuchtsgeschichte? Eine aus den Fugen geratene Dreiecksbeziehung zwischen Materialwart, Masseur und Mittelstürmer?
Ein heisses Eisen, das Sie da anfassen! Aber doch: Das gefällt mir. Ich denke drüber nach.

Ist es eigentlich nicht möglich so zu drehen, dass man die Leichen nicht atmen sieht?
Sie dürfen sich gerne mal als Leiche melden. Das ist ein harter Job. Irgendwann kann man die Luft einfach nicht mehr anhalten. Wenn neben einer Leiche geschossen wird, zuckt sie sogar manchmal. Alles schon erlebt (lacht)! Ich würde auch zucken.



Woher haben Sie Ihr Wissen über das Bestattungswesen?
Aus Büchern. Und von Besuchen bei Bestattern.

Darf man die Asche eines Verstorbenen von der Autobahnbrücke schütten oder in die Aare kippen?
Ersteres sollte man vielleicht nicht unbedingt nachmachen. Aber grundsätzlich darf man in der Schweiz mit der Asche eigentlich machen, was man will. Sie wird ja gefiltert.

In der Serie haben praktisch alle den Wunsch den Toten nochmals zu sehen. Ist das nicht ungewöhnlich?
Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass wir es in der Serie mit aussergewöhnlichen Todesfällen zu tun haben. Menschen, die plötzlich und völlig unerwartet versterben. Da will man sich schon noch mal verabschieden.

Die grösste Herausforderung im Bezug auf den "Bestatter"?
Diese Doppelbefrachtung, die ich schon erwähnt habe: Das serielle Erzählen und der einstündige, abgeschlossene Mordfall. Und trotzdem geht’s dann meistens irgendwie. Man merkt einfach: "Der Bestatter" ist eine ganz eigene Kreatur. Diese zu füttern und zu erhalten und ihr gleichzeitig etwas Neues beizubringen, finde ich herausfordernd. So viele Möglichkeiten so etwas zu machen, gibt es in der Schweiz nicht.

Was ist Ihr grösster Traum in beruflicher Hinsicht?
Der eigenen Fantasie nachgehen zu können und eine eigene Serie zu entwickeln. Selber ein eigenes Universum zu erschaffen.

Wieso ist das nicht umsetzbar?
Weil wir nicht in den USA sind. Man kann hier nicht für ein Nischenpublikum produzieren. Sowas wie «Twin Peaks» wäre in der Schweiz undenkbar. Das beisst sich zu sehr mit dem Service Public.

Hüpfen Sie eigentlich zwischen Roman- und Drehbuchseiten hin und her?
Nein. Im Moment bin ich zu hundert Prozent Serienautor. Aber irgendwann wird auch "Der Bestatter" bestattet und dann habe ich alle Zeit der Welt, um mal wieder einen Roman zu schreiben.

Ist die Arbeit für das Fernsehen finanziell interessant?
Ja, für mich schon. Aber ich kenne keinen Autor, der sowas nur fürs Geld macht. Dafür versinkt man viel zu stark in der Arbeit und wendet viel zu viel Zeit auf. Während wir am Bestatter schreiben, tragen wir die Fälle immer mit uns herum – mit den entsprechenden Emissionen. Das ist für unsere Umwelt auch nicht immer angenehm...

Aber Sie können nun Rücklagen für schlechte Zeiten bilden?
Ja, das ist natürlich die Idee. Und da ich glücklicherweise keine Segelboote und keine Rennautos besitze, könnte das tatsächlich hinhauen.

Letzte Frage: Könnten Sie sich vorstellen, dass Ihre Angehörigen dereinst um Ihren Leichnam herumsitzen und jassen – so wie in einer Folge des "Bestatters"?
Ja, die Vorstellung gefällt mir. Vielleicht komme ich aber auch auf einem Billardtisch zu liegen und diene als Bande.

Ich merke: Sie plädieren für einen unverkrampften Umgang mit dem Tod und den Toten.
Auf jeden Fall. Einer der Bestatter, mit denen ich mich zur Vorbereitung unterhalten habe, meinte: Das ganze Prozedere rund um den Tod sei viel zu stark reglementiert. Es sei an der Zeit den Tod wieder den Angehörigen zurückzugeben. Und genau dieser Meinung bin ich auch.

Interview: Adrian Schräder/Bilder: zVg/SRF/T. Ogasawara


Dominik Bernet wurde am 29.5.1969 in Basel geboren, wo er Philosophie und Geschichte studierte. Nach dem Studienabschluss arbeitete er in verschiedenen Berufen (u.a. Restaurateur, Werbetexter, Markenprüfer, Pressesprecher) im In- und Ausland. Mit "Marmorera" legte Bernet 2006 seinen ersten Roman vor. Zum gleichnamigen Film von Markus Fischer, der 2007 in die Kinos kam, verfasste er auch das Drehbuch. Zuletzt veröffentlichte er 2012 den Roman "Das Gesicht" (Cosmos Verlag). Des Weiteren schrieb er die Drehbücher zu den Fernsehfilmen mit Matthias Gnädinger als Kommissar Hunkeler und arbeitet seit der zweiten Staffel als Autor für "Der Bestatter". Er lebt in Zürich.

Die erste Folge der 3. Staffel von "Der Bestatter" wird am Dienstag, dem 6. Januar 2015 um 20:05 Uhr ausgestrahlt.