Herr Schäppi, Sie sind seit einem Jahr Chef der "Tagesschau". Haben Sie den Wechsel von "Schweiz aktuell" zur "Tagesschau" nie bereut?
Gelegentlich kommt schon Wehmut auf. Aber ich war lange genug dort, habe die Möglichkeiten dieser Sendung ausgereizt. Ich wollte nochmals etwas Neues anpacken. Es gefällt mir sehr gut bei der "Tagesschau".
Welche Rolle nehmen Sie in dieser Nachrichtenredaktion wahr?
Die wichtigste Aufgabe ist die publizistische Leitung der Sendung; ich setze journalistische oder handwerkliche Akzente. Allerdings ist es schon so, dass der ganze Management-Teil Sitzungen, Organisatorische, Administrative, Personalfragen oder in den letzten Monaten auch die Konvergenz einen grossen Teil meiner Zeit beanspruchen.
Für welche Art von Journalismus stehen Sie?
Ich bin für einen, sagen wir, eher konservativen Journalismus, der dem Service public verpflichtet ist. Grosses Gewicht auf die Berichterstattung aus dem Bundeshaus legt, die Rolle der Schweiz im Ausland darstellt, das Weltgeschehen vermittelt ein Journalismus, der sich auf Fakten stützt und transparent macht, was Kommentar oder Einschätzung ist.
Konnten Sie als neuer Chef der "Tagesschau" Akzente setzen?
Wir haben u.a. eine neue "Tagesschau Nacht" aufgegleist, die TV- und die Multimedia-Redaktion zu einer Redaktion fusioniert und einen neuen Workflow eingeführt. Das neue Produktionssystem Quantel war eine grosse Herausforderung für alle Journalisten, weil sie ein komplett neues technisches System erlernen mussten und nun viele ihrer Beiträge selber schneiden. Das ging natürlich nicht alles ganz reibungslos und erforderte auch viel Überzeugungsarbeit. Es ist wie überall: Früher war bekanntlich alles besser (lacht).
Stimmt es, dass schon einmal eine Hauptausgabe der "Tagesschau" wegen der "Quantelisierung" auf der Kippe stand?
Ja, ein Software-Fehler hätte diese Katastrophe beinahe ausgelöst. Wir bekamen die Probleme aber rechtzeitig in den Griff und die Sendung ging wie gewohnt über den Sender.
Das neue Produktionssystem ist nicht die einzige Änderung. Die Abteilung Information des Schweizer Fernsehens wird sich schon bald in einem Newsroom organisieren. Warum?
Es macht Sinn, dass der ganze Newsfluss zentral verfolgt wird. So kann man koordinierter arbeiten, sich austauschen und Doppelspurigkeiten verhindern. Heute haben wir eine Art Konkurrenzsituation unter den Redaktionen - ein sehr bewusster Entscheid. In Zukunft müssen wir die News besser aufeinander abstimmen und Kräfte bündeln.
Also ist der Newsroom auch ein Sparprojekt?
Nein, der Newsroom ist kein Sparprojekt. Zum Glück sind wir in der komfortablen Situation, dass wir bis heute keine Stellen abbauen mussten. Und das soll auch so bleiben. Mit dem Newsroom stellen wir uns für die Zukunft auf.
Wird der Druck zunehmen?
Ich denke schon. Auch wir spüren die Verluste in der Werbung. Mit einer besseren Koordination können wir Kräfte freisetzen, die beispielsweise Online zum Tragen kommen. Das Internet wird künftig eine grosse Rolle spielen.
Welche?
Auch online wollen wir ein umfassendes journalistisches Angebot im Sinne des Service public anbieten, das alle Eigenleistungen nach dem Prinzip "online first" publiziert. Eine Strategie die bisher auf geht auch tagesschau.sf.tv hat enorme Zuwachsraten. Fast jeden Monat verzeichnen wir einen neuen Bestwert.
Welche Rolle spielen Sie als Chef der "Tagesschau" im Newsroom?
Es wird weiterhin Redaktionsleiter geben aber das Konzept ist noch nicht so weit entwickelt, dass ich diese Frage konkret beantworten könnte.
Stösst der Newsroom intern auf Widerstand?
Es gibt bei einigen Journalisten eine gewisse Skepsis gegenüber den jüngsten Entwicklungen in der Medienbranche, was ich nachvollziehen kann. Je mehr man sich mit technischen Anforderungen auseinander setzen muss, desto weniger Zeit bleibt für Inhalte und Recherchen.
Sind Sie eigentlich der geistige Vater des Newsrooms?
Nein, das war nicht meine Idee. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob der Newsroom wirklich das Gelbe vom Ei ist. Es wird sich in der Praxis zeigen, ob die Idee funktioniert; jedenfalls wird der Newsroom nicht plötzlich trimediale Journalisten hervorbringen. Eine gewisse Arbeitsteilung wird es im Fernsehjournalismus weiterhin geben. Im Unterschied etwa zu US-Newssendern machen wir nach wie vor anspruchvolles Fernsehen. Bei uns gibt es noch Bilder und erzählte Storys. Nicht einfach Journalisten, die pausenlos miteinander oder mit Experten reden.
Wird die "Tagesschau" durch den Newsroom hintergründiger?
Die "Tagesschau" wird auch in Zukunft eine Newssendung sein, die einen Überblick auf die wichtigsten Ereignisse des Tages gibt. Für eine vertiefenden, hintergründigeren Journalismus gibt es beim Schweizer Fernsehen geeignetere Sendungen.
Es wird oft kritisiert, dass die "Tagesschau" zu oberflächlich sei. Stört Sie das?
Nein. Unsere Aufgabe ist es, die wichtigsten Nachrichten zu bringen und sie nach Relevanz zu gewichten.
Die "Tagesschau" um 19.30 Uhr hat an Reichweite verloren. Die Sehgewohnheiten der Zuschauer ändern sich. Ein Problem?
Veränderungen, denen wir Rechnung tragen. Wenn ich die Reichweiten aller unserer Sendungen nehme, dann kommen wir immer noch auf eine Million Zuschauer täglich. Aber wir haben sie nicht mehr in der Hauptausgabe um 19:30 Uhr. Und eben: Man kann die Tagesschau auch auf SFinfo oder im Internet sehen. Da nehmen die Zahlen zu.
Die "Tagesschau" wird auch oft kritisiert, dass sie zu wenig kritisch an die Themen herangeht. Stimmen Sie dem zu?
Mit dem Niveau unserer Sendung bin ich zufrieden. Die journalistische Haltung können wir hie und da sicher noch verbessern. Wir dürften noch etwas kritischer an die Protagonisten herangehen und mehr hinterfragen, nachhaken, ergründen.
Haben Sie bei der Zusammenführung mit dem Radio ein gutes Gefühl?
Aufgrund der Erfahrungen, die ich in den Konvergenz-Arbeitsgruppen gewinnen konnte, habe ich ein gutes Gefühl. Die Unternehmenskulturen bei Radio und Fernsehen haben sich über die Jahre auseinander entwickelt. Aber eine neue Generation wird jetzt kommen und voneinander profitieren können. Konvergenz heisst nicht, dass die publizistische Vielfalt verloren geht. Es wird keinen Einheitsbrei geben.
Und wer soll Radio und Fernsehen künftig als Superdirektor führen?
Nun, namentlich bekannte offizielle Kandidaten gibt es ja nicht. Wichtig ist, dass eine Persönlichkeit diese Aufgabe übernimmt, die eine Vision entwickeln kann, Mitarbeiter motiviert, Energie und Power, aber vor allem das Durchhaltevermögen hat, die Konvergenz nachhaltig umzusetzen.
Abschlussfrage: Was waren die wichtigsten Learnings der letzten Monate?
Man muss den Leuten etwas zutrauen und ihnen Verantwortung geben. Und: Gute Arbeitsbedingungen sind wichtig.
(Interview: Christian Lüscher)