"Ich musste sofort mit dem Schwimmen im kalten Wasser beginnen"

- Marc Walder ist die Verkörperung des amerikanischen Traums im Haus Ringier: Innerhalb von zwölf Jahren stieg der ehemalige Profitennisspieler vom Kartonkleber zum Chefredaktor des SonntagsBlick auf. Gegenüber "persönlich rot" erklärt der 41-Jährige, warum er mit dem Image des Nice Guy leben kann und wie er das SonntagsBlick-Magazin Sie+Er neu positionieren will. Ein Interview-Ausschnitt:

Herr Walder, Sie gelten als Nice Guy und arbeiten nun in der Höhle des Löwen. Wie haben Sie den Wechsel zum SonntagsBlick erlebt?

Dieses Klischee verdanke ich dem Tages-Anzeiger, der mich ja als sanftmütiges, vor sich hinschlummerndes, harmoniebedürftiges Geschöpf geschildert hat ...

Sie leiden darunter?

Wenn ich wählen kann, ob ich lieber sanft oder arrogant wirken möchte, dann entscheide ich mich gerne für die sanfte Version. Also halb so schlimm. Trotzdem: Wer seit zwölf Jahren in einem derart grossen Haus grosse Redaktionen führt, der dürfte schon über gewisse Führungseigenschaften verfügen. Denke ich.

Wie sind Sie gestartet?

Ich hatte gar keine Zeit, um die eigene Situation und Lage zu reflektieren, ich musste vor allem eines tun: sofort mit dem Schwimmen im kalten Wasser beginnen. Im Moment, und das ist das Positive, habe ich das Gefühl, ganz gut im Wasser zu liegen! Und besonders kalt ist es auch nicht mehr.

Sie wurden bereits früher einmal angefragt, SonntagsBlick-Chefredaktor zu werden. Warum haben Sie damals abgelehnt?

Als vor einigen Jahren die Stelle des SoBli-Chefredaktors vakant war, führte ich bereits Gespräche mit der Ringier-Geschäftsleitung. Damals kam die Anfrage zu früh, da ich bei der Schweizer Illustrierten meine Ziele noch nicht erreicht hatte. Nun war der Moment für einen Wechsel bedeutend besser.

Steht man bei Ringier als Chefredaktor eigentlich sogleich auf der Abschussliste, wenn das Blatt Probleme hat?

Chefredaktoren stehen, heute mehr denn je, unter grossem Druck. Die Ziele, die du erreichen musst, sind anspruchsvoll, der Markt ist komplex, um nicht zu sagen schwierig, die Konkurrenz vielseitig, alles ist in Bewegung. Ich gehe aber davon aus, dass ich diesen Job einige Jahre ausüben werde. Die Ausgangslage ist gut: Ich habe eine starke Truppe, der SonntagsBlick geht als stolzer Lesermillionär in dieses Jahr, das Magazin wird komplett neu gestaltet und positioniert. Ich bin voller Zuversicht.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Ihrem Vorgänger Christoph Grenacher?

Gut. Grenacher hatte trotz der schwierigen Situation einen sehr guten Abgang und verabschiedete sich mit viel Stil von der Redaktion. Christoph weiss, dass es bei diesem Wechsel nicht um eine Auseinandersetzung zwischen ihm und mir ging, sondern um einen Entscheid der Geschäftsleitung, die neue Impulse suchte.

Wie schlecht geht es dem SonntagsBlick?

Wie gesagt, der SonntagsBlick hat den Sprung über die Million Leser geschafft. Damit sind wir der einzige Lesermillionär bei den Kaufzeitungen. Wir klagen auch nicht über fehlende Anzeigen, im Gegenteil: Unsere Zeitung ist im aktuellen Bund regelmässig komplett ausgebucht! Meine ersten Ausgaben haben sich allesamt gut bis sehr gut verkauft. Es geht uns also alles andere als schlecht. Unser Problem ist ein anderes, wie alle wissen: Das Magazin hatte viel zu wenig Inserate. Doch demnächst liegt es komplett neu gemacht am Kiosk und im Briefkasten.

Sie machen also im aktuellen Bund eine Zeitung um die Inserate herum ...

In der Tat! Um eine gute Zeitung mit Kraft zu machen, benötigt man Platz. Wenn es uns gelingt, die Werbeindustrie für unser neues Magazin zu begeistern, dann haben wir gleich zwei Probleme gelöst: Einerseits verdienen wir Geld, andererseits können wir den ersten Bund entlasten und ihm so mehr Power geben.

Sie+Er gilt seit seiner Lancierung vor zwei Jahren als Sorgenkind. Woran liegt es, dass das Magazin vom Werbemarkt nicht akzeptiert wird?

Ich habe in den letzten Wochen viele Gespräche mit Entscheidungsträgern dieser Branche geführt. Man bestätigt mir, dass das Magazin als möglicher Werbeträger gar nicht mehr wahrgenommen wurde. Aber auch, dass ein Magazin am Sonntag eine wunderbare Ausgangslage ist. Wie gesagt: In ein paar Wochen präsentieren wir das neue Magazin.

Woran liegt das? Hinter Sie+Er steckt schliesslich der grösste Schweizer Verlag, der über grosse Erfahrung im Anzeigenmarkt verfügt.

Sie+Er war eine Neulancierung. Man weiss, dass Neulancierungen gerade im kommerziellen Bereich oft viel Zeit benötigen. Im vergangenen Herbst hat man erkannt, dass man nur durch eine komplette Erneuerung, eine Art ‘Big Bang’, das Steuer herumreissen kann. Dann kam es nochmals zu einer Verzögerung, da man zuerst meinen Antritt abwarten wollte. Doch steht der radikale Relaunch bereits vor der Tür, das Tempo war enorm hoch.

Das heisst?

Der SonntagsBlick und das neue Magazin sollen aus einem Guss wahrgenommen werden. Weiter wird es femininer, nicht nur bezüglich Gestaltung, sondern in der Themensetzung. Inhaltlich möchten wir gut gemachten, intelligenten Lifestyle-Journalismus bieten, sogenanntes Lifestyle-Helping. Im Mittelteil des Hefts setzen wir auf unsere journalistische Kompetenz und bringen Reportagen, Interviews, Porträts, Portfolios. Und ein paar Überraschungen haben wir auch noch parat.

Ein neues SI-Style ...

Überhaupt nicht. Das Magazin wird, wie SI Style auch, seine Eigenständigkeit haben. Wir machen doch nicht im gleichen Haus zwei gleiche Magazine.

Mit Helmut-Maria Glogger, Sandro Brotz und Heiko Gebhardt verfügen Sie über eine hochkarätig besetzte Redaktion. Wird diese beibehalten?

Sicher, die von Ihnen genannten Namen sind Stützen der Magazin-Redaktion. Gescheite, erfahrene Köpfe. Ergänzt werden die drei durch Marcel Maerz, der das Magazin leitet, ein äusserst cleverer, vifer Journalist, offen für Neues. Und eine äusserst talentierte und fantasievolle Redaktion.