"Ich gehöre zu den Hellsehern, die behaupten, dass man die Zukunft beeinflussen kann"

Mike Shiva - Von Mike Müller parodiert, von vielen verehrt, von vielen belächelt: Mike Shiva ist der bekannteste Wahrsager der Schweiz. Täglich sendet er drei Stunden live auf dem Programmfenster von Sat.1 Schweiz. Seit Kurzem mischt der Basler mit seiner Firma Shiva TV auch im Dating-Business mit - und hat daraus auch ein neues Fernsehkonzept entwickelt. Ein Gespräch übers Wahrsagen, die Wahrnehmung, die Liebe und das Geschäft.

Herr Shiva, wie sieht ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?
Wenn alles normal läuft, recht gemütlich. Ich stehe entspannt auf, mache eine Runde mit Chocolate, meinem Hund, trinke einen Kaffee, fahre ins Studio, mache meine Sendung. Noch ein paar wichtige Besprechungen und dann geht's schnell wieder auf den Heimweg. Ich ziehe mich gerne zurück: putzen, kochen, telefonieren und fernsehen. Ich bin computer-, fernseh- und musiksüchtig. Fertig.

Wie lang dauert Ihre tägliche Livesendung?
Drei Stunden. Für viele klingt das nach einer Tortur, für mich ist es das Gegenteil. Ich mag meine Arbeit. Sie gibt mir Power und Energie. Wenn ich meine Sendung nicht machen kann, fehlt mir etwas.

Wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus? Funktioniert die Sendung als Köder?
In der Sendung beantworte ich die Fragen mit den Karten. Und ich gebe Impulse, Inspiration. Wenn jemand länger mit mir telefoniert oder direkt vor mir sitzt, kann ich natürlich viel mehr herausholen. Solche Einzelsitzungen gibt es seit Hunderten von Jahren. Früher befragte man ein Orakel. Auch heute gehen viele immer noch in die Kirche, sie sprechen zu Gott, sie suchen Antworten. Aber wenn ich das mache, heisst es: Das ist Humbug.

Reden Sie denn eigentlich auch mit Gott?
Wie man das genau nennt, ist eigentlich total wurst. Ob Gott, ob Liebe, ob anderswie - gemeint ist einfach die Quelle von allem.

Wie nennen Sie diese Quelle?
Liebe.

Sie sprechen mit der Liebe?
Ja. Für mich ist die Liebe das Göttliche. Da stecken die Wahrheiten drin, die Naturgesetze, die Wahrscheinlichkeiten. Die Zukunft ist eben kein starres Gebilde. Sie ist beeinflussbar. Ich gehöre zu den wenigen Hellsehern, die behaupten, dass man die Zukunft beeinflussen kann.

Woran machen Sie Ihr Können eigentlich fest?
Wie meinen Sie das? Ich habe seit 30 Jahren Erfolg. Die Leute kommen nach wie vor zu mir. Und die Sachen, die ich ihnen mit auf den Weg gebe, die stimmen. Es gibt viele auf meinem Gebiet, die machen das zwei Jahre und dann gehen sie putzen. Einfach weil sie es nicht können. Die Leute sind ja nicht dumm.

Kann es nicht sein, dass Sie den Leuten schlicht und einfach ein gutes Gefühl vermitteln?
Ja, aber das wäre ja dann auch gut, oder?

Es hat einfach nicht viel mit Hellsehen zu tun.
Weshalb nicht?

Na ja, weil sie einfach gerne mit Ihnen plaudern.
Das kann schon sein. Aber nur deswegen ruft niemand an. Meine Prognosen gehören schon auch dazu.

Was haben Sie damit für eine Erfolgsquote? Führen Sie darüber Buch?
Nein, das ist mir zu wenig wichtig.

So fehlt Ihnen allerdings jeder Beleg dafür, dass Sie seriös arbeiten.
Als ich in Deutschland gearbeitet habe, kamen jede Woche zwischen 500 und 1000 Briefe mit Danksagungen und Komplimenten. Ich habe alle weggeworfen. Mir ist das nicht wichtig. Ich möchte niemanden überzeugen. Es ist mir wirklich egal. Es stört mich zwar, stets kritisiert zu werden, aber es ist mir viel zu wenig wichtig, das ich irgendjemanden damit überzeugen möchte. Ich bin kein Missionar.

Sie haben vorher gesagt, dass Sie per Telefon oder bei Einzelsitzungen wesentlich effektiver beraten könnten. Wieso machen Sie dann hauptsächlich Fernsehen? Ist das lukrativer?
Nein, das hat nichts mit dem Geschäft zu tun. Es hat damit zu tun, dass wir uns in einer schnelllebigen Zeit befinden, in der die Leute nicht mehr drei Monate auf einen Termin warten wollen. Sie wollen alles möglichst schnell wissen. Deshalb passiert so viel per Telefon.

Und ausserdem geniessen Sie selbst die Auftritte im Fernsehen.
Ja, ich hab Spass am Fernsehmachen. Ich würde auch gerne wieder eine Talkshow machen.

Wen würden Sie einladen?
Ich hatte ja lange eine Talkshow auf Züri Plus. Da war die ganze Schweizer Prominenz zu Gast: Nella Martinetti, Maja Brunner, Uriella, Walter Roderer und so weiter.

Konnten Sie denen durch Ihre Fähigkeiten ungeahnte Dinge entlocken?
Ich glaube schon. Ich habe gespürt, in welche Richtung das Gespräch gehen sollte, wo wichtige Themen liegen. Diese Talks waren sehr interessant. 

Sie verströmen bei Ihren Beratungen immer viel Optimismus. Kann man sagen, Mike Shiva ist grundoptimistisch?
Ja, das bin ich. Es wäre ja blöd etwas zu machen, das nicht positiv ist.

Aber vielleicht wollen die Leute einfach Facts.
Dann sind sie bei mir an der falschen Adresse. Leute, die solche Erwartungen haben, dürfen gerne zu einem Scharlatan gehen und sich anlügen lassen.

Die anderen Wahrsager sind alle Scharlatane?
Nein, es gibt sehr viele Gute. Aber wenn man auf Fakten beharrt, dann gibt es Leute, die einem diese Befriedung geben. Weil sie unter dem Druck stehen, das machen zu müssen. Ich stehe nicht unter diesem Druck. Natürlich gebe ich teilweise auch präzise Auskünfte. Aber nicht nonstop und nicht auf jeden Quatsch.

Können Sie den internen Vorgang des Wahrsagens etwas näher beschreiben? Nehmen wir mal an, ich rufe bei Ihnen an. Ich nenne meinen Namen und mein Geburtsdatum. Wie sammeln Sie nun Ihre Informationen?
Das ist ein Bild, das wie ein Puzzle entsteht. Eine Kombination von den Schwingungen in Ihrer Stimme, Ihrem Geburtsdatum und von dem, was die Karten mir über Sie sagen.

Und noch genauer? Was haben Sie zum Beispiel für ein Bild im Kopf, wenn ich Ihnen meinen Namen und mein Geburtsdatum nenne?
Bei Journalisten oder bei Leuten, die mir Fragen für ein Interview stellen, entstehen bei mir gar keine Bilder.

Dann nehmen wir doch unseren Fotografen, den schillernden Lukas Mäder als Beispiel!
Nein. Das mache ich nicht. Schauen Sie sich meine Sendung an, dann sehen Sie, wie das Ganze funktioniert.  

Ich habe die Sendung schon mehrfach geschaut. In Sie hineinschauen kann ich allerdings nicht. Können Sie den Vorgang nicht beschreiben?
Ich weiss, was Sie möchten. Im Prinzip fragt man mich immer das Gleiche. Seit dreissig Jahren.

Was möchte ich denn?
Sie wollen, dass ich Ihnen ein Patentrezept verrate.

Nein. Ich interessiere mich für Ihre Sinneswahrnehmung: Was ist es, was Mike Shiva wahrnimmt? Sind es Bilder? Sind es Blitze? Sind es Farben? Sind es Gerüche?
Es sind keine Bilder. Das Puzzle, von dem ich gesprochen habe, sollte nur erläutern, wie sich mein Wissen zusammensetzt. Es ist eine Kombination verschiedener Faktoren.

Ich frage jetzt nochmal ganz blöd: Eine Zuschauerin meldet sich, sagt "Hallo Mike! Ich heisse Susi und rufe an, weil..." und bei Ihnen macht es "Klick!" und Sie haben ein Gesamtbild vor sich.
Schneller.

Schneller als "Klick"?
Ja. Manchmal sagt jemand "Hallo!" und ich weiss schon alles. Die Erklärungen der Person sorgen dann einfach dafür, dass ich mich sicherer fühle.

Viele fragen banale Dinge. Sehen Sie auch, ob eine andere Frage viel angebrachter wäre?
Oh ja.

Gehen Sie darauf ein?
Nein, ich beantworte das, was mich die Leute fragen. Ich belästige sie nicht mit Sachen, die sie vielleicht gar nicht wissen wollen.

Sehen Sie das nicht als Ihre Verantwortung?
Nein.

Erzählen Sie mir von Ihrem neuen Projekt!
Ich habe ein Datingportal gegründet. Es heisst "Liita". Das steht für "Love Is In The Air".  Ich bin jetzt ein Kuppler. Ich möchte die Leute glücklich machen.

Haben Sie ein Helfersyndrom?
Nein, mit Helfen hat das nichts zu tun. Ich kupple einfach gern. Oft sieht man das Glück nicht, obwohl es direkt vor einem liegt. Wir leben in einer Zeit, in der die Leute einsam sind, sich verlassen fühlen.

Glauben Sie wirklich an die ganze Kuppelei?
Ja. Natürlich ist es romantischer, wenn man sich auf anderem Wege kennenlernt. Aber manchmal muss man halt ein paar Weichen stellen. Das Kuppeln ist nicht so brutal gemeint. Wir bieten eine Plattform an, auf der sich Leute begegnen können.

Haben Sie selbst auch schon Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt?
Ja klar, ich bin überall zu finden.

Also haben Sie positive Erfahrungen gesammelt?
Ich habe nur geschaut, was ich ähnlich und was ich anders machen würde. Es war also eher ein zielgerichtetes Testen.

Keine Dates ausprobiert?
Auf diesem Weg nicht, nein.

Wie gehen Sie eigentlich sicher, dass sich bei Ihnen keine "Glüschtler" tummeln?
Weil wir darauf sehr genau achten. Und weil sich die Leute beschweren können und wir der Sache dann sofort nachgehen.

Was kostet einen die Anmeldung bei "Liita"?
Nichts! Nur die Zusatzdienste kosten. Aber die braucht man gar nicht unbedingt. Ich hab mir auch schon überlegt alles gratis zu machen. Das wäre ja das Allerbeste. Einfach mal etwas machen, das nichts kostet.

Was sind denn das für Zusatzdienste?
Man kann Smileys und Röschen und solche Sachen verschicken, wenn einem jemand sympathisch ist. Dafür kauft man sich Coins.

Die Datenbank einer Partnerbörse ist sicher auch für andere Zwecke interessant.
Ich habe da keine Hintergedanken. Wir wollen in erster Linie Leute zusammenbringen. In zweiter Linie machen wir dann vielleicht mal eine Party. Und dann stecke ich in Verhandlungen für eine Fernsehshow, in der ich Singles interviewe. Menschen die längere Zeit alleine waren, die eine Beziehung suchen, nicht nur Sex. Menschen, die es schwer haben. Ich will aufzeigen, dass sie trotzdem ihre tollen Seiten haben und ein Recht darauf, glücklich zu sein.

Wann startet diese neue Show?
Das steht noch nicht ganz fest. Wir sind noch in Verhandlungen.

Interview: Adrian Schräder//Porträt: lukasmaeder.ch