Michael Steiner, Sie haben innerhalb eines Jahres mit Eugen und Grounding zwei überaus erfolgreiche Schweizer Spielfilme gedreht. Ist dies für die Zukunft belastend?
Eine Belastung ist dies ganz sicher nicht. Als Regisseur will man möglichst viele Zuschauer ins Kino locken. Wer etwas anderes behauptet, lügt. Je nach Genre oder Thema hat man bessere Chancen, ein breites Publikum zu erreichen. Ich hab halt zweimal nacheinander das nötige Glück gehabt, auf breites Interesse zu stossen. Das eigentliche Problem des Schweizer Films ist der beschränkte Vorführradius innerhalb der Landesgrenzen. Ein Genrefilm, der in der Schweiz zum Beispiel lediglich 40'000 Zuschauer anlockt, kann auf einen beachtlichen Zuschauerschnitt kommen, sofern er auch im Ausland den Weg in die Kinos schafft. Hierzulande bezeichnet man Genrefilme dauernd als Autorenfilme, doch das ist für mich das Unwort des Jahres. Nach Definition wird ein Autorenfilm vom Regisseur und Drehbuchautor in Personalunion hergestellt. Betrachtet man die sogenannten Schweizer Autorenfilme genauer, so stellt man fest, dass meistens jemand anders als der Regisseur/die Regisseurin das Drehbuch verfasst hat. Die Schubladen Autorenfilm und Hollywood-Kino sind für mich Reizworte, die hierzulande täglich falsch verwendet werden. Aus Hollywood kommen nämlich die ganz grossen Autorenfilme.
Kann man mit Schweizer Filmen Geld verdienen?
Das ist sehr schwierig. Selbst Eugen hat mit beinahe 600'000 Kino-Zuschauern und 80'000 verkauften DVDs nur knapp rentiert. Wir, das heisst die Kontra-Produktion AG, haben uns für die Produktion des Filmes sehr stark verschuldet. Sogar der Grosserfolg hat nur dafür gesorgt, dass wir die Schulden zurückzahlen konnten und unsere Firma nicht bankrott ging. Persönlich habe ich von meiner Gage den Grossteil in das Projekt investiert, ausbezahlen lassen habe ich mir nur 40'000 Franken. Für drei Jahre Arbeit gar wenig.
Momentan drehen Sie Werbefilme. Ist dies eine Verlegenheitslösung?
Nein, überhaupt nicht, ich drehe gerne Reklamefilme. In Zusammenarbeit mit der Berner Werbeagentur Contexta drehe ich den neuen Spot für Appenzeller Käse. Dies hat Tradition, da bereits die ersten beiden Filme mit Uwe Ochsenknecht von mir stammen. Ich gehe gerne ins Appenzell, da meine Mutter aus dem St. Galler Rheintal, also der Nachbargegend, stammt. Meine Grossmutter mochte den Hohen Kasten sehr und hat uns Kinder immer wieder mit hoch genommen und wir schauten uns dann das Appenzellerland von oben an. Und für die Condor Films drehe ich eine Spotserie für Axpo, die verantwortliche Agentur ist da Publicis. Es ist eine reizvolle Herausforderung, mit Köbi Kuhn zu arbeiten. Hoffentlich gelingt es mir, ihn so natürlich wie möglich zu inszenieren. Und hoffentlich mögen die Zuschauer die Geschichten, die in einer typischen Zürcher Beiz spielen.
Der Schweizer Werbefilm schneidet im internationalen Vergleich mittelprächtig ab. Woran liegt das?
Viele Schweizer Spots werden von ausländischen Star-Regisseuren und gestandenen Schweizer Werbefilmern gedreht. Deswegen wäre es falsch, die Schuld bei der Regie zu suchen. Ich denke, der Sicherheitsgedanke ist hierzulande sehr hoch, das heisst, weder Agentur noch Kunde gehen allzu grosse Risiken ein.
Was bedeutet, dass unsere Spielfilme viel kreativer sind als unsere Werbespots.
Ja. Spielfilme müssen keinem Kunden vorgelegt werden ausser dem Zuschauer, und der sucht sich das ja selber aus. Zudem werden Spielfilme meistens von Filmemachern entwickelt, während in der Werbebranche ein Kreativer nicht nur filmisch denkt. Eine Spot-Idee kann in Worte gefasst überzeugend wirken, visuell umgesetzt funktioniert sie aber vielleicht nicht mehr. Die wenigsten Agenturen holen sich schon vor der Präsentation den Rat von Filmemachern.
Welches sind Ihre nächsten Filmprojekte?
Wenn alles klappt, beginnen im nächsten Sommer die Dreharbeiten zu Sennentunschi. Diese Alpensaga wurde in den Siebzigern von Hansjörg Schneider als Theaterstück inszeniert und löste einen Riesenskandal aus. Weiter liegt eine Anfrage aus Deutschland auf dem Tisch, Thomas Brussigs Erfolgsroman Wie es leuchtet zu verfilmen. Im Mittelpunkt dieser Geschichte steht der Fall der Berliner Mauer. Dann gibt es noch ein Projekt, das ich seit zwölf Jahren mit mir herumtrage. Es handelt es sich um die Tasaday, einen Stamm, der in den Siebzigerjahren weltweit als neu entdecktes Steinzeitvolk verkauft wurde. 1986 konnte der Schweizer Ethnologe und NZZ-Journalist Oswald Iten nachweisen, dass es sich dabei um einen Schwindel handelte. Momentan arbeite ich parallel an diesen drei Projekten.
Ist die Finanzierung nun einfacher?
Da wir bewiesen haben, dass wir imstande sind, erfolgreiche Filme zu drehen, wird es auch einfacher, die Verleiher zu einer Verleihgarantie zu bewegen. Bereits einen Monat nach dem Kinostart von Eugen haben uns amerikanische Produktionsfirmen kontaktiert. Die melden sich sofort, wenn ein Film irgendwo erfolgreich ist.
Was bezwecken Sie damit?
Die Weinstein-Brothers zum Beispiel schauten, ob sich Eugen als Remake für den amerikanischen Markt eignet. Hauptsächlich interessieren sich diese Produzenten aber für den Regisseur oder den Autor, um neues kreatives Talent anzuwerben. Ich habe auch einige finanziell attraktive Angebote erhalten, die mir aber vom Inhalt her nicht zusagten. Diese Nettigkeiten dauern in der Regel bis zum ersten Flop. Obwohl man als Regisseur keinen solchen einplant, ist niemand davor gefeit. Es gibt immer mehr Gründe für das Scheitern eines Filmes als für einen Erfolg. Ich habe nun zweimal in Schwarze getroffen, bin mir aber bewusst, dass dies keineswegs selbstverständlich ist.
Nun sind Sie Mitglied der Jury des Zürcher Filmfestivals. Was bedeutet dies für Sie?
Das Zürcher Filmfestival ist sich noch am Entwickeln, ich prophezeie der Veranstaltung eine gute Zukunft. Ich war dieses Jahr wieder in Locarno und schockiert, wie unfreundlich und arrogant viele Wirte und Hoteliers im Umfeld des Filmfestivals sind. Es scheint für die Tessiner eine Selbstverständlichkeit zu sein, dass diese Veranstaltung durchgeführt wird. Versuchen wir darum hier in Zürich, ein wenig netter mit unseren Gästen umzugehen.