"Ich bin der Neger vom Neger"

Helmut Maria-Glogger - Interview mit dem Ghostwriter von "Ich, der Neger".

Das Buch "Ich, der Neger" von Urs Althaus aus dem Schweizer Wörterseh-Verlag hat alle Chancen, ein Bestseller zu werden. Als Ghostwriter amtete aber ein anderer: Ringier-Autor Helmut Maria-Glogger. Glogger hat sich bereits als Verfasser der Autobiografien von Udo Jürgens oder Eliette von Karjan einen Namen gemacht. "persönlich.com" hat sich mit dem bekannten Journalisten und ehemaligen "Glückspost"-Chefredaktor über die Schwierigkeiten seines Jobs unterhalten. Das Interview:

Herr Glogger, Sie sind Ghostwriter des Buches „Ich, der Neger“. Frustriert es Sie nicht, dass Sie als Autor nicht genannt werden?

Da kennen Sie das Geschäft eines Ghostwriters nicht. Als Ghostwriter sind Sie immer ein Neger.

Ein Neger?

Genau! Das ist die journalistische Bezeichnung für den, der für einen anderen die Feder führt, den Inhalt erst zu einem druckbaren Buch komponiert. Als ein welscher Fotograf bei der Information zum BLICK-Newsroom neben mir stand, sagte er nur: Elmüt-Marie, le négre. Der kannte den Ausdruck.

Sie kennen andere "Neger"?

Aber sicher! Pierre Salinger – die Ehre, ihn in Paris zu interviewen, hatte ich als blutjunger Reporter – schrieb die besten Reden von John F. Kennedy. Auch den berühmten Satz "Ich bin ein Berliner". Klaus Happrecht, für mich einer der besten deutschen Literatur-Abenteurer, verfasste die feinsten Reden von Willy Brandt. Auch den Satz, man müsse mehr Demokratie wagen. Meine BILD-Kollegin Katja Kessler fingerte aus den gestammelten Idiotien des Oldenburger Pop-Protz Dieter Bohlen zwei Bestseller. Sie sehen: Ich bin in bester Gesellschaft. Zu guter letzt: Sie mögen sich sicher an den legendären Abschiedsbrief „Adieu, ma puppele“ von Alain Delon erinnern, welcher er angeblich an die verstorbene Romy Schneider schrieb. Aber nicht Delon war der Autor, es war Jean Cau. Der Sekretär von Frankreichs Existenzialisten-Philosophen Jean-Paul Sartre. Boulevardier, der ich bin: Cau war der Liebhaber von Simone de Beauvoir. Ich will damit nur klarstellen, dass Ghostwriting ein sehr ehrenwertes Handwerk ist.

Und doch muss es einen wurmen, dass einer sich hinstellt und sagt: Ich habe das Buch selbst geschrieben. Obwohl es Sie es waren?

Jetzt erzähle ich Ihnen mal, wie das wirklich ist. Bei der Vorstellung einer Biografie, die ich als Ghostwriter schrieb, nachdem zwei andere an diesem bizarren, heute verstorbenen Herren gescheitert sind, sass ich in der letzten Reihe in einem Saal auf der Frankfurter Buchmesse. Ich war blass erstaunt, wie da vorne dieser Bursche, der mich an den Rande des Wahnsinns gebracht hat, über seine Schwierigkeiten des Schreibens schwafelte. Und den Satz sagte: "Und jeden Morgen, als ich mich wieder an mein Leben machte, sah ich auf dieses weisse, unbeschriebene Blatt. Da ging ich jeden Morgen durch die Hölle." Da durchzuckte es mich schon! Und ich dachte böse: "Herrgott! Du und Hölle! Du warst morgens entweder noch besoffen – oder ich musste Deiner Frau vorlügen: "Schläft noch! Haben die Nacht durchgearbeitet!"

Dies muss für einen Ghostwriter hart sein, wenn er in der letzten Reihe sitzt...

Da sitzen wir doch immer! Bis ich alles für mich auf den Kopf stellte. Heute weiss ich: Stellt sich ein Mensch hin, dem Du sein Buch geschrieben hast – und glaubt der allen Ernstes, er habe sein Buch selbst geschrieben. Dann weiss ich: Helmut-Maria – Volltreffer! Es ist die beste Visitenkarte, die Sie als Ghostwriter vorweisen können: Sie haben der Dame, dem Herrn eine Stimme gegeben, die die oder der nicht nur versteht, sondern auch selbst nachspricht. Wobei es vorteilhaft ist, dass der „Autor“ seine Autobiografie gelesen hat. Sepp Meier, der einstige Goalie des FC Bayern München, liess mal sein Leben schreiben. Unter dem Titel „Ich bin ein Tor“. Blöd nur, dass er dann Geschichten aus seinem Buch erzählte, die da gar drin standen.

Sie gelten als nicht ganz uneitel. Es muss Sie trotzdem ärgern, dass der Name Helmut-Maria Glogger bei allen Besprechungen unterschlagen wird. Selbst bei "Glanz & Gloria".

Das wundert mich überhaupt nicht. Jeder Schweizer Journalist, Autor oder Schriftsteller, der auch nur a bisserl fleissiger, besser, vielleicht eine Spur schneller ist, wird von der Bräsigkeit der Sessel-Sitz-Kamarilla gebodigt. Sprich: tot geschwiegen. Althaus hat mir aber im Fernsehen gedankt und nennt mich den „besten Make-up-Artisten“, den er je gehabt hat. Na, da bin ich ja in bester Gesellschaft.

Wer hat Sie eigentlich beauftragt, das Leben des Urs Althaus in ein Buch zu verwandeln?

Die pfiffige Verlegerin Gabriele Baumann-von Arx vom Wörterseh-Verlag. Sie rief mich an; wir trafen uns, mit Urs Althaus; waren uns sofort sympathisch. Dann versank ich in Bergen von 900 Seiten, welche Althaus geschrieben hat. Als ich auftauchte, sagte ich: „Ja“. Meine Aufgabe war klar: Ich musste aus den Fragmenten Druckbares gezimmert. Ist ja mein Job!

Was hat Sie an Urs Althaus fasziniert?

So ein Leben wie das von Urs Althaus gibt es eigentlich nicht! Das sprengt jede Vorstellungskraft. Dass der das überhaupt überlebt hat! Es ist eine rasante Achterbahn. Ein schwarzer Schweizer, uneheliches Kind, Fussball-Talent, das erste männliche Super-Model, Chef der grössten Schweizer Model-Agentur, DJ in Klosters und als „Mönch Venatius“ in dem Film „Im Namen der Rose“ neben Sean Connery. Das ist eine fast unwirkliche Kombination von Highlife und Pleiten

Wie war nun die Zusammenarbeit mit Urs Althaus?

Mal amüsant, mal nervend, immer klar, fair und ehrlich. Ich der Handwerker – er der Star. Jeder Ghostwriter, ja jeder Journalist muss wissen: Du bist Handwerker, nie Star. Über den schreibst Du. Journalisten, die sich als Stars fühlen, sind weder Journalisten noch Stars. Das sind bedauernswerte Zwitter.

Schreiben Sie eigentlich als Ghostwriter alles, was Sie wissen?

Da irren Sie sich. Wer sich einmal dazu entschliesst, sein Leben zu erzählen, der neigt früher oder später dazu, sich sozusagen nackt auszuziehen. Der verliert alle Hemmungen! Schlägt auf Freund und Feind ein. Genau da müssen Sie als „Neger“ eingreifen: Genau diesen Seelen-Striptease nicht öffentlich zu machen.

Haben Sie Namen verfremdet?

Namen ja. Nicht die Wahrheit.

(Interview: Matthias Ackeret)