«Ich möchte in den Teletext!»

SRF - Gabriel Vetter ist bisher als Schriftsteller, Kabarettist, Moderator und Slampoet aufgefallen. Nun hat er als Produzent, Autor und Darsteller mit der Online-Serie «Güsel. Die Abfalldetektive» für SRF einen Erfolg gelandet. Im Gespräch mit persoenlich.com gibt er Auskunft über seine Recherchen im Abfall-Milieu, seine Lieblings-Schaffhauser und seine Zukunftspläne - und empfiehlt mit Nachdruck, Markus Werner zu lesen.

Herr Vetter, ein schräges Format haben Sie da herangezüchtet – mit Erfolg. Hoffen Sie auf eine Zukunft im regulären Fernsehprogramm?
Huii, das Fernsehen! Kurt Felix sagte mal: Früher wollten die Menschen in den Himmel, heute wollen sie ins Fernsehen. Ich war noch nie besonders religiös, drum hab ich's auch nicht so mit der Hoffnung. Ich sehe in einem Fernsehsender primär ein mögliches Medium, nicht ein Eldorado an sich. Ich möchte, wenn schon, in den Teletext!

Wie hat die Serie eigentlich zu ihrem Publikum gefunden? Und was haben Sie für Feedbacks erhalten?
Die Feedbacks sind mit grosser Mehrheit sehr positiv. Und zwar von den unterschiedlichsten Leuten mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Was uns überrascht, aber natürlich sehr freut. Am Montag, Dienstag und Mittwoch waren unsere Episoden sogar die meistgesehenen Beiträge, ergo Nummer Eins auf srf.ch, noch vor der «Tagesschau» oder «Giacobbo/Müller». «Güsel» war relativ prominent auf der SRF-Startseite vertreten, zudem haben wir vom «Güsel»-Produktionsteam auch ganz unabhängig vom SRF unsere handgestrickte PR-Maschinerie angekurbelt und die Werbekanone angeworfen. Verbreitet wurde die Serie vor allem via Social Media, also via unsere Twitter-Accounts und Facebook-Seiten. Der Retweet ist die Sprache, die die Quote versteht.

Die Reaktion von «20 Minuten» kennen wir. Die konnten nicht darüber lachen. Ein harter Schlag?
Ehrlich gesagt: Ich war froh, dass nach all den euphorischen Besprechungen endlich mal Gegenwind kam. Wir sind ja nicht irgendwelche TV-Messiasse (Mesiiös, Messiessen?), die angetreten sind, um das öffentlich-rechtliche Rundfunkgedöns ins goldene Zeitalter zu hieven, sondern wir sind einfach ein kleines Team von guten Leuten, die einfach eine kleine Serie gemacht haben, die ganz gut gefällt. Voilà. Zudem sind Verrisse ja die besten Katapulte für Viewerzahlen. Und dass "Güsel" nicht allen passt, ist auch gut.

Ist da nicht auch die Gefahr, dass sich das SRF sagt: Wunderbar, es geht also für ganz wenig Geld, streichen wir alle Budgets zusammen? Oder war das gar keine Low-Budget-Geschichte?
Natürlich war das eine Low-Budget-Geschichte. Das ganze Team von «Güsel» war overworked und underpaid. Wir haben zum Beispiel unsere Crew in Schaffhausen bei Freunden auf Sofas übernachten lassen müssen, weil wir keine Kohle für Hotelbetten hatten. Wir haben grösstenteils mit eigenem Technik-Material gedreht, und was wir extern mieteten, kriegten wir zu extrem günstigen Konditionen. Wir stiessen in Schaffhausen auf wahnsinnig viel Goodwill. Wir haben alles in grade mal elf Tagen abgedreht, inklusive PR-Aufnahmen, Aussenaufnahmen, Atmos und weiss de Gugger was. Wir wollen uns aber keineswegs beklagen: Wir wussten ja von Anfang an, dass das Budget unter 100'000 Franken liegen muss. Das ist nicht einmal ein Zehntel dessen, was für eine Serien-Produktion dieser Länge das SRF sonst zur Verfügung hat. Wir haben uns gesagt: scheissegal, das machen wir jetzt. Dieses eine Mal, weil wir alle Lust hatten, dieses Projekt zu stemmen. Noch einmal können und wollen wir das zu diesen Konditionen aber nicht mehr machen. Die SRG hat das Budget ja deswegen so niedrig gehalten, weil sie es als ein «Web Only»-Projekt ausgeschrieben hat. Die Rechte jedoch mussten alle Produktionsfirmen vollumfänglich an die SRG abtreten, auch für TV, Lizenzen etc. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass die SRG unter dem Deckmantel «Web Only»-Serien billig produzieren liesse, um sie dann doch noch ohne weitere Kosten im TV auszustrahlen. Das kann sich eine Institution wie die SRG schlicht nicht leisten. 

Wie ist das Drehbuch entstanden? Sie nehmen damit ja auch ein bisschen Serien wie «Dexter» oder «Tatort» auf die Schippe, wenn ich das richtig interpretiere. Dieses ganze «Crime-Scene-Investigation»-Zeugs.
«Dexter» kenne ich nicht. Ich kenne, im Gegensatz zu meinen Co-Produzenten Jan Sulzer und Deborah Neininger, sowieso recht wenige Serien. Das Crime-Dings ist natürlich ein schöner Nebenstrang, den wir in jeder Episode durchdeklinieren. Das Crime-Genre ist sehr dankbar, grade, wenn man solch zauberhaft dämliche Floskeln wie «Ja, eine Joggerin hat sie gefunden» auf zwei Bündeli Altpapier im Wald ummünzt.

Wie oft haben Sie während der Recherche in fremden Kehrichtsäcken gewühlt?
Ein paar Mal, als ich mit den Mülldetektiven in Basel und mit der Müllabfuhr unterwegs war. Ansonsten interessiert mich der reale Müll der anderen nicht wirklich. Der theoretische, der mögliche Müll interessiert mich viel mehr. Die Realität steht der Wahrheit leider auch beim Thema Müll immer so saublöd im Weg.

Eine sehr ungewöhnliche Besetzung: Drei Männer. Ganz dämlich und direkt: Wieso?
Drei, weil wir zu wenig Geld hatten, um vier zu bezahlen. Und Männer, weil, ja, warum eigentlich? Vielleicht, weil ich bei den Recherchen keine Müll-Frauen kennengelernt habe. Was ja, siehe oben, wurscht ist. Auf jeden Fall: Dieses "Endgame"-mässige, das ja jeder Znünipause anhaftet, dieses Weiterreden-Müssen, weil sonst die Welt zu Ende ist, das fand ich im Abfall-Kontext irgendwie schlüssiger, wenn es nur drei Typen sind.

Schaffhausen wird mit ihrer Serie für einmal zum Nabel der Welt – zumindest der Güsel-Welt. Ist es eigentlich Zufall, dass viele Kreative aus Schaffhausen kommen?
Schaffhausen ist Peripherie, und zwar von jeder Warte aus betrachtet. Ich würde jetzt nicht sagen, dass es mehr Kreative in Schaffhausen gibt als anderswo. Das wäre genau so absurd wie zu sagen, dass es in Schaffhausen mehr Linkshänder gibt als anderswo. Ich denke aber, dass die Vernetzung der Szene in Schaffhausen wirklich gut funktioniert. Man kennt sich, man hilft sich. Ohne die ganze mühsame Vanity Fair drumherum.

Ihr Lieblingsschaffhauser? Meine sind zusammengefasst in der Gruppe Min King.
Ja klar, Min King! Grossartig, oder? Was für eine Stimme! Min King wurden ja von unserem Darsteller und Titelmelodie-Macher Guz produziert. Voilà. Ansonsten sind meine Lieblings-Schaffhauser: Mein «Güsel»-Team natürlich. Jan Sulzer, Deborah Neininger, Michael von Burg, Olifr M. Guz, Stephan Weber, Roger Staub. Und natürlich Markus Werner. Immer Markus Werner. Lesen Sie Markus Werner, gopferteckel. Jetzt und sofort. Tun Sie es.

Sie selber spielen den Bereichsleiter Kehricht und Entsorgung. War es die Sehnsucht nach einem richtige Beruf?
Fuck off, was soll das heissen, ein richtiger Beruf? Das fragen Sie mich am 1. Mai? Sie Lump, haha!

Wird es eine Fortsetzung geben?
Das besprechen wir jetzt mal ganz in Ruhe. Wir haben es nicht allzu eilig.

Woran arbeitet Gabriel Vetter derzeit sonst so? Und wie oft findet man Rucola in seinem gebührenpflichtigen Kehrichtsack?
Ich esse meinen Rucola brav auf. Ansonsten habe ich habe bald Dernière mit meinem Bühnen-Programm, arbeite noch bis Sommer am Theater in Basel, produziere meine Satire-Sendung am Radio, zermoderiere am 10. Mai mit Peter Schneider wieder den Eurovision Song Contest, mache Tournee in Deutschland - und ab Juli verabschiede ich mich erstmal in eine ausgiebige Vaterschaftspause. Darauf freue ich mich wie ein kleines Schnitzel. 2015 schauen wir dann wieder. Diesen da!

Die neun Folgen von «Güsel. Die Abfalldetektive» kann man auf srf.ch/guesel schauen.

Fragen: Adrian Schräder//Bilder: SRF