Herr Barney, Sie waren noch bis vor Kurzem Chef von zwei Schweizer Erotikmagazinen. Was ist passiert?
Ich bin nun auch eines dieser Sparmassnahmen-Opfer geworden. Und das seit knapp zwei Jahren fleissigem Einsatz.
Aus Spargründen? Sie schrieben beide Magazine praktisch alleine. Wer produziert jetzt die Hefte?
So weit ich weiss, ein junges, sehr hübsches Mädchen im italienischen Look.
Dann ist also Schluss mit dem Kult-Comic Porny?
Kann sein. Es sei denn, die haben oder finden einen, der meinen Stil nachempfindet. War damals bei meinem Kinder-Comic MOZZI für das inforMotion Magazin vom Verkehrshaus der Schweiz ja auch so. Ich war draussen, als die in Luzern eine starke Ähnlichkeit mit meinem Porny im OKAY zufällig entdeckten.
Erlauben Sie eine Bemerkung. Eigentlich hatte der Verleger recht mit dem Sparentscheid. Texte sind in einem "Sex-Heftli" völlig sekundär. Also braucht es Sie nicht.
Stimmt so nicht. Die Leserschaft ist zwar vorrangig an Sex, Erotik und Pornos interessiert, aber Klatsch und Tratsch, Mode, etwas für oberhalb der Gürtellinie sind wichtig. Siehe Playboy oder andere anspruchsvolle Magazine, die auch nicht nur sogenannte reine Wichsvorlagen sind.
Wie verkauft sich ein Sexheft gut?
Mein letzter Chef meinte alles, was geil macht. Gross im Bild, vor allen Dingen grosse Titten.
Reichen einzig grosse Titten?
Nicht nur. Alles, was geil macht ist eben mehr als nur dickbusige Titelmädchen. Da braucht es gerade heutzutage mehr. Mehr Esprit, mehr Vielfalt. Diese Zielgruppen sind ja nicht durchgehend geil, scharf und dann auch noch dumm. Der Zeitschriftenmarkt beweist, dass man nie gut genug sein kann. Das Bessere ist der Feind des Guten.
Ziemlich einfache Formel.
Alles Geniale ist im Grunde vor allen Dingen einfach.
Hatten Sie nie Probleme damit, sich als Texter mit pornografischen Inhalten zu beschäftigen?
Nie. Als ausgefuchster Werber habe ich schon für Falke Postrumpfhosen getextet, Lada Autos ins Rollen gebracht oder Waschmittel-Kampagnen erfunden, ohne diese Produkte je selbst benutzt zu haben. Für Cigaretten wie WEST oder Philip Morris war das für mich als Raucher natürlich leichter als für andere Gesundheitsapostel ein, zwei Türen oder Plätze weiter.
Die Textarbeit in Erotikmagazinen wird mit der Zeit ziemlich eintönig. Nicht?
Ganz und gar nicht. Ich hatte bei OKAY und SAZ die grösste Spielwiese, die mir je ein Chef oder ein Kunde zur freien Verfügung gestellt haben. Ich konnte auf allen Positionen spielen. War Beckham, Ronaldo und Oli Kahn in einer Person.
Könnten Sie jetzt auch für ein Kirchenblatt schreiben?
Nichts leichter als das. Her damit. Als getaufter und gelernter Christ kenne ich mich gut aus. Nicht nur mit dem Vatikan, dem Papst, dem Klerus.
Was sagten Werberkollegen über Ihre Arbeit als Erotikmagazinschreiber?
Pius Walker, für mich der Papst der Schweizer Werbung, der Markus Ruf, der Reini Weber, auch Alexander Jaggy, Markus Pekeler und noch viele andere fanden es lustig. Und gar nicht abwertend oder gar peinlich. Auch denen wie allen, die dies jetzt lesen, ist Sex doch wohl ein Stück des Lebens. Egal wie soft, hart oder extrem. Die Verpackung macht eben viel aus.
Sie lebten im Heft Ihre ganze Kreativität aus. Schrieben ernste Kolumnen, Serien über Werber und sogar die Werbeanzeigen. War das Feedback der Leserschaft eigentlich gut?
Was ich mitbekommen habe: ja. Aber trotz einer von uns initiierten Leserumfrage beim OKAY wagen sich die Käufer nicht aus der Deckung.
Sie sind nun 65 Jahre alt und stehen zu einer ungünstigen Zeit ohne Job da. Was sind Ihre Pläne?
Ich bin ein Rennpferd, kein Ackergaul. Ich muss jeden Tag Rennen laufen. Also nehme ich jeden Job liebend gerne an. In der Werbung, ob PR, Journaille, ich glaube, ich bin sehr brauchbar. Nicht nur als Porny-Zeichner.
Sie können auf eine erfolgreiche Vergangenheit als Werbetexter zurückblicken. Sie müssten jetzt, da Sie wieder frei sind, mit Angeboten überhäuft werden
Na ja, die meisten mit denen ich bislang sprach, haben mich "auf ihrem Radar". Konkret ist noch nichts.
Sie sind auf "persoenlich.com" ein berüchtigter Kommentator. Fürchtet man Sie in der Branche?
Ist das so? Ach ja, weil ich eine spitze Zunge habe, deswegen vielleicht.
Warum provozieren Sie gerne?
Weil ich schon immer ein Kaberettist oder Comedian geworden wäre. Aber dann wurde ich doch Werbetexter und ein Lohnschreiber, ein Wortdieb, ein böser Wolf, der Kreide frisst.
Was halten Sie von Ihren Werberkollegen?
Von den wenigen Mutigen sehr viel. Die machen mich sogar neidisch. Gäbe es mehr davon, sähe die derzeitige Medienlandschaft auch besser aus.
Und von ihrem kreativen Output?
Die Werbezunft muss eben auch Geld verdienen. In diesen Zeiten siegt dann gern der Kompromiss, die seichte Alternative. Die spitzen Pfeile bleiben im Köcher.
Ich behaupte mal, die Schweizer Werbung war schon besser.
Stimmt nur teilweise. Ja, als die Schweizer Grafik Furore machte, dann der Paul Gredinger mit seiner GGK. Die Söhne und bald die Enkel zehren heute noch davon.
Sie sind gebürtiger Deutscher. Ist das ein Nachteil in der Schweiz?
Nicht wirklich. Obwohl diese direkte, schnelle Art nicht gern gesehen wird. Diese Attitüde verstehen aber alle Werber und Journalisten, die schon mal längere Zeit in Deutschland gearbeitet haben. Und das sind nicht die Langweiligsten, oder?
(Interview: Christian Lüscher)