02.05.2022

SRF

«Ich bin nie ein Russe geworden»

Nach sechs Jahren als SRF-Radiokorrespondent für Russland ist David Nauer zurück in Bern. Im Gespräch erzählt er, wie er den Druck auf Medienschaffende in Russland erlebt hat und was er davon hält, dass russische Staatsmedien in der Schweiz weiter senden dürfen.
SRF: «Ich bin nie ein Russe geworden»
«Das Klima hat sich gegen Ende meiner Korrespondentenzeit verschlechtert», sagt David Nauer, ehemaliger SRF-Russlandkorrespondent. Hier im SRF-Radiostudio in Bern. (Bild: Maya Janik)
von Maya Janik
Herr Nauer*, bis vor wenigen Monaten waren Sie Radiokorrespondent von SRF in Moskau. Muss man Russland lieben, um in dem Land als Korrespondent zu arbeiten? Anders gefragt: Lieben Sie Russland?
Ich liebe Russland, aber es ist eine kritische Liebe. Es ist eine Liebe, an der ich auch leide. Ich liebe die russische Sprache, die Städte, die Landschaft, die Kultur, die Vielfalt. Ich mag auch die Russen sehr. Es gibt viele kreative Künstler, kritische Denker und originelle Leute in diesem Land. Sie sind enthusiastisch und hartnäckig. Wenn sie sich etwas vornehmen, dann stecken sie all ihre Energie rein und ziehen sie es durch. Sei es eine Geschäftsidee oder der Bau einer Datscha.
 
Was macht der militärische Angriff Russlands auf die Ukraine mit dieser Liebe?
Im Moment fällt es mir in der Tat schwer, Russland so wie früher zu lieben. Ich bin schockiert über den russischen Angriffskrieg. Er war für mich zwar nicht unerwartet. Ich habe im Radio immer wieder darüber gesprochen, dass es passieren kann. Nichtsdestotrotz bin ich schockiert von der Brutalität des Krieges.
 
Viele Russinnen und Russen unterstützen den Krieg. Wundert Sie das?
Ich bin erstaunt, wie viele Russen – sei es in Umfragen oder in Gesprächen mit entfernten Bekannten – diesen Krieg rechtfertigen. Dass Russland eine imperiale Tradition hat, und Gewalt zur Durchsetzung politischer Ziele anwendet, das war schon immer bekannt. Aber dass ein derartiger Gewaltexzess der russischen Armee bei vielen Russinnen und Russen ein Schulterzucken oder ein konformistisches «Naja, aber…» und verschwommene Rechtfertigungsargumentationen hervorbringt, erschüttert mich.
 
Woran liegt das? Glauben die Menschen die Propaganda?
Ich spüre keinen Enthusiasmus, aber einen Konformismus. Es ist eine Art Denkfaulheit. Wenn man als Bürger anerkennt, dass das eigene Land einen völkerrechtswidrigen blutigen Angriffskrieg gegen ein nahestehendes Nachbarland führt, dann muss etwas daraus folgen. Entweder müsste man protestieren, aus dem Land fliehen oder sonst irgendetwas dagegen unternehmen. Vielen fällt es leichter, nicht hinzuschauen und die Lüge des Kremls, es handle sich um einen Verteidigungs- oder Befreiungskrieg, zu glauben. Sie rechtfertigen den Krieg, damit sie nicht in Gewissensnot kommen.

 «Es braucht eine Sympathie für das Land, aber gleichzeitig kritische Distanz»

Sie haben in Russland insgesamt zehn Jahre lang gelebt. Sind Sie ein bisschen russisch geworden?
Ich bin dem Land sehr eng verbunden, aber ich bin nie ein Russe geworden. Ich bin nie aufgegangen in Russland. Es braucht eine Sympathie für das Land und Neugier, aber gleichzeitig eine kritische Distanz. 
 
Wie hat Ihr Arbeitsalltag in Moskau ausgesehen?
Das Schöne am Beruf eines Korrespondenten ist, dass fast jeder Tag anders ist. Meine Aufgabe als Korrespondent war es in erster Linie, zu verstehen, was vor Ort passiert, und über Themen zu berichten, die für das Schweizer Publikum interessant sind. Dann haben wir mit den verschiedenen Radioredaktionen von SRF «ausbaldowert», welches Thema ich in welcher Form für welche Sendung aufbereiten kann – sei es als Expertengespräch, eine Reportage, ein Gespräch mit mir – und dann habe ich es entsprechend umgesetzt.
 
Und wie haben Sie sich informiert?
Vor dem Krieg gab es eine Vielzahl von unterschiedlichen Quellen – darunter staatliche und staatsnahe Quellen wie die Presseagenturen TASS oder Interfax. Zusätzlich las ich mehrere kleine unabhängige Medien, wie zum Beispiel die Nowaja Gaseta oder das Onlineportal Meduza, das schon länger von Riga aus im Exil berichtet. Und schliesslich spielten die sozialen Medien eine wichtige Rolle: Auf Twitter oder Facebook haben Aktivisten, Politiker oder einfach ganz normale Russen diskutiert, informiert und gestritten. Anhand dieser verschiedenen Quellen konnte ich mir ein gutes Bild davon machen, was in Russland passiert. Dazu kamen natürlich regelmässig Gespräche mit Freunden, Bekannten oder zufälligen Passanten sowie Experten-Interviews.

«Das Klima hat sich gegen Ende meiner Korrespondentenzeit verschlechtert»

Hatten Sie auch Kontakt mit Journalisten, die für russische Staatsmedien arbeiten?
Ich habe einige gekannt, die zum Beispiel für staatliche Nachrichtenagenturen gearbeitet haben. Ich habe sie immer wieder bei Anlässen getroffen, sie haben aber nicht zu meinem engeren Kreis gehört. Dieser Kontakt ist seit Ausbruch des Krieges allerdings schwierig geworden. Es ist schwierig, mit jemandem eine Diskussion zu führen, der diesen Krieg rechtfertigt und dabei die Realität komplett verdreht, der also schwarz für weiss hält und weiss für schwarz.
 
Arbeiten die Journalisten für russische Staatsmedien aus Überzeugung oder aus Opportunismus?
Es ist ganz unterschiedlich. Es gibt die Hardcore-Propagandisten, die die Stimmung anheizen. Aber es gibt auch Journalisten, die beim Staatsfernsehen oder der Nachrichtenagentur TASS arbeiten und über Wirtschaft oder Kultur berichten. Die machen einen anständigen Job, anständigen Journalismus. Manchen von ihnen ist die Propaganda vielleicht sogar ein Graus, aber sie rechtfertigen sich damit, dass sie Kinder und eine Hypothek haben.
 
Halten Sie es für richtig, dass die russischen Staatssender RT und Sputnik weiterhin in der Schweiz senden dürfen? Viele EU-Länder haben die Sender gesperrt.
Ich halte ein Verbot dieser Medien für falsch. Ich denke, wir sollten uns mit der russischen Propaganda, so schändlich sie zuweilen ist, inhaltlich auseinandersetzen. Wird sie verboten, können die Russen auf den Westen zeigen: «Seht her, der Westen betreibt Zensur.»
 
Waren Sie während Ihrer Korrespondentenzeit für Recherchen auch ausserhalb von Moskau unterwegs?
Ich habe viele Reisen unternommen. Ich war in der Ukraine, in drei zentralasiatischen Ländern und bin viel in Russland herumgereist. Ich war in Wladiwostok, im hohen Norden auf einer Klosterinsel im Weissen Meer, im Süden bei Getreidebauern, im Kaukasus. Ich war auch mit Nawalny unterwegs in der Provinz. Oder ich habe einen sympathisch verrückten Russen getroffen, der im Pazifik bei Wladiwostok in einem Waldstück im Nirgendwo eine Wachtelfarm aufbauen wollte.
 
Das tönt sehr idyllisch. Wurden Sie nie an Ihrer Arbeit gehindert?
Die Zeit, in der ich in Russland war, war anders als jetzt. Die Lage für ausländische und regimekritische Journalisten hat sich jetzt mit dem Ausbruch des Krieges und in den Wochen davor massiv verschlechtert. Heute ist es eine andere Welt. Man darf bekanntermassen nicht mehr sagen, dass Russland einen Krieg in der Ukraine führt und die russische Armee Kriegsverbrechen begeht. Auch als ausländischer Korrespondent.

«Plötzlich hatten normale Bürger Angst, dass ein Gespräch mit mir für sie gefährlich sein könnte»

Wann hat es begonnen, sich zu ändern?
Die Situation hat sich schon im Laufe des letzten Jahres zunehmend verschlechtert. Plötzlich hatten normale Bürger, über die ich eine Sendung machen wollte, Angst, dass es für sie gefährlich sein könnte, wenn sie mit mir sprechen. Das war ein Vorbote dessen, was später kam. In den letzten Monaten vor meiner Abreise hat sich das noch weiter verschärft. Da gab es zum Beispiel einen Militärexperten, mit dem ich früher immer wieder gesprochen habe, der auf einmal gesagt hat, er spreche nicht mehr mit Ausländern. Früher war es kein Problem, Gesprächspartner zu finden, die den Kreml kritisieren. Viele unabhängige Politologen, Soziologen, Ökonomen, politische Aktivisten, wie das Team von Nawalny, haben gerne und offen mit mir und anderen Korrespondenten gesprochen. Die meisten von denen sind inzwischen ins Ausland geflohen, manche sitzen auch im Gefängnis.
 
Haben Sie selbst auch Druck seitens der russischen staatlichen Behörden erlebt?
Ja, zum Beispiel auf der Krim, wo ich für eine Reportage unterwegs war. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir mehrere unauffällige Mittelklassewagen nachfuhren. Später haben junge Männer mit Kurzhaarfrisuren mich auch dabei gefilmt, als ich Interviews gemacht habe.
 
Und in Moskau?
In Moskau habe ich so etwas nicht erlebt. Aber das Klima hat sich gegen Ende meiner Korrespondentenzeit schon verschlechtert im Land. Einmal war ich in einer Provinzstadt zwei Stunden von Moskau entfernt auf Recherche. Den ganzen Tag über sind seltsame muskulöse Männer unerwartet neben mir aufgetaucht; am Nebentisch im Restaurant, auf dem Trottoir … Man weiss nicht, ob man sich das alles nur einbildet oder das wirklich Leute sind, die einen beobachten. Schliesslich wollte dann auch noch die Polizei meine Dokumente sehen und mich befragen. Solche Dinge sind passiert. Aber ich bin nie in meiner Sicherheit wirklich bedroht worden und ich hatte auch nie ernsthafte Probleme mit den Behörden gehabt, wie etwa bei der Verlängerung des Visums.

«Man weiss nicht, ob man sich das alles nur einbildet oder das wirklich Leute sind, die einen beobachten»

Hat die russische Botschaft in Bern Ihre Berichterstattung im Radio SRF mitverfolgt?
Das müsste man die russische Botschaft fragen. Es waren einige wenige Fälle, dass wir von der russischen Botschaft gehört haben, und wenn, hat es sich nicht auf das Audio bezogen, sondern auf etwas, das online erschienen ist. Daraus schliesse ich, dass sie vor allem Websites und soziale Medien im Blick haben. Es würde den Mitarbeitern der russischen Botschaft aber guttun, Radio SRF zu hören, um neutrale und ausgewogene Informationen über den Ukraine-Krieg und die Zustände in Russland zu bekommen.
 
Wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges in der Ukraine hat das russische Aussenministerium Ihre Analyse für SRF News zum russischen Truppenaufmarsch an der ukrainischen Grenze aufgegriffen und als Fake News bezeichnet. Sie haben in dem Onlinevideo Ende Januar vor einem bevorstehenden militärischen Angriff Russlands auf die Ukraine gewarnt. Wie erklären Sie sich die Reaktion des russischen Aussenministeriums?
Ich weiss es nicht. Denn es ist nicht so, dass ich in dem Beitrag irgendetwas gesagt hätte, was ich nicht schon ohnehin zehnmal im Radio gesagt hätte. Meine Position war nüchtern, faktenbasiert und analytisch. Dennoch gab’s dann sogar noch einen Beitrag im staatlichen Fernsehen, wo mein Beitrag als Beispiel dafür verwendet wurde, wie kriegstreiberisch angeblich die westlichen Medien seien. Das ist natürlich komplett absurd. Zumal: Im Nachhinein muss man sagen, ich hatte recht. Knapp vier Wochen später hat Russland die Ukraine angegriffen.
 
Warum hat es ausgerechnet Sie getroffen?
Ich glaube es war Zufall. Ich kann es mir nur so erklären, dass ein Mitarbeiter der russischen Botschaft meine Berichterstattung gesehen und es in Moskau gemeldet hat.
 
Was heisst das jetzt für Sie? Sind Sie in Moskau unerwünscht und dürfen nicht mehr einreisen?
Ich weiss es nicht, aber ich will es auch nicht unbedingt ausprobieren. Solange die Lage so ist wie jetzt, reise ich nicht nach Russland. Im Moment haben die meisten westlichen Medien ihre Korrespondenten, die zum Ukraine-Krieg Bericht erstatten, aus Russland abgezogen.
 
Vermissen Sie Ihr Korrespondentenleben?
Ich habe jetzt sozusagen eine Verlängerung meines Korrespondentendaseins. Ich bin Redaktor im SRF-Radiostudio in Bern, aber ich arbeite wie ein Korrespondent. Ich habe keine normalen Dienste, sondern ich berichte über den Krieg, und reise dafür auch in die Ukraine.
 
Vermissen Sie Russland?
In einer gewissen Weise schon. Moskau ist eine Riesenstadt mit zwölf Millionen Einwohnern und einer ungeheuren Energie. Natürlich ist das ein anderes Lebensgefühl als in der Schweiz. Ich schätze aber auch sehr die Annehmlichkeiten meines Lebens in Europa und ich muss sagen, bei dem jetzigen politischen Klima möchte ich nicht nach Russland.
 
Könnten Sie sich vorstellen, in Zukunft als Korrespondent in einem anderen Land zu arbeiten?
Das könnte ich mir schon vorstellen.
 
Und wo zum Beispiel?
Es gibt viele Gebiete, die mich interessieren, aber das müsste mit meiner Familie vereinbar sein. Ich bin kürzlich Vater von Zwillingen geworden.

*David Nauer hat an der Universität Zürich Geschichte, Russische Literatur sowie Russische Linguistik studiert. Nach seinem Studium war er während zwei Jahren bis 2006 Redaktor bei der AP in Bern. Zwischen 2006 und 2009 war er als Moskau-Korrespondent beim Tages-Anzeiger tätig. Anschliessend berichtete er für die gleiche Zeitung aus Berlin. Zwischen 2015 und 2021 war er Korrespondent in Moskau für Radio SRF und SRF News.



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Kommentare

  • Adrian Venetz, 03.05.2022 07:07 Uhr
    Sehr spannendes Interview, vielen Dank!
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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