01.03.2013

SRF/Tamedia

"Ich habe nicht ständig Groupies am Telefon"

SRF nennt ihn seinen "Haussatiriker", beim "Tages-Anzeiger" amtet er als "Briefkastenonkel". Der Psychoanalytiker Peter Schneider ist einer der produktivsten Kolumnisten der Schweiz. persoenlich.com hat den Vielbeschäftigten getroffen. Bei Zigarre und Rotwein gibt er seine Lebensweisheiten von sich: Er spricht über die "Denkfehler von '20 Minuten'", das Seite-1-Girl vom "Blick" und erklärt, wieso das Niveau der Medien einfach schlecht, dies aber nicht der Untergang des Abendlandes ist.
SRF/Tamedia: "Ich habe nicht ständig Groupies am Telefon"

Herr Schneider, Ihr Arbeitgeber SRF nennt Sie Haussatiriker. Was verstehen Sie darunter?
Einen Satiriker mit karierten Filzpantoffeln und im Morgenmantel. Anfangs hat mich der Begriff etwas irritiert, wie etwa auch die Bezeichnung "Briefkastenonkel" für meine Tätigkeit beim Tagi. Mittlerweile finde ich beides eigentlich ganz niedlich.

Finden Sie sich selber lustig?
Manchmal, aber nicht vorwiegend. Ich mache einfach gerne Anmerkungen und Einwürfe, die zum Gesagten Distanz schaffen. Das ist so eine Eigenart von mir.

Zu Ihrem eigenen Gesagten?
Auch dazu. Es gibt keinen Gedanken, den man hinschreibt und der es nicht wert wäre, noch einmal anders gedreht zu werden. Aber nicht einfach um 180 Grad. Das geht mir bei der "Weltwoche" so auf die Nerven: Ihre Meinung ist einfach die Drehung desjenigen, was die "Weltwoche" jeweils zum Mainstream erklärt – meistens recht mutwillig. Die Zeitung zielt nur auf den Effekt - das finde ich immer blöd. So verhält es sich auch mit dem Lustigsein: Zielt es nur auf einen Effekt, deprimiert es mich eher. Selbst bei Albernheiten sollte ein raisonabler Gedanke dahinter stehen.

Als öffentliche Figur werden Sie stark mit Satire und Humor in Verbindung gebracht. Fühlen Sie sich da zuweilen unter Originalitätsdruck, weil die Leute denken, "jetzt kommt Peter Schneider, jetzt wird’s lustig"?
Dass die Leute das denken, das kommt vor, ja. Manchmal kann das unangenehm sein. Ich habe mal einen Vortrag über Traumata gehalten, da haben drei Zuhörer bei jedem Satz zustimmend gelacht. Offenbar finden die Leute selbst Bierernstes von mir immer noch viel ironischer als das, was sie sonst unter bierernst gewohnt sind. Wenn man nur Power-Point-Scheiss gewohnt ist, findet man offenbar schnell mal was lustig.

Stellen Sie lieber Fragen oder geben Sie lieber Antworten?
Eigentlich höre ich lieber zu.

Sie sind also lieber gar nicht direkt involviert.
Irgendwie ja. Und dann gibt es so Sondersituationen, in denen ich auch gerne sage, was ich eigentlich meine. Interviews gebe ich eigentlich sehr gerne. Da kann ich wieder mal reflektieren, was ich eigentlich so mache und meine Welt-Weisheiten unter die Leute bringen.

Sehr gut, dann fangen wir jetzt an. Sie sind Psychoanalytiker, wie sind Sie eigentlich zum Kolumnenschreiben gekommen?
Mit dem Radio habe ich schon früh angefangen, jetzt feiere ich dann bald mein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum bei SRF. Als ich noch studiert habe, hatte ich aber schon seit längerem für den Westdeutschen Rundfunk und andere deutsche Sender gearbeitet. Über Roger Graf bin ich – als Nachfolger für eine 20-Prozent-Stelle von Lorenz Keiser, wenn ich mich recht erinnere - zum Radio gekommen, anfangs zu DRS 1 – ich produzierte Sendungen wie Schreckmümpfeli und Spasspartout. Später fing ich bei DRS 3 an … Ich bin kein guter Historiker meiner Selbst. Irgendwann jedenfalls habe ich einen GAV gekriegt und gehöre inzwischen zum alten Eisen beim SRF.

Und dann wurden Sie von Tamedia angefragt, ob Sie auch noch Kolumnen schreiben möchten.
Ja, aber da liegen viele Jahre dazwischen. Ich habe davor beispielsweise auch noch für die "Weltwoche" – noch zu Ramspecks und Margrit Sprechers und Knorrs Zeiten - geschrieben, für die "Berner Zeitung" und die "Schweizer Illustrierte". Ich möchte all das Zeugs heute ja gar nicht mehr sehen (lacht). Sagen wir es mal so, der grosse Erfolg im Kleinen im Sinne einer Etablierung als Meinungsschreiber kam dann mit der Tagi-Kolumne.

Wieso schreiben Sie eigentlich?
Um Geld zu verdienen.

Sie könnten ja auch einfach als Psychoanalytiker Geld verdienen und da Ihr Pensum ausbauen.
Das geht nicht so beliebig. Psychoanalyse in der Schweiz funktioniert nicht wie in Deutschland. Hier hat man keine Krankenkassenzulassung. Auch die Praxis unterliegt gewissen Schwankungen. Wenn es ganz schlecht lief, war ich auch schon froh, dass ich meinen Job beim Radio und Anfragen zum Schreiben hatte. Zeitweise hat mir das Schreiben auch gestunken und ich hätte lieber eine wissenschaftliche Karriere gemacht. Rückblickend hat aber mein Gemischtwarenladen letztlich zur finanziellen Beruhigung beigetragen. Und je länger ich ihn betreibe, desto besser gefällt er mir eigentlich.

Was gehört alles zu Ihrem Gemischtwarenladen?
Ich habe eine wöchentliche Kolumne beim "Tagesanzeiger", bei der "Sonntagszeitung" und meine tägliche Presseschau beim Radio. Dann bin ich Privatdozent an der Uni Bremen, halte Seminare und habe Lehraufträge. Und dann halte ich noch Vorträge. Für die habe ich z.B. mehr Anfragen als von neuen Patienten.

Was kostet ein Vortrag von Ihnen?
Das hängt sehr davon ab, wer anfragt. Ich habe durchaus auch meine Abschreckungshonorare. Das höchste Honorar, das ich ich immerhin schon zweimal gekriegt habe, waren 9000 Franken. Die gutbezahlten liegen sonst so zwischen 4000 und 7000 Franken. Bei Kleintheaterlesungen, Kulturinstitutionen auf dem Lande etc. bin ich natürlich einiges billiger. Für Wissenschaft bekommt man tendenziell nichts oder man zahlt drauf: In meine Tätigkeit als Privatdozent in Bremen investiere ich nur: Ich habe eine Woche Arbeitsausfall, zahle Hotel und Flug selber und verdiene keine Geld.

Das machen Sie einfach für den Ruhm.
Na, ja, der Ruhm hält sich auch in Grenzen. Jedenfalls gilt, je kommerzieller der Anlass, desto mehr Geld verlange ich.

Kommen zu Ihnen Verehrerinnen, die nicht nur von Ihnen lesen, sondern sich auch behandeln lassen möchten?
Nein, nein. Aber immerhin haben meine Kolumnen meinem Ruf als Psychoanalytiker nicht geschadet. Anfänglich hatte ich das befürchtet. Auf eine Psychoanalyse, eine mehrjährige Behandlung lässt man sich nicht ein, weil man von irgendjemandem mal was gelesen hat. Ich habe also nicht ständig Groupies am Telefon, die sich bei mir zur Psychoanalyse anmelden möchten.

Sie sind sehr produktiv. Es gibt Journalisten, denen wäre bereits eine Kolumne pro Woche zu viel angesichts des Originalitätsdrucks, Sie schreiben deren drei.
Die Schreiberei hat bei mir vor allem eine gewisse Routine ausgebildet. Ich bin arbeitsfähiger, je mehr ich zu tun habe. Wenn ich früher, mit 26 Jahren, eine Seite für die "Weltwoche" geschrieben hatte, hatte ich noch drei Tage danach das Gefühl, ich müsste mich ausruhen.

Und jetzt rauchen Sie eine Zigarre, trinken ein Glas Portwein und schletzen einen Kommentar hin.
Das stellen Sie sich viel zu romantisch vor. Ich setze mich einfach vor den Computer und schreibe dann halt. Die Recherche ist mit dem Internet viel leichter geworden. Ein schmückendes Goethe-Zitat findet man gleich, früher hat man zwanzig Bände durchgesehen, und am Schluss das Dichterwort, auf das es eigentlich auch gar nicht besonders ankam, womöglich immer noch nicht gefunden. Irgendwann stellte sich dann heraus, dass es von Schiller war. Im Internet sind solche Dinge schnell aufgeklärt.

Ihre Arbeit ist also durch die vereinfachte Recherche und Routine leichter geworden.
Ja, und ebenfalls durch mehr Arbeit. Früher war ich schneller erschöpft. Als Student hatte ich auch wahnsinnige Arbeits- und Schreibstörungen. Ich habe mich mit Seminararbeiten sehr schwer getan. Der Selbstanspruch war während des Studiums, wie bei vielen, viel höher.

Was empfehlen Sie gegen Schreibblockaden?
Ich weiss auch nicht. Ich habe auch vieles probiert. Meine Magisterarbeit habe ich nachts geschrieben, nach der Disco. Die Arbeit zu romantisieren, kann nützen. Aber auf die Dauer? Mit dem Moleskine im Odeon bringt man nie was fertig.

Sie üben in Ihren Kolumnen, aber auch in "die andere Presseschau" auf SRF 3, scharfe Kritik, trotzdem scheinen Sie beim Publikum nicht sonderlich zu polarisieren. Woran liegt das?
Ich glaube, das liegt auch daran, dass ich wenig personalisiere und dass "Viel Feind, viel Ehr" nicht meine Maxime ist. Ich wüsste nicht, worin der Aufklärungsgewinn des Polarisierens stecken könnte.

Manchmal werden aber auch Sie Kritik einstecken müssen.
Ja, das kommt vor, zwei-, dreimal pro Jahr und dann meist gleich mit einem Bündel von Leserbriefen. Ich habe zum Beispiel mal über die Kritik der Kirche an längeren Ladenöffnungszeiten geschrieben, dass diese nicht widernatürlich seien, weil die Evolution ja auch keine Pause mache – irgend so einen albernen Kram. Ein Professor für Kirchengeschichte hat mir einen giftigen Leserbrief geschrieben, was ich da für einen Seich erzählen würde und dass er es sich ernsthaft überlege, sein Schnupperabo abzubestellen. Da kam eine kleine Welt ins Wanken.

Sind Ihnen solche Reaktionen unangenehm?
Meine Reaktion ist eine Mischung aus Depression und Ärger. Dann denke ich für mich, "was seid ihr bloss für doofe Arschlöcher, Genre-Analphabeten, und blast euch auf, als hättet ihr die Weisheit gepachtet." Es deprimiert mich, wenn manche Leute so blöd sind und die Texte und die einfachsten genretypischen rhetorische Figuren nicht verstehen.

Vertreten Sie auch die gängige Ansicht des Qualitätszerfalls der Medien?
Ich habe mich auch schon dahingehend geäussert, obschon ich eigentlich solchen Untergangsthesen generell misstraue. Aber da ja Kurt Imhof mit einigermassen empirischen Methoden was Ähnliches sagt, muss man wohl einräumen, dass die These nicht einfach nostalgischer Blödsinn ist. Wenn ich in "20 Minuten" völlig irrelevante Nicht-Nachrichten finde, die mit Copy-Paste von irgend einer Furz-Seite aus dem Internet stammen, ärgere ich mich: "Vielleicht soll Rihanna, so jedenfalls will es ein Ohrenzeuge gesehen haben, der im Blog von X zitiert wird" – so was in der Art ist inzwischen ein Runninggag in meiner Radio-Presseschau geworden. Ob das jetzt der Niedergang des Abendlandes ist, bezweifle ich. Meine Frau schaut sich zuweilen die Tagesschau an, ich muss die auch nicht unbedingt nicht schauen: In drei
Minuten habe ich dieselben Informationen in der Zeitung gelesen.

Die Gratiszeitungen sind für Ihre "andere Presseschau" aber wohl zur grossen Ressource geworden.


Was mich da nervt, sind die Denkfehler in den Artikeln, das wahllos Zusammengesuchte und die Ballung von Textbausteinen. Die Bezahlzeitungen sind davor allerdings auch nicht gefeit.

Sind Sie nicht irritiert, dass die journalistischen Erzeugnisse "Tagesschau" und "20 Minuten" just von Ihren Arbeitgebern Tamedia und SRF stammen?
Ich habe zwar beim SRF einen fixen Vertrag, aber eigentlich hat man mich sowohl bei SRF als auch bei Tamedia immer als Selbständigen behandelt, insofern pflege ich keine Hausloyalitäten. Beisshemmungen habe ich höchstens, wenn jemand etwas Blödes schreibt, den ich eigentlich nett finde. Meistens nenne ich ohnehin keine Namen. Wie gesagt, meine Kritik richtet sich nicht ad bzw. contra personam. Ich denke nicht, dass junge Journalisten verblödete Artikel schreiben, weil sie regelmässig die Ringier-Journalistenschule geschwänzt haben, und statt dessen lieber gekifft haben. Aber, was mich tatsächlich aufregt, ist, dass Artikel auf den Redaktionen so glatt durchgehen, oder dass Artikel durchgehen, in denen nichts steht und ausserdem noch alles falsch ist. Letztlich ist es völlig egal, ob das Niveau gesunken ist oder nicht. Jetzt ist es einfach schlecht.

Warum wehren Sie sich gegen die Verfallsgeschichte der Medien, wenn Sie sie offenbar zutreffend finden.
Ich habe generell etwas dagegen, wenn Kritik immer nur in einer Art von Verfallsgeschichte erzählt wird. Das täuscht oft, ein gutes Beispiel dafür ist die Jugendgewalt. Vergleichen wir etwa die siebzehnjährigen Kriegsfreiwilligen von Verdun mit den heutigen Jugendlichen, so werden wir kaum von Steigerung der Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen sprechen können. Dasselbe gilt für die Zeitungen: Ich möchte heute nicht unbedingt den "Blick" der siebziger Jahre zurück haben oder den Tagi, der den Meienberg boykottierte. Man kann nicht einfach generell sagen, dass alles bergab gegangen ist. Nicht zuletzt auch deshalb neige ich dazu, zuerst einmal zu kritisieren, was jetzt ist.

Ihre Haltung gegenüber den Medien ist elitär.
Ja, das kann man schon sagen. Aber ich vertrete sicher keine Verbotshaltung. Ich will kein Verbot des Bachelors oder des Blick-Seite-1-Girls. Aber man soll auch sagen dürfen, wenn man diese Rubriken einfach zum Kotzen findet. Diese publizistische Mischung aus Prüderie und dem Dildo auf dem Nachttisch ist mir unerträglich. Ich bin schliesslich auch wer, es gibt nicht nur die "Blick"-Leserschreiber, die finden, dass wir nun nicht mehr im Mittelalter leben und man sein Schamlippenpiercing getrost zeigen darf. Auch die Ausrottung von "20 Minuten" ist nicht mein oberstes Ziel.

Wie haben Sie die Strehle-Kampagne der "Weltwoche" empfunden?
Der Text ist in einer Mischung aus "Erwachet" und "Schweizerzeit" geschrieben, bei der man schon beim Lesen weiss, "irgendwie kann das so nicht stimmen". Wenn die "Weltwoche" findet, man müsse endlich die linksradikale Vergangenheit der Schweiz aufarbeiten, dann ist das so relevant, wie wenn Christoph Mörgeli sagt, die linken Professoren würden ihm seine wissenschaftlichen Meriten neiden. Dabei finde ich z.B. Cavalli Kuba-Begeisterung auch degoutant. Selbst in der "Schweizerzeit" steht vermutlich gelegentlich ein wahrer Satz, so verhält es sich auch mit der "Weltwoche". Die Zeitung hat etwas Sektiererisches. Wenn ich eine Diskussion über den Stand der Geschichts- und Kulturwissenschaften machen wollte, würde ich nicht unbedingt Mörgeli als Gewährsmann befragen, um Tanner und Sarazin beurteilen zu lassen, und Maja Brunner würde ich auch keine Kritik der Mailänder Scala zumuten. Drücke ich mich verständlich aus?

Ja, ich kann Ihnen folgen. Nochmals zurück, Sie wollen mit Ihren Kolumnen primär unterhalten…
Das bezog sich nur auf meine satirische Kolumne in der "Sonntagszeitung". Die Mediensatire auf SRF 3 hat schon eher einen Welt- und Medienverbesserungsansatz.

Haben sich die Medien durch Ihren Einsatz verbessert?
Nein.

Angesichts Ihres Willens zur Weltverbesserung müssen Sie frustriert sein.
Kein Satiriker kann ernsthaft glauben, dass er in der Welt etwas verbessert. In einem Gespräch mit meinem früheren Analytiker habe ich vor langer Zeit mal geklagt, dass es mir zum Hals heraushängt, für das Publikum den medialen Müll zu sortieren. Da meinte er, es helfe aber vielen Leuten, denen dasselbe auf den Geist geht, nicht glauben zu müssen, dass eigentlich sie spinnen. Wenn man sich unter den Blick-Leserbriefschreibern wie ein Geisterfahrer vorkommt, ist es manchmal nützlich, wenn da dass da noch jemand ist, dem das nicht anders geht und dass die Frage, wer eigentlich die Geisterfahrer sind, durchaus strittig ist. Und derjenige bin dann ich. Ich nehme an, die Produktionsseite beeinflusse ich wenig, ich habe aber für die Rezeptionsseite eine gewisse befreiende Funktion.

Interview: Benedict Neff

 



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