Frau Zaugg, die politische Lage für Medienschaffende in Hongkong wird immer heikler: Erst diese Woche wurde bekannt, dass die New York Times Teile ihrer Asien-Büros nach Seoul verschiebt. Wenn Sie die Stadt mit jener vergleichen im Jahr Ihrer Ankunft: Wie stark hat sich Hongkong verändert?
Für eine lange Zeit hat sich die Stadt nicht gross verändert. Auf jeden Fall nicht in den letzten Wochen. Das neue «Nationale Sicherheitsgesetz» jedoch, das seit dem 1. Juli zur Anwendung kommt, hat einen grossen Effekt auf meine Arbeit als ausländische Journalistin.
Inwiefern?
Momentan ist noch vieles unklar. Es kommt darauf an, wie genau das Gesetz in der Praxis angewendet wird. Es gibt aber sicherlich einige Paragrafen dieses neuen Gesetzes, die direkt Medienschaffende betreffen. Einer davon schreibt vor, die «Verwaltung» ausländischer Medien in Hongkong zu «erhöhen». Das ist natürlich absichtlich so vage formuliert.
Wie könnte dies konkret in der Praxis umgesetzt werden?
Gewisse Leute befürchten, dass nun Visa für ausländische Journalisten und Journalistinnen eingeführt werden könnten. Bis anhin war dies nie ein Thema für Hongkong – anders als im Rest von China. Dort wird dies konsequent durchgesetzt. Teilweise werden die Presse-Visa ausländischer Journalisten nach Ablauf der regulären Frist für lediglich ein bis drei Monate erneuert. Dies, um so die Unsicherheit für Journalisten zu erhöhen, um diese dazu zu bringen, das Land zu verlassen.
«Viele Leute wollen mir jetzt keine Interviews mehr geben»
Was wären andere mögliche Änderungen?
Ein weiterer Wortlaut besagt, dass die Anstachelung zum Umsturz als Verbrechen angesehen wird. Das könnte bedeuten, dass man sich als Journalist beim Zitieren einer Person, die sich positiv zur Unabhängigkeitsbewegung äussert, bereits strafbar macht. Vieles ist aber, wie gesagt, noch unklar.
Wie sieht es mit dem Quellenschutz aus?
Das ist ein weiterer wichtiger Punkt. Bestimmte Teile des Gesetzes ermöglichen es nun der Polizei, ohne Gerichtsbeschluss und ohne die Betroffenen zu informieren, die elektronische Kommunikation abzuhören und sogar Durchsuchungen vorzunehmen. Gerade für Gespräche «off the record» mit Quellen, die anonym bleiben möchten, sehe ich da eine grosse Gefahr.
Wie ist es grundsätzlich mit Leuten in Kontakt zu kommen? Merken Sie, ob es bereits schwieriger geworden ist, Personen zu interviewen?
Ja, das wandelt sich gerade stark. Bis vor drei Wochen konnte ich sehr offen mit den Leuten über politische Themen sprechen – sogar mit Verwendung ihres richtigen Namens. Dies im Gegensatz zum Rest von China, wo viele Chinesen ausländischen Journalisten eher kritisch gegenüberstehen. Jetzt haben mir viele Leute jedoch gesagt, dass sie mir keine Interviews mehr geben wollen. Sogar bereits bekannte Hongkonger Menschenrechtsanwälte sagten mir dies. Und das andere ist, dass nun jeder die Instant-Messenger-App Signal benutzt, um zu kommunizieren. Nicht mal Whatsapp wird mehr getraut.
«Hongkong droht, hinter der grossen chinesischen Firewall zu verschwinden»
Signal funktioniert aber noch? Denken Sie, dies könnte sich bald ändern?
Dies wird sich ebenfalls noch zeigen. Facebook, Twitter und Google haben bereits klar gemacht, dass sie der Hongkonger Regierung keine Informationen über ihre Nutzer geben werden, auch wenn diese das verlangt. Daher stellt sich nun die Frage, ob Hongkong die Plattformen wie in China üblich auch ganz sperren wird und so die Stadt auch hinter der grossen chinesischen Firewall verschwinden wird.
Wie ist die Stimmung bei anderen ausländischen oder auch lokalen Medienschaffenden? Haben sich einige bereits entschlossen Hongkong zu verlassen?
Journalisten sind mir keine bekannt, die der Stadt den Rücken gekehrt haben – im Gegensatz zu einigen Politikern und Aktivisten. In den letzten Tagen habe ich aber erfahren, dass es in Hongkong mehrere Fälle von Journalisten gab, die bis zu vier Monate auf die Verlängerung ihres Visums warten mussten – wo es normalerweise nur wenige Tage dauert. Dies wird wohl auch zum Entscheid der NY Times beigetragen haben, Hongkong zu verlassen.
Haben Sie sich persönlich schon überlegt, Ihre Basis in eine andere Stadt in Ostasien zu verlegen?
Ich habe mich dazu entschlossen, noch einige Monate zuzuwarten. Mit all diesen Unsicherheiten ist es schwierig abzuschätzen, ob ich noch weiter von Hongkong aus berichten kann. Aber ich habe mir schon überlegt, ob ich in eine andere Stadt in Ostasien oder sogar zurück nach Europa ziehen sollte. Bis jetzt war mein Arbeitsmodell so, dass ich so über die politische Situation in China von Hongkong aus berichte, wie man das in China nicht schreiben könnte. Und dies würde ausserhalb von China natürlich nicht funktionieren.