"Ich spüre wieder festen Tritt unter den Füssen"

- Der neue Weltwoche-Chefredaktor Jürg Wildberger erlebte kurz vor seinem Start ein absolutes Wechselbad der Gefühle: Zuerst wird er Vater von Zwillingen, kurz danach stirbt seine Partnerin. Nun steht er wieder mit beiden Füssen auf dem Boden. Seit vier Monaten leitet Wildberger die Weltwoche-Redaktion. Gegenüber "persönlich rot" äussert sich der "10 vor 10"-Gründer erstmals über seine private Befindlichkeit und die Herausforderungen im neuen Job. Ein Interview-Auszug:

Herr Wildberger, Sie sind nun bereits seit vier Monaten neuer Weltwoche-Chef. Ihr Start wurde durch die Geburt Ihrer Zwillinge und den Tod Ihrer Partnerin überschattet. Wie geht es Ihnen heute?

Besser. Momentan bin ich relaxed. Dazu hat auch die Klärung meiner Wohnsituation beigetragen. Soeben habe ich ein grösseres Haus bezogen und für die Betreuung meiner Zwillinge eine englische Nanny engagiert, die ihren Job hervorragend macht. Dies ist eine enorme Hilfe. Auch der 14-jährige Sohn meiner verstorbenen Partnerin wohnt teilweise bei mir. Die beiden Kinder sind der lebendige Beweis, dass das Leben trotz aller Ups and Downs weitergeht. Sie berühren mich sehr, und ich erlebe auch Momente des Glücks.

Wollten Sie niemals aufgeben?

Nein, ich habe mir dies nie überlegt. Es war wie eine Naturkatastrophe. Der Fluss geht woanders weiter, und ich stehe dort.

Geburt, Tod und der Beginn Ihres neuen Jobs bei der Weltwoche fanden auf engstem Zeitraum statt. Wie haben Sie das bewältigt?

Es war die verrückteste Woche meines Lebens. Das kann ich auch heute noch nicht in Worte fassen. Ich wurde am Dienstag Vater von Zwillingen, einen Tag später moderierte ich die Jubiläumssendung von ‘10 vor 10’, am Donnerstag war das Jean-Frey-Fest, ein Tag später die Geburtstagsparty von ‘10 vor 10’, und am Samstag stirbt völlig überraschend meine Partnerin. Eine absolute Extremsituation. Obwohl ich meinen Arbeitsbeginn bei der Weltwoche um drei Wochen hinausschieben konnte, war der Abstand zu kurz. Ich war physisch und psychisch am Rand. Trotzdem war ich froh, dass ich mich mit einer neuen Arbeit ablenken konnte. Jetzt, nach fünf Monaten, spüre ich festen Tritt unter den Füssen und auch die Kräfte, die man für ein 120-Prozent-Engagement bei der Weltwoche benötigt. Heute bin ich jedenfalls sehr glücklich, dass ich hier bin.

Als eines Ihrer ersten Ziele nannten Sie die Stabilisierung der Weltwoche-Redaktion bis Jahresbeginn. Haben Sie dies erreicht?

Ja, teilweise. Da die Weltwoche aus sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten und verschiedenen Fraktionen besteht, war es eines meiner Ziele, alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen und die Energie auf die Verbesserung des Blattes zu fokussieren. Dies ist mir partiell gelungen.

Nur partiell?

Ja, wir befinden uns aber auf gutem Weg. Es gehört weiterhin zu meiner Strategie, alle Kräfte an einen Tisch zu bringen. Damit lockt man die Heckenschützen aus ihren Verstecken heraus und vermeidet langwie- rige Grabenkämpfe wie in der Vergangenheit.

Gibt es bei der Weltwoche viele Journalisten, die das Gespräch verweigern?

Nein, die Situation ist aber auch viel transparenter geworden. Früher existierten neben den formellen auch informelle Strukturen, was die Situation für einen Chefredaktor sicher nicht unbedingt einfacher macht. Als ich hier begonnen habe, gab es beispielsweise zwei verschiedene Auslandchefs. Durch viele Gespräche versuchte ich aber, die Kräfte zu bündeln und auf einen Nenner zu bringen. Ein solcher Vorgang benötigt seine Zeit.

Wenn Sie die Facts-Redaktion, die Sie vor zehn Jahren geleitet haben, mit derjenigen der Weltwoche vergleichen, worin bestehen die grössten Unterschiede?

Bei Facts konnte ich meine Redaktion vor zehn Jahren selbst zusammenstellen. Das war ein absoluter Glücksfall, aus welchem sich ein guter Teamprozess entwickelte. Bei der Weltwoche arbeite ich mit einer bestehenden Redaktion zusammen. Das Blatt zeichnete sich in jüngster Zeit auch durch einen permanenten Chefredaktorenwechsel aus, wobei jeder unterschiedliche Vorstellungen von der inhaltlichen Entwicklung des Blattes hatte. Auch wurden in der Vergangenheit einzelnen Journalisten immer wieder Versprechungen gemacht, die nicht eingehalten wurden und die ich nun erfüllen sollte.

Die Weltwoche hat und pflegt den Habitus einer unregierbaren Redaktion...

Ich habe genügend Erfahrung, um mit Leuten und schwierigen Situationen umzugehen. Ich benötigte selbstverständlich eine gewisse Einarbeitungszeit. Ausserdem musste ich auch den Geist der Weltwoche erspüren, der sich durch eine lange Tradition auszeichnet. Meine Absicht ist es, mit den besten Journalisten die beste Zeitung zu machen. Und das wird von meinen Kolleginnen und Kollegen geteilt. Ehrlich gesagt, war die Weltwoche in den letzten Jahren meine liebste Wochenzeitschrift. Ich las sie auch lieber als Facts.

Bei Facts waren Sie "Mister Facts", beim Privatfernsehen "Mister TV3". "Mister Weltwoche" sind Sie noch nicht.

Das ist schon möglich. Durch meinen Arena-Auftritt und die Debatte über die Karikaturen hat sich das etwas geändert. Ich werde aber sicher noch aktiver werden.

Inwiefern, im Anzeigenmarkt?

Sicher auch im Anzeigenmarkt. Ich besuche Werbekunden und Agenturen. Da ich durch meine anderen Tätigkeiten bei '10 vor 10', Facts oder TV3 für kritischen, provokanten und unabhängigen Journalismus stehe, wird die Öffnung unseres Blatts von einigen Lesern und Anzeigekunden bereits wahrgenommen.

... was zu neuen Anzeigen führte ...

Das weiss ich nicht. Es gibt aber Leute im Anzeigenbereich, die unsere politische Neuorientierung durchwegs wohlwollend registrieren. Gerade die SVP-Nähe im Herbst 2003 hatte zu einer gewissen Leser-Erosion geführt, die nun aber beendet ist.

Nun hat der Tages-Anzeiger der Weltwoche vorgerechnet, dass sie im laufenden Jahr massiv Inserate verloren habe und im Vergleich zum Vorjahr 210 Anzeigenseiten weniger habe.

Das ist ein klassischer Fall von Konzernjournalismus. Gerade der Tages-Anzeiger dürfte wegen seiner Nähe zu Facts und dem Magazin nicht ganz unbefangen sein, stehen wir doch mit diesen beiden Titeln sowohl im Leser- wie im Anzeigenmarkt in einem starken Konkurrenzkampf. Mit seiner nationalen Ausrichtung hat Das Magazin eine clevere Strategie gewählt, die sich nun auszahlt. Insgesamt bewegen sich alle drei Titel momentan auf einem ähnlich tiefen Niveau. Im Moment liegen wir vor Facts.