"Ich hoffe, dass SI Style reüssiert"

Lisa Feldmann - Seit zwei Jahren ist Lisa Feldmann Chefredaktorin der Annabelle. Zuvor sammelte sie Erfahrungen bei anderen Frauenzeitschriften wie Elle und Cosmopolitan, wo sie sich mit Verleger Jürg Marquard regelmässig über die richtige Ausrichtung der Zeitschrift stritt. Im Interview mit "persönlich rot" äussert sich die gebürtige Norddeutsche zur Aussenseiterrolle der Anabelle im Tamedia-Konzern, und der neuen Konkurrenzsituation, die durch die Lancierung von SI Style entstanden ist. "persoenlich.com" präsentiert einen Ausschnitt aus dem Gespräch.

Wie gefällt Ihnen SI Style?

Es handelt sich um ein klassisches Me-too-Produkt, von dem es bessere Vorbilder gibt.

Angenommen, man hätte Sie als Chefredaktorin angefragt, hätten Sie abgelehnt?

Auf jeden Fall. Ich glaube, dass SI Style drei Jahre zu spät kommt. Das Heft ist nicht schlecht gemacht, hängt sich aber eine Erfolgsgeschichte an, deren Höhepunkt meiner Meinung nach schon fast überschritten ist. Journalistisch erscheint es mir deswegen nicht sehr reizvoll, mir in diesem Segment, das vielleicht in den letzten zehn Jahren spannend und innovativ war, 2006 noch einmal Gedanken zu machen.

Die Annabelle nimmt innerhalb der Tamedia, einem Zeitungsverlag, eine klassische Aussenseiterrolle ein. Stört Sie dies manchmal?

Die Annabelle war unter Kollegen nicht mehr sehr angesehen, als ich den Job übernahm, deswegen haben mich zunächst viele vor dieser Aufgabe gewarnt. Doch die Befürchtungen haben sich als falsch erwiesen. Ich geniesse in unserem Haus sehr viel Unterstützung, durfte total autark einen Relaunch vorbereiten und vornehmen. Meine Erfahrung zeigt, dass es viel angenehmer sein kann, in einem Verlag zu arbeiten, der auch Zeitungen herausgibt und sich nicht nur auf Zeitschriften fokussiert. Die gleiche Erfahrung machte ich auch beim Süddeutschen Verlag, wo ich als Ressortleiterin beim Magazin der Süddeutschen Zeitung arbeitete. Obwohl man innerhalb des Hauses als bunter Vogel gilt, weht doch ein anderer Wind. Ich fühle mich keineswegs als Stiefkind.

Wodurch unterscheidet sich eine Frauenredaktion von einem Titel wie der SonntagsZeitung?

Sicherlich durch die Grösse. Bei uns kann jeder in mein Büro hereinspazieren, wenn er ein Problem hat. Als Chefredaktorin schwirre ich dauernd durch die Redaktion und stehe mit meinen Kolleginnen und Kollegen in ständigem Kontakt. Einen solchen Luxus gibt es in Grossredaktionen nicht: Dort dominiert ein Abteilungsleitergefühl, wo man den Chef nur bei den grossen Konferenzen sieht.

Und zwischen Männern und Frauen?

Ich habe weibliche Journalisten immer loyaler und solidarischer erlebt als ihre männlichen Kollegen. Auch Stutenbissigkeit ist wohl vor allem ein männlicher Mythos. Männer sind viel eitler. So habe ich während meiner Hamburger Zeit erlebt, wie sich die Edelfedern während zweier Tage in ihrem Büro eingeschlossen haben, um einen Dreissigzeiler zu verfassen. Bei Frauen wären solche Anwandlungen absolut undenkbar.

Wer sind die grössten Konkurrenten der Anabelle?

Unsere härtesten Konkurrenten stammen aus Deutschland. Ich denke dabei an Cosmopolitan, Brigitte und Elle, die neben ihren kleinen Schweizersplits über einen starken Verteiler verfügen. Unter den verbliebenen Schweizer Titeln sind die Unterschiede gravierend genug, sodass wir uns kaum ins Gehege kommen. Während Bolero im oberen Segment angesiedelt ist, decken wir ein mittleres bis breiteres Segment ab.

Sie vermissen weitere Konkurrenz?

Selbstverständlich. Meine grösste Angst war, dass nach Meyer’s auch noch Bolero eingestellt wird. Es ist mir viel lieber, wenn die Schweiz über einen eigenen Frauenzeitschriftenmarkt verfügt und nicht alles von deutschen Publikationen abgedeckt wird. Deswegen hoffe ich auch, dass SI Style reüssiert, obwohl wir uns im Anzeigenmarkt konkurrenzieren. Das muss nämlich, mittelfristig gesehen, kein Nachteil sein. Bei den Sonntagszeitungen hat es sich doch gezeigt, dass sich ein Markt auch verbreitern kann.

Als Chefredaktorin von Cosmopolitan waren Sie Jürg Marquard unterstellt.

Die Erfahrungen waren gut, obwohl Jürg Marquard kein typischer Schweizer ist. Rückblickend ist er einer der grosszügigsten und auch glamourösesten Menschen, die ich kennen gelernt habe. Er besitzt ein ausgezeichnetes Bauchgefühl und hat in Diskussionen am Ende meistens Recht. Trotzdem führten wir heftige Auseinandersetzungen über den Kurs der Zeitschrift. Um Marquard zu überzeugen, benötigt man sehr gute Argumente, schliesslich ist Cosmopolitan sein Kind. Er hatte den Titel gekauft, als niemand an einen Titel glaubte, der die Frauen als selbst bestimmte Wesen darstellte – im Bett und im Büro. Trotzdem war es immer starker Tobak, wenn er mir als Chefredaktorin jeweils erklärte: ‘Lisa, so geht es wirklich nicht.

Warum kam es dann zur Trennung?

Das war eine schleichende Entwicklung. 1998 befand sich die Zeitschrift in einer schwierigen Umbruchsphase. In allen entscheidenden Punkten waren Marquard und ich anderer Meinung. Ich bevorzugte einen smarteren Kurs, Marquard wollte mehr Sex im Blatt, verstärkt auch jüngere Leserinnen ansprechen. Schwer zu sagen, wer da objektiv Recht hatte, schliesslich hat Cosmopolitan in beiden Bereichen Tradition. Marquard ist kein Mensch, der über eine unendliche Geduld verfügt. Wenn er das Gefühl hat, eine Diskussion sei zu Ende, ist sie auch zu Ende. Mein Abgang war keineswegs das, was man sich unter einem Abschied in aller Freundschaft vorstellt, doch je länger ich zurückschaue, desto mehr empfinde ich das Ganze als tolle Zeit und möchte die dreieinhalb Jahre bei Cosmopolitan auf keinen Fall missen.

Bei Annabelle gibt es keine Einflüsse des Verlegers?

Nein, überhaupt nicht.