"Ich habe einfach einen anderen Auftrag"

- Ruhig ist es geworden um Peter Hartmeier, den ehemaligen Chefredaktor des "Tages-Anzeigers". Doch dass es zu ruhig wird, lässt der jetzige Verleger der "Thurgauer Zeitung" nicht zu: Als Präsident des Vereins "Forum Freie Kommunikation" kämpft er an allen Fronten gegen Werbeverbote an und sagt: "Die Freiheit der Meinungsäusserung muss man gesamtheitlich verstehen – kommerziell und intellektuell." Im Gespräch mit "persoenlich.com" nimmt er aber auch zu seinen Nachfolgern beim Tagi und zur Lage der Presse im Allgemeinen Stellung. Zum Interview:

Herr Hartmeier, was bezweckt der Verein "Forum Freie Kommunikation", den Sie präsidieren?

Wir sehen zunehmend die Tendenz, dass gesellschaftliche Probleme mit Werbeverboten gelöst werden sollen: Man diskutiert also nicht über Alkoholismus, nicht über Tabakmissbrauch, über zu hohen Zucker- oder Fettgehalt sondern über Werbeverbote für legale Produkte. Deshalb ist es nur logisch, dass mittlerweile auch über Werbeeinschränkungen für Kinderspielzeug, Fleisch, Autos oder Luxusprodukte diskutiert wird. Das Forum Freie Kommunikation zeigt diese intellektuellen Zusammenhänge auf: Die Freiheit der Meinungsäusserung muss man deshalb gesamtheitlich verstehen – also kommerziell und intellektuell.

Wie steht es um die Akzeptanz dieses Vereins in Werbe- und Medienkreisen?

Wir bauen auf der Arbeit erfahrener und einflussreicher Persönlichkeiten auf – zum Beispiel Alt-Ständerat Carlo Schmid oder dem langjährigen Berater und Publizisten Piero Schäfer und ihre Organisationen. Zudem: Vor allem der Verband Schweizer Presse hat traditonsgemäss gesellschaftliches und politisches Gewicht – gerade auch in Bern. Die Werber hingegen haben Aufholbedarf: Sie haben in der gesellschaftlich-politischen Meinungsbildung wenig Einfluss als Branche und in der Lobby-Arbeit wenig Gewicht. Tatsächlich aber brauchen wir beide Branchen, um die Freiheit der Kommunikation zu erhalten und auszubauen. Deshalb sind wir um die Zusammenarbeit dankbar.

Wie glauben Sie damit politisches Gewicht zu erlangen?

Politisch-gesellschaftliche Prozesse zu beeinflussen ist harte Knochenarbeit, die Ausdauer verlangt. Sie setzt vor allem auch die Fähigkeit voraus hinter den Kulissen Argumentationsarbeit zu leisten - zusammen mit Medienprofis, PR-Spezialisten, Branchexponenten und Politikern. Wir müssen Schritt um Schritt vorangehen und aufzeigen, weshalb der Erhalt der freien Kommunikation zur Essenz einer freien Gesellschaft gehört. Verbote lösen keine Probleme und helfen auch nicht Abstimmungssiege zu erringen oder verängstigte Menschen zu überzeugen. Das gilt auch für die unseligen Plakat-Verbote in Basel. Ich wusste gar nicht, dass man denkenden Menschen in der Universitäts- und Kunststadt Basel weniger zumuten darf als in Frauenfeld oder Schaffhausen.

Böse Zungen werden nun natürlich sagen: „Dem Hartmeier ist schlicht langweilig in der Provinz“. Was entgegnen Sie diesen Leuten?

Nichts. Mir ist in meinem Leben noch nirgends langweilig gewesen. Übrigens: Wo beginnt und wo endet Provinz in der Schweiz? Der von mir verehrte Joseph Beuys sagte einmal, dass "die Kraft von den Bergen kommt", was ich nachvollziehen kann. Gemäss Beuys müssten Thurgau und Zürich also Provinz sein – Nicht-Provinzzeitungen wären dann also einzig Südostschweiz und Walliser Bote.

Inwieweit schränken Werbeverbote auch die Tätigkeit ihres Arbeitgebers, der "Thurgauer Zeitung" ein?

Auf der einen Seite bin ich Verwaltungsratspräsident der Huber & Co. AG und damit Verleger der Thurgauer Zeitung und auf der anderen Seite werde ich immer wieder für Vorträge, Moderationen oder verwandte Aufgaben ausserhalb des Thurgaus angefragt. Die Führung des "Forums Freie Kommunikation", die ich auf Wunsch des Tamedia-Verwaltungsratspräsidenten Pietro Supino übernommen habe, ist eine Aufgabe, die direkt mit der Thurgauer Zeitung nichts zu tun hat – aber mit meiner tiefen Affinität zur Medien- und Kommunikationsbranche. Deshalb geht es nicht darum ob die Thurgauer Zeitung unter den Werbeverboten leidet. Sie leidet genauso wie alle anderen Medien unter Werbeverboten – Print, elektronisch oder online.

Frank A. Meyer hat vor wenigen Tagen in einem Ringier Workshop gesagt, dass die Printmedien eigentlich gar nicht auf einem Rutschkurs seien. Jedenfalls nicht jene, die richtig finanziert seien. Und dass die zurückgehenden Leserzahlen vor allem von der "oberflächlichen Art Journalismus zu machen" herrühren. Wie beurteilen Sie das?

Wenn Frank A. Meyer für ein höheres Mass an Selbstkritik unser Branche plädiert hat er Recht: Machen wir Zeitungen und Zeitschriften, welche die Leserbedürfnisse wirklich erfüllen? Werden wir dem Wunsch nach Information und Übersicht im lokalen und globalen Bereich wirklich gerecht? Bringen wir genügend Überraschungen? Und präsentieren wir diese täglichen Werke attraktiv, so dass die Menschen sie gerne auf Papier lesen? Der Erfolg von 20minuten auf der einen und die Bedeutung der online-Medien auf der anderen Seite haben die Beantwortung all dieser Fragen viel schwieriger gemacht. Entsprechend haben wir in unserer Arbeit viel Grund sie kritisch zu reflektieren.

Blicken wir noch einmal zurück auf Ihre langjährige Tätigkeit als Chefredaktor des "Tages-Anzeiger" zurück. Wie beurteilen Sie ihre Leistung?

Eine solche Beurteilung liegt nicht an mir. Ich kann nur sagen, dass ich ein glücklicher Chefredaktor war – mit hoffentlich glücklichen Lesern und glücklichen Redaktorinnen und Redaktoren. Genauso wie ich jetzt ein glücklicher VR-Präsident und Verleger der Thurgauer Zeitung bin.

War die Regionalisierungsstrategie im Nachhinein richtig?

Ja.

Wie gefällt Ihnen der neue Tagi?

Meine Nachfolger Markus Eisenhut und Res Strehle sind mit ihrem Konzept auf dem richtigen Weg: Noch stärker als in der Vergangenheit auf eigene Themen und eigene Recherchen zu setzen – und dabei aber die aktuelle Nachrichtenlage nicht vergessen.

Sie arbeiten nun als Verleger einer kleineren Regionalzeitung. Ist irgendwann mit einem Comeback auf der grossen Medienbühne zu rechnen?

Bin ich je abgetreten? Ich habe einfach eine andere Aufgabe zu bewältigen, einen anderen Auftrag zu erfüllen.

(Interview per Mail: Adrian Schräder)