"Ich habe mich gleichsam selbst abgeschafft"

Karl Lüönd - Karl Lüönd tritt nach sieben Jahren als Leiter des Medieninstituts ab. Der Publizist will sich fortan stärker seinen eigenen Projekten zuwenden. So etwa einer Firmengeschichte für das Verlagshaus Ringier, an der der überzeugte Workaholic gerade schreibt. Im Gespräch mit "persoenlich.com" sagt Lüönd, was ihm an Ringier nicht passt und fordert von den Journalisten mehr redaktionelles Marketing. Das Interview:

Sie gaben am Donnerstag Ihren Rücktritt als Leiter des Medieninstituts bekannt. Wollen Sie generell kürzer treten?

Nein, das habe ich nicht vor. Ich bin und bleibe ein überzeugter Workaholic.

Dem Vernehmen nach schreiben Sie, der noch nie mit Kritik an Ringier gespart hat, an einer Firmengeschichte für Ringier.

Ich bin Ringier keineswegs schlecht gesinnt. In den sieben Jahren, während denen ich beim Blick arbeitete, habe ich mich sehr wohl gefühlt. Mir passt aber die heutige politische Richtung des Blicks nicht und ebenso wenig das neue SonntagsBlick-Magazin „Sie + Er“. Diese Ansicht tue ich auch kund -- wie kürzlich in einem Artikel im Media-Trend-Journal. Genauso kritisch bin ich allerdings auch gegenüber den Titeln von anderen Verlagen. Die Weltwoche etwa finde ich nicht immer gut. Ich halte mich da also für ziemlich unabhängig.

Ist es für einen kritischen Journalisten nicht problematisch im Auftragsverhältnis eines Unternehmens seine Firmengeschichte zu schreiben?

Solche Projekte sind in der Schweiz nur im Auftragsverhältnis möglich. Die akademischen Historiker schreiben Ihre Geschichte -- wenn sie Glück haben mit Unterstützung von Stiftungen, öffentlicher Hand oder anderer Sponsoren. Eine Firmengeschichte jedoch können Sie eigentlich nur im Auftrag des Unternehmens schreiben. Voraussetzung dazu -- neben der Finanzierung -- ist ja, dass man Zugang zu den Quellen hat. Entscheidend dabei ist dann, dass man sich nicht die Integrität abkaufen lässt. Ich hatte diesbezüglich jedoch nie Probleme. Anfragen, bei welchen ich eine Einmischung befürchte, nehme ich von vorneherein gar nicht an.

Weshalb verlassen sie das Medieninstitut?

Ich habe mich gleichsam selber abgeschafft. Denn die Leitung des Instituts hat mittlerweile ein Volumen erreicht, das eine vollamtliche Tätigkeit erfordert. Eine Vollzeitstelle jedoch strebe ich nicht an.

Was sind die Gründe für diese Zunahme des Pensums?

Das Medieninstitut als Aus- und Weiterbildungsstelle des Verbands Schweizer Presse hat den Diplomkurs stark ausgebaut, d.h. aus einem Kurs deren zwei gemacht, zugleich wurde die Kadenz erhöht. Der Leiter des Medieninstituts muss deshalb mehr Kurs-Eintrittgespräche führen. Die Zusammenarbeit mit den Dozenten, deren Rekrutierung und Coaching, erfordert bedeutend mehr Arbeit.

Es gibt im Medienbereich immer weniger offene Stellen, trotzdem baut der Verband seine Aus- und Weiterbildungsabteilung stetig aus. Zielen diese Anstrengungen nicht am Markt vorbei?

Nein. Je härter der Markt wird, desto höher die Anforderungen an die im Markt Verbliebenen. Es ist auch unsinnig, ein langfristiges Projekt wie die Aus- und Weiterbildung an kurzfristigen Konjunkturschwankungen auszurichten. Und schliesslich sind die Arbeitnehmer heute in weit stärkerem Masse bereit, in ihre Weiterbildung zu investieren. Unsere Kurse sind deshalb sehr gut besucht.

Sie gehen also davon aus, dass die Krise der (Print)-Medien nur kurzfristiger Natur ist...

Hier gilt es zu unterscheiden: Die Gesamtaufwendungen des Durchschnittshaushaltes für Medien steigen in der Schweiz pro Jahr um rund 3.5 Prozent. Was sich ändert, ist einzig die Verteilung der Mittel. Man kann also nicht von einer Krise der Medien sprechen. Lediglich einzelne Teilbereiche leiden, so etwa die Printmedien.

Ist der Beruf Journalist heute genauso anzustreben wie früher?

So wie der Beruf heute ist: nur mit grossen Vorbehalten. Grundsätzlich jedoch ist der Beruf des Journalisten nach wie vor der Spannendste, persönlich erfüllendste Beruf, den ich mir vorstellen kann. Bloss fordert er dem Einzelnen heute mehr Flexibilität ab: Die jungen Kollegen müssen offener gegenüber dem redaktionellen Marketing werden und sich noch stärker aufs Zielpublikum konzentrieren. Wer die Welt verbessern will, wird nie ein guter Journalist. Das Bewusstsein, dass der Journalist Bestandteil eines öffentlichen Versorgungsbetriebs ist, dass er Kunden hat und dass er kommerziell arbeiten muss, ist noch stark förderungsfähig. Auch erfordert die heutige Zeit eine grosse Offenheit gegenüber der kommerziellen Kommunikation – Stichwort „Corporate Communication“. Im Prinzip stellt diese ja auch journalistische Anforderungen.

Abschlussfrage: Zusammen mit Roger Schawinski, Suzanne Speich, Jürg Marquard wurden auch Sie in diesem Jahr sechzig. 1945 muss für Medienleute ein goldener Jahrgang sein...

Das Jahr 1945 war auch beim Bordeaux der Jahrhundert-Jahrgang. Da muss es also einen Zusammenhang geben.(lacht)