Herr Durisch, erst Ende Juni dieses Jahres wurden sie zum Präsidenten der Konferenz der Chefredaktoren gewählt. Nun, knapp fünf Monate später, kündigen Sie ihren Rückzug aus dem Journalismus an. Wieso?
Vor den Sommerferien haben mich Franz Egle und Edwin van der Geest von der Dynamics Group angefragt, ob ich nicht Lust habe, bei Ihnen als Senior Partner ins Beratungsbusiness einzusteigen. Seither habe ich mich intensiv mit diesem Gedanken befasst und mich schliesslich entschieden, dieses spannende Angebot anzunehmen.
Sie sind der amtsälteste Chefredaktor in der Schweiz. Ist der Job langweilig geworden?
Überhaupt nicht, ich könnte ohne weiteres noch einige Jahre weitermachen. Die "SonntagsZeitung" ist ein fantastischer und einflussreicher Titel. Aber ich bin seit 1997 Chef hier - in politischen Dimensionen sind das drei Amtsperioden. Ich möchte nicht der Moritz Leuenberger des Journalismus werden.
Sie wechseln in die PR-Branche. Werten das Ihre Kollegen nicht als eine Art "Verrat"?
Möglich, mir gegenüber zeigen sie Verständnis für diesen Schritt. Mich interessiert das Zusammenspiel von Strategie, Positionierung und Kommunikation. Es ist nicht mein primäres Ziel, künftig den ex-Kollegen schöne Geschichten zu verkaufen und Interviews umzuschreiben.
Was waren rückblickend Ihre Höhenpunkte bei der "SonntagsZeitung"?
Die Affäre um die Wahl von Armeechef Roland Nef und das Versagen von Bundesrat Samuel Schmid sind sicher eine Jahrzehntstory. Langfristig bin ich stolz darauf, dass wir den publizistischen Angriff der "NZZ am Sonntag" erfolgreich pariert haben.
Und Ihre grössten Fehler?
Einen kapitalen Bock haben wir zum Glück nicht geschossen. Der grösste Ärger war, als uns die Gattin eines Politikers auf Persönlichkeitsverletzung und 100 000 Franken Schadenersatz einklagte. Aus Versehen wurde die Zahlung ausgelöst, obschon vor Gericht wohl kaum durchsetzbar. Dieses Geld haben wir nie mehr gesehen. (Anmerkung der Redaktion: Die Namen der hier gemeinten Personen konnte "persoenlich.com" nicht in Erfahrung bringen)
Was war die heikelste Story, für die Sie grünes Licht gaben?
Jede Story, die eine "Bombe" ist, ist heikel. Insofern wiederum die Affäre Nef. Aber auch in der Endphase von Swissair oder während der UBS-Krise war es delikat, weil wir uns dem Vorwurf aussetzten, mit einer weiteren negativen Story diese Unternehmen existentiell zu gefährden.
Haben Sie als Chefredaktor die Zeitung machen können, die Ihnen immer vorschwebte?
Die "SonntagsZeitung" war zehn Jahre alt, als ich sie übernommen habe. Alles was sie heute ist, war damals schon angelegt. Ich habe diese Anlagen weiterentwickelt und den Charakter der "SonntagsZeitung" gefestigt. Matchentscheidend ist das Team; es muss spielfreudig, intelligent und erfolgshungrig sein. Das ist so. Deshalb werde ich dieses Team sicher vermissen.
Sie waren laut der "Weltwoche" kürzlich auf Einladung von Patrik Müller, Chefredaktor des Konkurrenzblattes "Sonntag", im Restaurant von Paul Bocuse in Lyon zu Gast. Wie war das Essen und wie stark spürt die "SonntagsZeitung" die Konkurrenz aus dem Mittelland?
Die Trüffelsuppe und die Filets de Sole auf Nudeln waren Spitzenklasse; die îles flottantes ein Traum. Der "Sonntag" hat sich auch schon Punkte erkocht; im Newsbusiness ist er ein bemerkenswerter Konkurrent.
Wie beurteilen Sie die Qualität der einzelnen Sonntagstitel?
Die intensive Konkurrenz fördert die Qualität - meistens! Es ist Woche für Woche ein Ansporn, zu sehen wer die Storys wie weiterdreht, wer welche Ideen ausheckt. Formschwächen über längere Zeit kann sich keiner erlauben.
Die Branche befindet sich in einer Krise. Wie stark spürt die "SonntagsZeitung" die Flaute?
Wir sind im selben Ausmass getroffen wie die Konkurrenz, also ziemlich hart. Umso mehr freut uns, dass die letzten leserzahlen deutlich nach oben zeigten. Erfolg bei den Lesern ist die wichtigste Voraussetzung für Umsatz im Werbemarkt. Deshalb bin ich zuversichtlich.
Die Redaktionen der Zeitung wurden im Trend- und Reise-Bereich vor noch nicht allzu langer Zeit verjüngt. Dadurch kam frischer Wind. Aber gerade im Kulturbereich macht die "SonntagsZeitung" einen etwas verschlafenen Eindruck. Insgesamt arbeiten sie seit langen Jahren mit dem gleichen Kernteam zusammen. Wir erkennen Ermüdungserscheinungen. Sie auch?
Nein. In der Kultur setzen wir bewusst auf grosse Namen, auf die Attraktionen der Kulturagenda. Konstanz im Kernteam bringt Kompetenz. Sie macht unsere Stärke aus.
Sie waren angeblich im Gespräch für den Chefredaktorenposten des Tages-Anzeigers. Hätte Sie das Amt nicht auch gereizt?
Tagi und NZZ sind natürlich reizvolle Aufgaben.
Die "SonntagsZeitung" legt sich gelegentlich mit Managern und Politikern an. Als Rotarier bewegen Sie sich in diesen Kreisen. Kamen Sie je in einen Interessenkonflikt?
Klar, mein Bekanntenkreis ist mittlerweile riesig. Ich halte mich stets an die Maxime: Man kann keine Storys verhindern, nur weil man bekannt ist mit mir. Ich gewährleiste aber, dass die Fakten korrekt sind und die Interpretation fair.
Wurden Sie je unter Druck gesetzt?
Klar versuchen Betroffene Einfluss auf die Berichterstattung zu nehmen - je länger je mehr. Aber persönlich bedroht wurde ich nie . Und ich denke, wir haben unsere Linie gut gehalten.
Sie sind ein gefragter Mensch, nehmen ständig an Podiumsdiskussionen und Fernsehsendungen teil. Bedeutet Ihr Abschied aus dem Journalismus auch ein Abschied aus der breiten Öffentlichkeit?
Tja, so ist das. Ich werde künftig vor allem hinter der Kulisse tätig sein. Markus Gilli und den Sonntalk werde ich vermissen.
Bei Ringier finden sich die redaktionellen Mitarbeiter der Blick-Gruppe bald in einem Newsroom wieder, von dem noch niemand so genau weiss, wie er funktionieren wird. Sind dies die Zeiten, in denen man nicht mehr Journalist sein will?
Ich bin kein Kulturpessimist. Kollegen sahen den Untergang als der Videojournalist aufgekommen ist oder der "Paginator" bei den Pendlerzeitungen. VJ ist heute genauso anerkannt wie der Produzent bei "20 Minuten".
Sie gelten als Erfinder des "Mid-Risk-Journalismus". Wenn man die Sonntagpresse durchblättert, hat sich das Konzept durchgesetzt. Sehen Sie das auch so?
Ich verzichte auf eine Kollegenschelte.
"Ich habe mich immer gegen publizistischen Einheitsbrei gestemmt", sagten Sie einmal in einem Interview mit uns. Wie beurteilen Sie die Berichterstattung zur Minarettinitiative, die derzeit die Schweiz bewegt?
Die Speerspitze gegen den Islam und den Islamismus bildet Roger Köppel und seine "Weltwoche". Unter den Medienleuten hat niemand die Stimmung in der Bevölkerung richtig eingeschätzt, die Berichterstattung war differenziert. Wir brachten Mitte Oktober einen Fokus-Beitrag von Markus Schär "Europa hat Angst vor den Muslimen". Nach der Abstimmung sind die Medien auf Bundesratskurs.
Welche Zeitung werden sie ab Herbst 2010 sonntags lesen?
Ich werde wohl weiterhin die gesamte Sonntagspresse lesen, diesen Virus habe ich im Blut . Aber vielleicht kann ich das dann mit etwas mehr Distanz tun, darauf freue ich mich.
(Interview: Adrian Schräder, Christian Lüscher)