"Ich definiere 3+ nicht als direkte Konkurrenz zu VIVA"

- Wie lautet das Rezept, um sich mit einem Privatsender im kleinen Schweizer TV-Markt über Wasser halten zu können? Was Dominik Kaiser mit 3+ erst noch beweisen muss, hat VIVA Schweiz-Geschäftsführerin Asta Baumöller bereits erreicht: Ihr Musiksender hat sich etabliert und schreibt heute schwarze Zahlen. Im Interview mit "persoenlich.com" spricht die gebürtige Deutsche über den harten Überlebenskampf des Spartensenders, ihre Chefin Catherine Mühlemann und die anhaltende Krise im Musikbusiness.

Frau Baumöller, heute Donnerstag startet Dominik Kaiser mit 3+. Geben Sie dem neuen Privatsender eine Chance?

Ja, ich gebe 3+ in jedem Fall eine Chance -- sofern Dominik nicht die selben Fehler begeht wie seine Vorgänger. Der Schweizer Markt macht es Privaten nicht einfach. Er ist klein und war lange Zeit auf das Schweizer Fernsehen reduziert. Überleben kann, wer längerfristig kosteneffizient gute Qualität anbieten kann.

Wie lautet das Rezept, mit dem sich VIVA über Wasser halten konnte?

Man darf sich nicht verkalkulieren und am Anfang zu viel Geld ausgeben. In der Schweiz stellt das Publikum sehr hohe Ansprüche, es ist Fernsehen auf sehr hohem Niveau gewohnt. Zugleich ist man als Fernsehmacher gezwungen sich stark einzuschränken, weil aus dem Markt nicht viel rauszuholen ist. Es ist das alte Problem der Eier-legenden Wollmilchsau. Als Chance betrachte ich aber den Umstand, dass das Publikum hierzulande Schweizer Inhalte sehr gerne sieht.

Betrachten Sie 3+ als Konkurrenten?

Wir werden den Start von 3+ genau beobachten. Ich würde 3+ aber nicht als direkte Konkurrenz zu VIVA definieren. VIVA ist ein Spartenkanal.

Sie haben die Bedeutung der Kosten hervorgehoben. Hat Ihr Sender diese im Griff? Schreibt VIVA schwarze Zahlen?

Ja. Es war aber sehr schwierig. Erreichen konnten wir dieses Ziel nur, weil auch bei uns die Kostenkontrolle gross geschrieben wird. Wir verfahren heute nach der Devise "Lieber ein bisschen weniger, dafür gut".

Heisst dies auch, dass Sie über SMS-Einnahmen und Call-TV zusätzliche Einnahmen generieren müssen?

Wir strahlen aufgrund der herrschenden Rechtunsicherheit kein Call-TV mehr aus. Wir würden aber gerne wieder solche Formate machen, weil wir wissen, dass unsere Zielgruppe diese Sendungen spannend findet. Sobald sich die Rechtslage geklärt hat oder wir überzeugt sind, das richtige Konzept gefunden zu haben, werden wir Call-TV-Formate wieder aufnehmen. Ich will dabei nicht verschleiern, dass diese Sendungen neben ihrer Zielgruppen-Popularität speziell für die privaten Sender in der Schweiz auch eine wichtige zusätzliche Revenuequelle darstellen.

VIVA zielt auf ein sehr junges Publikum. Ist es nicht problematisch, Jugendliche mit Telefongewinnspielen abzuzocken?

Grundsätzlich: so jung ist unser Publikum nicht -- das Durchschnittsalter liegt momentan bei 29 Jahren. Wir kennen zudem die Altersstruktur unserer Zuschauer im Tagesverlauf ziemlich genau. Senden wir nur im Spätprogramm Call-TV-Formate, bewegen wir uns auf der sicheren Seite. Genau zu prüfen im Hinblick auf die Altersstruktur wäre dagegen für uns die Ausstrahlung von Telefongewinnspielen während des Nachmittags- und Abendprogramms.

Wie schlägt sich die anhaltende Krise der Musikindustrie auf Ihren Sender aus?

Wir spüren den Krebsgang nicht sehr stark. Vor allem äussert er sich darin, dass die Risikobereitschaft in der Branche nachgelassen hat. Man setzt in der Musikindustrie tendeziell weniger auf junge Schweizer Künstler. Wir erhalten weniger Clips von Schweizer Newcomern als in der Vergangenheit. Zugleich aber hat die Qualität der Clips zugenommen. Dies wiederum ist positiv.

Und wie wirkt sich die Krise auf die Werbeeinnahmen aus?

Der Anteil Werbung, der von der Musikindustrie stammt, war in der Schweiz nie auch nur annähernd so gross wie in Deutschland. Bei VIVA Deutschland machte dieser Anteil bisweilen rund einen Drittel aus. Das haben wir in der Schweiz nie erreicht. Letztlich ist dies heute für uns ein Glück: Denn sonst hätte uns die Krise der Plattenindustrie weit stärker getroffen.

Schreibt die Musikindustrie Ihnen vor, welche Clips Sie spielen müssen?

Wir alleine entscheiden, was auf VIVA Schweiz gespielt wird. Diese musikalische Kompromisslosigkeit führt zwar öfters zu Meinungsverschiedenheiten, ist für uns aber sehr wichtig. Denn nur wenn wir die Meinungshoheit gegenüber der Industrie verteidigen, bleiben wir beim Publikum glaubwürdig. Nicht unerheblich für unsere redaktionelle Arbeit ist zudem: Wir sind praktisch die einzige Plattform, die Videoclips von Schweizer Künstlern spielt. Beim SF gibt es noch Roboclip, aber das war’s dann. Wie haben daher auch eine Verantwortung gegenüber den Schweizer Künstlern -- und die nehmen wir ernst.

MTV und VIVA haben im TV praktisch eine Monopolstellung. Können Sie diese Marktmacht also auch in der Schweiz ausspielen?

Ihre Annahme stimmt so nicht ganz. Es gibt ja nicht nur das Musikvideo, sondern auch den Künstler und den Song. Die Industrie ist deshalb nicht nur auf uns angewiesen, mit dem Radio und den Printmedien verfügt sie durchaus über weitere wichtige Kanäle.

MTV wird vom Mutterhaus Viacom als Trendsetter positioniert. VIVA ist dagegen dazu verdammt, Mainstream zu spielen. Wie gehen Sie mit dieser Situation um?

Innerhalb des Viacom-Netzwerks besitzen wir hier in der Schweiz eine vergleichsweise grosse Autonomie. Wir bleiben zwar unserer populären Linie treu, entscheiden aber selber und erhalten auch die Clips direkt von der Schweizer Musikindustrie. Es ist nicht so, dass wir aus Deutschland, England und den USA pausenlos Verpflichtungen auferlegt bekommen. Sonst bräuchte es für die einzelnen Länder ja keine eigenen Sender. Diese Freiheit ist aber auch eine schwierige Herausforderung für uns: Es liegt an uns, aus allen Einreichungen jene Clips auszuwählen, die Potenzial besitzen. Diese Auswahl verlangt viel Fingerspitzengefühl. Glücklicherweise verfügen wir über Mitarbeiter, die es im Blut haben zu erkennen "ja, dieser Song geht ab".

Dann hält Sie Catherine Mühlemann also nicht an der kurzen Leine?

Zum Glück nicht, nein. Wir verstehen uns ganz gut. Ich bin froh darüber, dass Catherine den Schweizer Markt -- mit seinen typischen Eigenheiten -- auch kennt. Die Zahlen von VIVA Schweiz werden selbstverständlich regelmässig ins Network "reportet".