Herr Hottinger, wie viele Ehrungen haben Sie im Verlauf Ihres Berufslebens erhalten?
Ich kann drei aufzählen, zwei Ehrendoktorate der Universitäten Basel und Bern sowie ein internationales Kolloquium, "betitelt 1001 Nachricht", das mir die Schweizerische Gesellschaft Mittlerer Osten und Islamische Kulturen zum 80. Geburtstag widmete. Dies ist mir besonders in Erinnerung geblieben durch einen hervorragenden Festvortrag, den mein Freund und Kollege Rudolf Chimelli bei jener Gelegenheit hielt. Ich habe auch einmal einen Journalistenpreis der Stadt Zürich erhalten. Dies muss in den späten Achtzigerjahren gewesen sein.
Welche arabischen Persönlichkeiten haben Sie während Ihrer Journalistenkarriere persönlich kennengelernt?
Nicht sehr viele unter den Machthabern. Denen pflegte ich eher aus dem Wege zu gehn. Ihr Auftreten und ihre Art zu handeln kann man auf Pressekonferenzen erfahren, ohne sich zu sehr ins Licht zu setzen. Boutros Boutros Ghali war eine Ausnahme. Er wurde ein Freund, noch bevor er zum Aussenminister Ägyptens und dann zum Generalsekretär der Uno aufstieg. Unter den arabischen Intellektuellen und Journalisten hatte ich einige echte Freunde. Es kam vor, dass sie Informationen weitergaben, die sie selbst nicht veröffentlichen konnten. Informationsaustausch funktioniert natürlich am besten, wenn beide Seiten etwas zu bieten haben. Am ehesten konnte ich etwas beitragen, wenn es um die Einschätzung des Verhaltens westlicher Staaten ging.
Sie arbeiteten in Beirut und Nikosia. Gab es viele gefährliche Momente in Ihrer Karriere?
Wenn, dann eigentlich immer, weil man eine Lage falsch einschätzte und daher falsch handelte. Das konnte zu unangenehmen Zusammenstössen mit den Geheimdiensten führen. Sie liefen jedoch für mich immer glimpflich ab. Geiselnahmen standen damals erst in den Anfängen. Gewisse Risiken nahm ich bewusst in Kauf, etwa eine Reise nicht als Journalist, sondern als "Lehrer" nach dem russisch besetzten Afghanistan, oder eine nicht legale Grenzüberquerung von Iran nach dem kämpfenden irakischen Kurdistan, bei der kurdische Berufsschmuggler mithalfen. Auch eine Fussreise in den jemenitischen Bürgerkrieg aus Saudi-Arabien und später auf die Gegenseite nach Sanaa. Dabei hatte ich manchmal mehr Glück als Verstand.
Versuchten die einzelnen Gruppierungen Einfluss auf Ihre Arbeit zu nehmen, und wenn ja, wie?
Es gab in manchen Regimen neben den offiziellen Propaganda- und Informationsstellen einen Beauftragten, der damit betraut war, mit ausländischen Journalisten vertraulich zu reden. Meist war er selbst auch Journalist, meistens sehr klug und gewandt. In vielen Fällen klug genug, um zu wissen, wenn er Einfluss ausüben wollte, musste er auch einige glaubwürdige Informationen mit einfliessen lassen. Mit solchen Leuten Gespräche zu führen, war stets interessant und produktiv. Natürlich musste man sich selbst überlegen, welche ihrer Informationen und Darstellungen man inwieweit annehmen wollte. Auch in diesen Fällen lief das Geschäft am besten, wenn man seinerseits auch etwas dazu beitragen konnte. In einigen Fällen sind auf diesem Weg sogar Freundschaften zustande gekommen.
Gerade Ihre Äusserungen über Israel haben Ihnen doch einige Kritiken eingetragen. Wie haben Sie darauf reagiert?
Wenn es sich in meinen Augen um wenig begründete Rechthaberei oder sogar um persönliche Beleidigungen handelt, reagiere ich nicht. Wenn es darum geht, Sachfragen so sachlich wie möglich zu klären, stehe ich immer für Diskussionen und Auseinandersetzungen zur Verfügung. Allerdings stösst man dabei nach meiner Erfahrung sehr rasch auf schwer überbrückbare Meinungsunterschiede betreffend den Wahrheitsgehalt von Informationen und Gegeninformationen und die Bewertung von Informationen. Oft gilt der einen Seite als Propaganda, was die andere als Information versteht. Man kann darüber reden, doch es gibt Überzeugungsfragen, über die sich schwer diskutieren lässt. Zum Beispiel: Heiligt der Zweck die Mittel? Falls ja, genauer, welche Zwecke, wie weit gehende Mittel? Und welche Mittel werden tatsächlich von wem, wann, unter welchen Umständen und zu welchem Zweck angewandt? Lange, intensive und oftmals schmerzliche Beschäftigung mit dem Thema hat mich zu gewissen Überzeugungen und in anderen Fällen zu Hypothesen geführt, die ich begründen kann. Falls jemand Gegengründe vorbringt, die mir überzeugend scheinen, will ich sie gerne in Rechnung stellen.
Sie haben vor genau 52 Jahren bei der "NZZ" als Nahostkorrespondent begonnen. Wie hat sich der Korrespondentenberuf in diesen Jahren verändert?
Ich sehe drei wesentliche Veränderungen, zum Ersten: Die Übermittlungstechnologie, heute gewaltig beschleunigt, hat dazu geführt, dass der Anspruch entstand, "in real time" informiert zu werden. Dies ermöglicht den Oberflächenkitzel, der darin besteht, vom Lehnstuhl aus einem Ereignis beizuwohnen, das gerade ein paar Tausend Kilometer entfernt abläuft, oder mindestens, das im Lauf des vergangenen Tages geschehen ist. Wenn ein Medium, typisch das Fernsehen, schneller ist als die anderen, wird die Neuigkeit zuerst von ihm abgenommen. Wenn andere, auch nur um Stunden später, auch davon sprechen, ist sie schon alter Hut. Dies bedingt einen Wettlauf der Medien um "instant news". Diese ist notgedrungen oberflächlicher als überlegtere und durchdachtere Neuigkeitsspiegelungen.
Zweitens, und damit eng verbunden, die Bildinformation. Auch sie ist durch die technologische Entwicklung möglich geworden. Bilder sind eindrücklich, weil der Augenschein direkt auf die Emotionen einwirkt. Doch gerade weil sie direkt auf die Emotionen des Beschauers einwirken, können Bilder missbraucht werden. Der Augenschein ist etwas, das den Augen "erscheint". Man kann solche Erscheinungen hervorrufen und steuern, ohne dass die Zielpubliken wahrnehmen, wie und warum sie beeinflusst werden. Vergleichbares kann natürlich mit Worten geschehen, ihre Glaubwürdigkeit wird erhöht, wenn sie "gedruckt" erscheinen. Doch seit der Erfindung der Schreibkunst haben wir einige Abwehrmechanismen gegen rhetorische Wahrheitsentstellungen entwickelt, die oft bei piktorischen Wahrheitsmanipulationen fehlen.
Natürlich haben die Wahrheitsmanipulatoren aller Art, lies politische und wirtschaftliche Propagandisten, diese Manipulationsmöglichkeiten längst erkannt und nützen sie aus. Dies hat zur dritten Neuentwicklung geführt: der Entstehung von Informationsgrossunternehmen durch die Konzentration der herkömmlichen und der neueren Media in den Händen von Media Moguls, die diese Corporationen dazu verwenden, um einerseits Geld zu machen und andrerseits ihre politischen und geschäftlichen Ausrichtungen zu stützen und zu fördern.
Viele Redaktionen sparen bei den Korrespondentenstellen. Welchen Einfluss hat dies auf die Berichterstattung?
Schade natürlich, nur scheint mir noch schädlicher, wenn es Korrespondenten gibt, sie aber nicht genügend Raum erhalten, um zu schildern, was beschrieben werden muss, um verständlich zu werden. Auch hier gibt es Zusammenhänge mit den erwähnten Entwicklungen Richtung Sofortinformation, Bildinformation und Informationskonzentration für politische und finanzielle Zwecke der Infotainment-Mogulen.
Welche Kommunikationsmittel konsumieren Sie persönlich?
Ich fange jeden Tag an mit BBC Middle East News, ich lese auch jeden Tagen den Blog von Juan Cole, "informed comment". Ich erhalte die "NZZ" als ehemaliger Mitarbeiter geschenkt und lese sie, um zu sehen, was meine Kollegen schreiben. Ich verfolge dann die wichtigsten Neuentwicklungen des Tages an den relevanten Stellen im Netz. Diese sind praktisch unendlich viele. Wenn man selbst etwas schreiben will, muss man die Suche abbremsen, um nicht zu viel Zeit zu verlieren. An einem normalen Tag sitze ich mehrere Stunden am Internet. Relevante Informationen speichere ich elektronisch, um sie wiederzufinden, wenn ich sie brauche. Dies ersetzt das Papierarchiv, das früher jeder ernsthafte Journalist anlegte.
Wenn Sie Vorträge halten, kommt das Publikum in Scharen. Sind die Leute besser oder schlechter informiert als vor zwanzig, dreissig Jahren?
Die Welt ist viel weiter geworden, "globalisiert", und eine Notwendigkeit ist dadurch entstanden, sich über sehr viel mehr zu informieren, als dies früher notwendig schien. Doch die Aufnahmefähigkeit ist beschränkt. Die Welt ist noch immer zu vielfältig, als dass sie in all den Einzelheiten aufgenommen werden könnte, die sich abspielen und die heute für Aufnehmende, die informiert sein möchten, eigentlich von Bedeutung wären. Dies fördert die Tendenz der "Spot" Information. Schnell und ein bisschen, relevant oder interessant Scheinendes, aus aller Welt, ohne zu viel Zeit zu verlieren. Die Folgen sind Unverständnis der Zusammenhänge und oft, einmal mehr, Manipulierbarkeit der sich informiert Glaubenden. Daher, die Leute wissen mehr weit Ausgebreitetes, aber oft mehr Irrelevantes oder gar falsch Verstandenes, weil bewusst oder unbewusst irreführend Dargestelltes, als früher. Viele sind daher dankbar, wenn sie Zusammenhänge erfahren, über die sie bisher wenig oder wenig Verständliches wussten.
Ist es Ihnen in der Schweiz nicht manchmal zu langweilig?
Nein, dazu habe ich keine Zeit. Bekanntlich rennt die Zeit immer schneller, je älter man wird. Mir läuft sie meistens davon.
Interview: Matthias Ackeret (Das vollständige Interview ist in der Spezialausgabe von "persönlich" zum Schweizer Medienpreis zu lesen).