"Ich konnte mich nicht mehr weiterentwickeln!"

- Überraschung für alle "Tages-Anzeiger"-Leser. Nach drei Jahren verabschiedet sich die bekannte Gesellschaftskolumnistin Hildegard Schwaninger ohne weitere Begründung von ihren Leserinnen und Lesern in der Ausgabe vom Montag. Ihre Kolumne "Das Leben der andern" erfreute sich über Zürich hinaus grösster Aufmerksamkeit. "persönlich.com" hat sich mit Hildegard Schwaninger über ihren Weggang unterhalten. Zum Interview:

Hildegard Schwaninger, warum hören Sie nach dreieinhalb Jahren mit der beliebten Gesellschaftskolumne im "Tages-Anzeiger" auf?

Ich habe beim "Tages-Anzeiger" keine Perspektiven. Kann mich nicht weiterentwickeln.

Warum nicht?

Was ich anstrebte, war ein feste Anstellung, aber wegen der schwierigen finanziellen Lage der Zeitungen kam sie nicht zustande. Der freie Journalismus ist schlecht bezahlt, und gerade für eine People-Kolumne, wo der Aufwand sehr hoch ist, wollte ich natürlich besser bezahlt sein. Ich habe drei Jahre versucht, meine Stellung dort zu verbessern.

Was heisst für Sie "grosser Aufwand"?

Zum Aufwand, von dem ich spreche, gehört, dass man als gelesene Kolumnistin immer und rund um die Uhr für sich und das, was man schreibt, geradestehen muss. Man wird von Leuten angesprochen auf das, was man geschrieben hat, man wird von Zeitungen interviewt, vom Radio, muss am Fernsehen auftreten. Das alles klingt gut und wichtig, aber es ist so, dass man rund um die Uhr Klatschkolumnistin ist und selten privater Mensch. Man ist mit seiner Person auch Werbeträger für die Zeitung und zwar rund um die Uhr, und das müsste besser bezahlt sein. Ich habe, seit ich für Zeitungen arbeite, immer für bessere Bezahlung der Journalisten gekämpft, weil ich finde, auch geistige Arbeit muss anständig bezahlt sein.

Ihre Kolumne sorgte immer wieder für Gesprächsstoff. Ist Zürich für eine Gesellschaftskolumnistin ein schwieriges oder eher einfaches Pflaster?

Zürich ist für eine Klatschkolumne kein einfaches Pflaster. Die Stadt ist klein, man läuft den Leuten, über die man schreit, andauernd über den Weg. Man will ja nicht, dass einen niemand mehr grüsst. People-Journalismus hat hier auch weniger Tradition als zum Beispiel in England oder Amerika, wo die Leute härter im Nehmen sind. Dort dürfen die Kolumnisten mit mehr Spitze schreiben. Hier sind die Leute schnell beleidigt.

Ist der "Tages-Anzeiger" zu bieder für Ihren Journalismus?

Das glaube ich nicht. Aber vielleicht wollen sie gar nicht wirklich eine Klatschkolumne. Ich habe auch immer versucht, mehr Platz zu bekommen, eventuell auch für Fotos in der Kolumne. Ich hätte auch gern die Kolumne öfters in der Woche geschrieben, so wie die Kolumnisten in Wien oder München, und habe diesen Vorschlag versucht durchzusetzen, aber es ist mir nicht gelungen. Es hat dem "Tages-Anzeiger" irgendwie nicht ins Konzept gepasst.

Wo lagen für Sie als Journalistin die Hauptschwierigkeiten?

Die Hauptschwierigkeiten für einen Leute-Journalisten sind, dass die Leute, über die man schreibt, sehr empfindlich sind. Und dass sie oft auf ihr Recht des Persönlichkeitsschutzes pochen. Die Leser aber wollen natürlich manchmal auch etwas Gepfeffertes lesen und über Leute, die interessieren. Meine erste Loyalität gehört dem Leser, und ich will ihn nicht langweilen. Ich will ihm etwas bieten, das zu lesen sich lohnt. Und das ist manchmal nicht so einfach.

Auf welche Meldung sind Sie am meisten stolz?

Ich bin auf keine spezielle Meldung stolz, aber ich bin stolz, wenn ich jemandem helfen kann. Im Sinne von ihn berühmt machen, dazu beitragen, dass die Leute ihn kennen - das gilt für Opernsänger, Schauspieler, Restaurantbesitzer, Wohltätigkeitsorganisationen, die man in die Schlagzeilen bringt und denen das vielleicht nützt. Ich sehe es nicht als meine Aufgabe, die Prominenten an den Pranger zu stellen, sondern sie eher in ein gutes Licht zu rücken. Wobei ich die Tendenz habe, gerade vor Leuten, die sich für besonders wichtig halten, nicht den Kotau zu machen. Eine gewisse Kühnheit gegenüber den Mächtigen muss sich ein Kolumnist unbedingt leisten.

Wie viele Prozesse gab es in den letzten dreieinhalb Jahren?

Ich hatte einen Prozess, der lästig ist, und immer noch am Laufen. Ein Mann, den ich einen "Finanzjongleur, der sich mit halbseidenen Frauen umgibt" nannte, hat mich auf Rufschädigung verklagt. Nun versucht das Gericht vor allem zu klären, was man unter halbseidenen Frauen versteht. Man hat in unserem Beruf schon auch sehr lästige Sachen. Carl Hirschmann war mit mir beim Friedensrichter. Er kam mit seinem Anwalt, ich kam ohne Anwalt und habe mich selber verteidigt, die Sache war in einer halben Stunde erledigt. Er konnte mir nichts vorwerfen, und ich habe nie mehr etwas gehört. Der dritte Fall ist Bindella, der auf sein Recht auf Persönlichkeitsschutz pocht. Mit ihm habe ich am 5. Juli einen Termin beim Friedensrichter.

Wird es Ihnen jetzt nicht langweilig?

Mir wird es sicher nie langweilig, weil ich immer etwas tun werde. Meine Mutter, meine Grossmutter und meine Urgrossmutter, alle drei haben als Gastro-Unternehmerinnen gearbeitet, bis sie tot umfielen, und auch ich habe vor, mein Leben lang zu arbeiten. Wie die Herren Sprüngli und Bodmer, die noch jeden Tag in ihre Büros gehen und etwas tun. Ich sehe das als Teil der Selbstverantwortung. Natürlich bin ich davon abhängig, dass Zeitungen meine Artikel kaufen und drucken, aber da ich überall, wo ich bisher gearbeitet habe, die besten Leserzahlen hatte, habe ich keine Angst um mich.

Haben Sie Pläne für die Zukunft?

Pläne für die Zukunft habe ich absolut nicht. Ich bin leider keine grosse Pläneschmiederin. Obwohl ich seit Januar weiss, dass ich aufhöre beim "Tages-Anzeiger", habe ich mich noch nicht gross um die Zukunft gekümmert. Ich habe allerdings eine Offerte für ein Buch, und wahrscheinlich werde ich mich im Sommer damit beschäftigen.

Interview: Matthias Ackeret