Es ist Sonntagmittag. Ein wolkenloser Himmel erstrahlt über Bern. Auf der Bundesterrasse hinter dem Bundeshaus tummeln sich Spaziergänger, Sonnenanbeter tanken Vitamin D auf den Bänken entlang der Promenade. Wenig deutet darauf hin, dass das Volk heute über ein Thema abstimmt, das in den letzten Wochen die Gemüter erregte.
So intensiv sich Medien in den letzten Wochen mit dem Thema auseinandergesetzt haben, so erstaunlich klein ist die Zahl der Medienschaffenden am Abstimmungssonntag in Bern. Hie und da sieht man eine Journalistin oder einen Journalisten. Ein Ansturm von Medienschaffenden auf dem Bundesplatz bleibt aber aus.
Trübe Stimmung im Hinterzimmer
Auch im Casino Bern sucht man ihn vergebens. Am Ende eines langen Gangs im Salon Bernois haben sich die Befürworter des Medienpakets versammelt. Die Frühlingslaune von draussen ist bis hierher nicht durchgerungen. Bereits seit spätem Vormittag zeichnet sich ein Nein-Trend ab. Die Umfragen haben nicht getäuscht. Vertieft in ihre Handys verfolgen einige Mitglieder der Geschäftsstelle des Verlegerverbands Schweizer Medien das Abstimmungsergebnis live auf voteinfo.ch mit. Als würden sie nach einer Antwort für die Niederlage suchen.
Doch mit jedem Update nach neu ausgezählten Stimmen wird das Unverständnis grösser. «Dass das Nein in St. Gallen so stark ist?» Marianne Läderach vom Medieninstitut des Verlegerverbandes ist sprachlos. Man habe mit einem Nein gerechnet. Eine so klare Ablehnung der Vorlage durch die Stimmberechtigten in manchen Regionen sei aber enttäuschend.
Hug: «Ich bin glücklich»
Zurück am Bundesplatz. Der Raum im 1. Stock des Café Fédéral ist mit Sonne durchflutet. Die Sieger, die sich hier versammeln, zeigen sich in bester Laune. Bruno Hug strahlt: «Ich bin sehr glücklich». Ein Nein habe man erwartet. Peter Weigelt ergänzt: Dass sich der Trend so klar und früh abzeichnet, war jedoch überraschend. Interessant findet Bruno Hug den Fall Graubünden. «Dort haben wir eine klassische Monopolsituation mit der Südostschweiz. Mehr als zwei Monate lang hätten sie die eigene Bevölkerung beeinflussen und dazu bewegen können, für das Paket zu stimmen.»
Warum es der Südostschweiz nicht gelungen ist, die Bevölkerung in der Region zu einem Ja an der Urne zu bewegen? «Die grossen Medienverleger haben gesagt, sie würden ihre Zeitungen nicht mehr herausgeben können, sollte das Medienpaket nicht angenommen werden. Die werden aber alle ihre Zeitungen behalten. Das war reiner Bluff und die Menschen haben das gemerkt», sagt Bruno Hug gegenüber persoenlich.com und fügt an: «Wenn etwa Peter Wanner das Appenzeller Tagblatt nicht mehr herausgeben will, dann übernehme ich es wahnsinnig gerne», sagt der Verleger des Onlineportals Linth24.ch und ergänzt: «Ich warte aufs Telefon.» Anrufen, um eine Zeitung zu verkaufen, werde Wanner aber nicht, ist Hug überzeugt.
Peter Weigelt freut sich über das klare Resultat vor allem angesichts der negativen Berichterstattung, der das Nein-Lager seiner Meinung nach ausgesetzt war. «Am Anfang der Kampagne erhielten wir in den Medien noch viel Platz», sagt der frühere FDP-Nationalrat. Das habe sich geändert, als immer klarer wurde, dass das Nein eine Chance habe. «Nach der ersten Umfrage von Tamedia und 20 Minuten ist die Berichterstattung umgeschwenkt», so Weigelt.
Zeit für eine Analyse
Casino Bern, 15 Uhr. Die Stimmung im Ja-Lager ist lebendiger als noch vor drei Stunden. Verwaltungspräsident der TX Group Pietro Supino ist ständig am Telefonieren, mal im Saal, mal davor. Der Mitte-Nationalrat Martin Candinas gibt Interviews.
Enttäuscht sind die Verlierer des Abstimmungstags weiterhin. «Wir haben uns mit viel Herzblut für die Abstimmung eingesetzt und sind entsprechend enttäuscht», sagt Stefan Wabel, Geschäftsführer des Ja-Komitees und des Verbandes Schweizer Medien, gegenüber persoenlich.com. Gleichzeitig betont Wabel: «Das Volk hat Nein zum Massnahmenpaket gesagt, aber nicht Nein generell zu den Medien. Es ist nicht ein Misstrauensvotum gegenüber den Medien.» Jetzt müsse man sehen, was die Gründe für das Nein sind. Man werde sie in den nächsten Tagen in Ruhe analysieren.
Das Abstimmungsergebnis zum Mediengesetz analysieren will auch Bundesrätin Simonetta Sommaruga, sagt sie an der Medienkonferenz nach 17 Uhr. Was schon seit Mittag beim Ja- und Nein-Lager zu beobachten war, zeigt sich auch hier: Nur wenige Journalisten sind vor Ort.