Herr Bärfuss, ist die Schweiz zu ereignislos für einen monumentalen Roman?
Nein, überhaupt nicht. Es hat andere Gründe, warum seit Gottfried Keller die grosse erzählende Form in der Schweiz nur noch selten Akzente setzen konnte.
Es gibt beispielsweise noch den Schweizerspiegel von Meinrad Inglin.
Und viele andere. Aber sehr wenige wurden zum allgemeinen Referenzpunkt. Das hat vielleicht damit zu tun, dass die Schweiz eine Willens-, aber keine Kulturnation ist. Die Identifkation über die Sprache, und dann noch über Hochdeutsch, ist da nicht sehr gefragt. Als Dichter verstehe ich mich nicht als Schweizer. Diese Identität hat mich nie interessiert. Mein Bezug ist die menschliche Existenz, und daran gemessen ist die Nationalität unwesentlich. Literatur ist älter als der Begriff der Nation. Dostojewski war zwar Russe, aber seine Figuren sprechen jeden Menschen an, überall.
Und trotzdem hat sich Dostojewskij sehr stark als nationaler, russischer Schriftsteller definiert.
Wir lesen ihn nicht deswegen. Das war sein grosser Irrtum.
Das stimmt. Trotzdem betonen Sie die Wichtigkeit der Autorschaft. Und Dostojewskijs Selbstverständnis ist nun mal stark national und russisch geprägt und grenzt sich beispielsweise vom Westen ab.
Das stimmt. Aber da hat er sich geirrt. Aus diesem Selbstverständnis hat Dostojewskij geschrieben, denn um die nationale Frage kam man im 19. Jahrhundert kaum herum. Alle Staaten haben sich über ihre Nation definiert: Es wäre zuviel verlangt, würde man von Dostojewskij erwarten, er hätte sich von diesem Gedanken abkoppeln müssen. Seine Bücher lesen wir heute aber trotz und nicht wegen seines Nationalismus.
Sie sagten gegenüber der "NZZ", Ihr grösstes berufliches Anliegen sei es, sich als Romanautor zu erfinden. Was reizt Sie besonders am Roman?
Da stand ich mitten in der Arbeit zu "Hundert Tage". Das war mein erster Roman. Es reizt mich, mich als Romanautor zu erfinden. Der Roman ist eine ausserordentlich interessante Gattung, mit einer langen Tradition und einem wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise, wie wir unsere Gesellschaft sehen. Und er ist auch in methodischer Hinsicht weiterhin eine spannende Aufgabe für mich.
Sie haben also noch nicht genug vom Roman?
Ich habe überhaupt nie genug vom Fiktionalen und von den Möglichkeiten der Erkenntnis durch die erzählende Dichtung. Ich bin ein Sprachstauner. Und der Roman ist eine kostbare Spezialität der menschlichen Äusserung. Meine Neugier an diesen Äusserungen ist ungebrochen.
Wieso braucht eine Gesellschaft Autoren, die sich in die Öffentlichkeit einbringen?
Meine Stärke als Schriftsteller ist, dass ich keine Institution im Rücken habe. Was ich sage, sage ich. Ich bin dafür alleine verantwortlich. Das führt bei mir zu einer gewissen Sorgfältigkeit. Diese Eigenschaft macht verletzlich, aber auch besonders.
Eine spezifische Qualität von Ihnen als Schriftsteller ist also Unabhängigkeit.
Nein, unabhängig bin ich nicht. Ich fühle mich nicht als freier Mensch.
Aber Sie sind nicht so stark institutionell eingebunden.
Ich möchte über die Gründe für meine Abhängigkeit reden können. Ich bin eingebunden in eine Wirklichkeit, von der ich abhänge, und von der ich mich nicht lösen kann. Meine Freiheit besteht nur darin, über diese Verstrickungen nachdenken und schreiben zu können.
Sie gelten als Moralist, gefällt Ihnen dieses Image?
Etwas schwierig daran ist, dass viele Menschen mit Moral etwas Zeigfingermässiges, Bevormundendes und Normatives in Verbindung bringen. Für mich heisst Moral jedoch nichts anderes als die Frage, wie wir leben wollen. Geht man von dieser Definition aus, so ist alles, was ich gelesen habe und was mich je interessiert hat, hochmoralisch. Die Frage nach dem geglückten Leben, wie wir lieben und geliebt werden wollen. Wie wir zu unserer eigenen Vergänglichkeit stehen. Aber ich habe gewiss keine Rezepte, keine Ratschläge zu erteilen ich mache bloss meine Fragen öffentlich.
Christoph Blocher formulierte den Auftrag, die Schweiz zu retten. Fühlen Sie diesen Auftrag auch in sich?
Es gibt keinen Auftrag. Und dementsprechend gibt es auch niemanden, der einen Auftrag geben könnte. Das ist nichts anderes eine rhetorische Formel zur Legitimation eines Machtanspruchs. Eine sehr alte, und offensichtlich immer noch wirkungsvolle Phrase. Man findet sie in Shakespeares Richard III, bei Macbeth oder auch bei Cäsar: "Ich möchte dieses Amt nicht und wenn es nach mir ginge, würde ich mich mit diesem Dreck gar nicht auseinandersetzen, aber es gibt eine Berufung, die mich dazu zwingt." Der Verweis auf eine Berufung, ist ein Mittel um die egoistischen Beweggründe und Interessen zu verschleiern. Wenn man das weiss, ist die Formel bar jeglichen Inhaltes. Sie ist ein vollkommener Unsinn.
Was halten Sie von Teleblocher?
Die Durchsetzung eines Machtanspruchs über die Beeinflussung der Öffentlichkeit mit fast grenzenlosen finanziellen Ressourcen: ist doch sehr zu hinterfragen. Für mich ist aber die wichtigere Frage: Wie stark sind unsere Institutionen in einer veränderten Wirklichkeit? Wie lebendig, wie gültig ist unser Gesellschaftsvertrag, der in unserem Fall in der Bundesverfassung formuliert ist? Der Staat hat immer weniger Durchsetzungsmöglichkeiten, gerade was das Internet betrifft.
Woran denken Sie genau?
Ich denke an Cyberkriminalität, an Rufmordkampagnen, an Kinderpornografie, an Finanzinstrumente, das Urheberrecht. Der Nationalstaat mit dem Konzept des geografischen Territoriums scheint dieser Wirklichkeit kaum gewachsen zu sein.
Woran liegt es, dass sich die meisten Schweizer Schriftsteller von der öffentlichen Debatte abgemeldet haben und sich zu diesen Themen gar nicht mehr äussern?
Es gibt eine konstante Debatte. Ich habe nicht den Eindruck, dass sich irgend jemand von irgend etwas abgemeldet hat. Es hat sich einiges geändert, und es gibt immer wieder Kollegen, die sich öffentlich äussern oder sich politisch engagieren, oft auch im Hintergrund, wo das mediale Interesse vielleicht nicht so gross ist.
Welche Reaktionen haben Sie auf Ihren Text "eine Schande" im "Tages-Anzeiger" bekommen?
Sehr, sehr viele, fast ausschliesslich Lob und Ermunterung.
Täuscht der Eindruck oder hat die Öffentlichkeit die Verschärfung des Schweizer Asylrechts anteilnahmslos hingenommen?
Nein, diesen Eindruck habe ich nicht. Aber die grosse öffentliche Diskussion wird erst geführt werden, wenn wir über das Referendum abstimmen.
Mangelt es einer schweigenden Mehrheit der Schweizer an Empathie, Vorstellungskraft und Gewissen?
Nein, gewiss nicht. Viele Menschen sind verunsichert. Das Vertrauen in die Zukunft ist nicht sehr gross. Die Krise der Wirtschaft ist auch eine Krise der Werte und der Sprache, und es ist leider nicht erstaunlich, dass viele in einer solchen Situation nach Sündenböcken suchen.
In "20000 Seiten" verkriecht sich die Journalistenfigur Wüthrich resigniert in den Wald, Tatsachen sind nicht mehr erwünscht, die Figur des Künstleragents John versucht Tony gnaden- und rücksichtslos lächerlich zu vermarkten, mit Give-aways und Plüschelefantenmütze. Wie steht es um den Journalismus und das Marketing in der Schweiz?
Das ist eine grosse Frage.
Bei den Exponenten dieser Branchen handelt es sich um das Publikum von persoenlich.com.
Ich hielt eine Farce jedenfalls geeignet, um die Gegenwart zu beschreiben.
Ist in der Schweiz im Journalismus Resignation und im Marketing Aggressivität erkennbar?
Das kann ich nicht beurteilen. Klar ist; Die Medien mussten sich in den letzten zwanzig Jahren zweimal neu erfinden. Das erste Mal, als die Parteienpresse verschwand. Ich meine damit die parteiische Presse, bei der die Parteilichkeit auch sichtbar ist. Diese Entwicklung finde ich schwierig. Bis vor zwanzig, dreissig Jahren gab es die Berner Tagwacht, das Vaterland und die Neue Zürcher Zeitung. Das heisst es gab eine Zeitung der Arbeiterschaft, der Konservativen und der Liberalen.
Und der Konfessionen.
Genau. Die entsprechenden Milieus haben sich aufgelöst, die Zeitungen mussten eine neue Existenzberechtigung finden und am Markt funktionieren. Und dieser Markt löst sich gerade ebenfalls auf und findet durch das Internet eine völlig neue Form. Das überfordert viele. Die Devise heisst Überleben. Zeit, sich über die eigene Rolle in der Gesellschaft Gedanken zu machen, scheint in manchen Redaktionen zu fehlen. Was heute in den Medien fehlt, ist ein bestimmter Diskurs, der Diskurs über die eigene Identifikation der Presse, die Selbstreflexion darüber, warum es die Presse überhaupt braucht. Diesen Diskurs müssten die Zeitungen aber führen. Das wäre auch für die Qualität förderlich. Ich glaube, das Internet könnte hier durchaus hilfreich sein.
Warum gibt es diesen Diskurs nicht mehr?
Er entsteht wieder. Die Medienlandschaft hat natürlich noch ganz andere Baustellen, um die sie sich kümmern muss. Die Diskussion um die Werte wird nicht geführt, weil die Medien überfordert und von anderen Sorgen absorbiert sind.
Interview: Benedict Neff