Peter Rothenbühler, laut NZZ am Sonntag sind Sie nicht mehr im Rennen als neuer Blick-Chefredaktor. Waren Sie überhaupt am Start?
Nachdem ich überall als möglicher neuer Chefredaktor von Blick gehandelt worden bin, ausser bei denen, die entscheiden können, finde ich folgende Feststellung wichtig: Bei einem so wichtigen Posten gibt's nur eins: der Verleger beruft die bestgeeignete Person. Da geht niemand von selbst an den Start. Ich sage ja auch nicht, ich will Chefredaktor der New York Times werden, obschon das ja echt super wäre, mit einer Wohnung in Manhattan und so. Gegenwärtig wohl auch gemütlicher, die NYT zum Erfolg zu führen als den Blick.
Sie haben 1999 offen mit dem Chefposten beim Blick geliebäugelt, hielten sich damals nach eigenen Aussagen für die beste Wahl.
Moment mal: die Auswahlkommission des Verlegers, der CEO und sein Stellvertreter, hielten mich damals für die beste Wahl. Ich habe denen nicht widersprochen. Aber ich hätte mich nie beworben. So war's.
Bei der Schweizer Illustrierten wäre die Chefredaktoren-Stelle auch noch frei. Können Sie sich überhaupt vorstellen, den Tagesjournalismus wieder in Richtung einer Zeitschrift zu verlassen?
Ich finde heute den Tagesrhythmus wirklich hoch spannend. Die SI hat den besten Zeitschriften-Chefredaktor, den man in der Schweiz finden kann: Urs Heller. Gegen den trete ich sicher nicht an.
Im gleichen Bericht der NZZaS heisst es, Sie hätten einen neuen Fünfjahresvertrag bei Edipresse unterschrieben. Können wir damit alle Spekulationen über ihre Zukunft über Bord werfen?
Pierre Lamunière und Edipresse sind für mich ideale Arbeitgeber. Was bringt die Zukunft? Ich hoffe, die behalten mich noch lange.
Sie sind nun seit fünf Jahren bei Le Matin. Welches waren die wichtigsten Veränderungen bei der Zeitung?
Der Formatwechsel und dann die progressive Umwandlung in ein sehr erfolgreiches populäres Blatt, dessen Konzept die Engländer mit "Quality Tabloid" umschreiben würden. Der grösste Erfolg von Le Matin liegt darin, dass die gesamte Westschweizer Presse seit einiger Zeit unser Rezept clever kopiert. Also müssen wir uns wieder eine Nasenlänge Vorsprung verschaffen.
Wie haben die Bezahlzeitungen Le Matin und Le Matin dimanche die Gratiskonkurrenz aus dem eigenen Haus und von 20 Minuten zu spüren bekommen?
Le Matin dimanche ist konkurrenzlos und fast unverschämt erfolgreich, le Matin semaine hat leicht an Auflage eingebüsst, kein Wunder bei rund 470'000 gratis verteilten Zeitungen, die sehr ähnlich aussehen wie Le Matin. Aber die Einbusse ist viel kleiner als wir befürchtet hatten. Das liegt daran, dass Le Matin seit 2002 richtig im Markt liegt, immer -- als einzige Zeitung -- zugelegt hat, also der Leserschaft passt.
Es war zu vernehmen, dass der heftige Konkurrenzkampf unter den Gratiszeitungen bei Edipresse auf die Marge drücke. Wie lange wird der Kampf Ihrer Meinung nach weitergehen, bis es nur noch eine Gratiszeitung gibt?
Es ist nicht der Gratismarkt, der auf die Margen drückt: unter dem Strich geht's der Matin-Familie immer noch gleich gut. Warum soll es nur eine Gratiszeitung geben? Ich hoffe doch sehr, dass auch das Monopol von 20 Minuten in der deutschen Schweiz bald fällt.
Sie sind in der Medienlandschaft der Westschweiz und der Deutschschweiz tätig. Wie unterscheiden sich die Regionen?
Beide sind sich viel ähnlicher als man denkt. Auch wenn Sie's nicht glauben: An der Avenue de la Gare in Lausanne wird mehr gearbeitet als beispielsweise an der Dufourstrasse in Zürich, trotz heiliger Mittagspause. Für viele Journalisten in der Westschweiz sind aber leider "Boulevard", "People", eine Geschichte "angeln" und "dranbleiben um jeden Preis" noch Schimpfworte, da habe ich noch viel Arbeit.
Welche Themen werden in nächster Zeit auf Sie und Le Matin zukommen?
Eine einzige ganz grosse Frage beschäftigt uns alle: Wie bringe ich die Hunderttausenden von neuen Zeitungslesern dazu, auch Kaufzeitungen zu konsumieren?