Urs Leuthard, ab Februar 2012 leiten Sie die "Tagesschau" des Schweizer Fernsehens. Warum wird Ihr Stellenwechsel so kurzfristig bekannt gegeben?
Ich war nicht der Einzige, der sich für diesen Job interessierte. Alle valablen Kandidaten wurden sorgfältig geprüft. Das führte zu einem langen Auswahlverfahren.
Sie sind ja noch Moderator und Redaktor der "Rundschau". Kann diese Redaktion so schnell auf Sie verzichten?
Ich werde vorübergehend wohl bei beiden Redaktionen arbeiten. Dieser Spagat lässt sich nicht vermeiden. Sobald meine Nachfolge bei der "Rundschau" bekannt und einsatzbereit ist, konzentriere ich mich voll auf die neue Herausforderung bei der "Tagesschau".
Bisher übernahmen Sie jeweils am Freitag die Betreuung Ihrer beiden Kinder. Sie betonten in einem Interview mit der "Schweizer Illustrierten", dass Sie diese Vaterarbeit sehr wichtig finden. Können Sie sich die auch im neuen Job leisten?
Ich werde nicht mehr regelmässig einen ganzen Tag unter der Woche für die Kinder da sein können. Aber das wird auch nicht mehr nötig sein: sie gehen demnächst in den Kindergarten bzw. in die Schule. Da wir bei der "Tagesschau" auch abends und an den Wochenenden arbeiten, werde ich unter der Woche sicher immer wieder Zeit für meine Kinder finden. Eine gewisse Flexibilität diesbezüglich nehme ich mir auf jeden Fall auch heraus.
Mussten Sie lange überlegen, ob Sie die Leitung der "Tagesschau" übernehmen wollen?
Natürlich habe ich mir Gedanken gemacht. Aber mir war schnell klar, dass mich dieser Job reizt und der Zeitpunkt stimmte.
Was reizt Sie daran?
Die "Tagesschau" ist nach wie vor das Flaggschiff des Schweizer Fernsehens. Ich werde alles daran setzen, dass dies so bleibt. Sie ist eine Sendung mit einer sehr hohen journalistischen Kompetenz und einem sehr hohen publizistischen Standard, was auch meinem Verständnis von Journalismus entspricht. Ich beschäftige mich seit vielen Jahren mit Politik und Wirtschaft. Weil dies auch die Kerngeschäfte der "Tagesschau" sind, passe ich sehr gut zu dieser Sendung.
Sie studierten ursprünglich Psychologie, Sozial- und Präventivmedizin. Warum interessiert Sie heute Politik und Wirtschaft mehr?
Schon als Kind interessierte ich mich für das aktuelle Geschehen. Am Familientisch diskutierten wir darüber. Ich verschlang Zeitungen, hörte Radio und informierte mich am Fernsehen. Nach meinem Psychologiestudium arbeitete ich zwar als Erwachsenenbildner in einer Gesundheitsinstitution, in meiner Freizeit betätigte ich mich aber bereits journalistisch. Irgendwann musste ich mich zwischen den beiden entscheiden. Mein Herz schlug mehr für den Job in den Medien und so spezialisierte ich mich eigentlich früh auf Themen aus der Politik und Wirtschaft.
Bundesrätin Doris Leuthard ist Ihre Cousine. Macht es Ihnen Mühe, Ihr gegenüber gleich kritisch zu sein wie anderen Politikern?
Nein. Ich habe in der Vergangenheit bewiesen, dass ich Beruf und Privates trennen kann. Familiäre Banden haben mich in keiner Art und Weise vereinnahmt. Das wird auch in Zukunft so sein. Dass die Medien mich betreffend Doris Leuthard kritisch beobachten, stört mich nicht. Das ist ihre Pflicht.
Was möchten Sie bei der "Tagesschau" verändern?
Bevor ich mir eine abschliessende Meinung bilde, will ich mit dem Team zusammen arbeiten und die Sendung noch besser kennen lernen. Bisher war ich ja bloss ein "Tagesschau"-Konsument. Aber ganz allgemein kann ich sagen, dass sie hervorragend funktioniert und bei den Zuschauern sehr beliebt ist. Von daher wäre es sicher völlig falsch, sie total umzukrempeln.
Was halten Sie davon, dass die Journalisten öfter als Kommentatoren agieren sollen?
Ich werde an dieser Strategie festhalten. Es ist wichtig, dass Sendungen wie die "Tagesschau" nicht nur Informationen vermitteln, sondern sie auch einordnen und analysieren. Das heisst aber nicht, dass persönliche Meinungen einfliessen sollen. Das wäre falsch.
Wo überzeugt Sie die "Tagesschau" heute schon?
Mir gefällt, dass sie sehr seriös und kompetent ist und im besten Sinn wertkonservativ. Sie springt nicht unüberlegt auf neue Züge auf, sondern konzentriert sich auf die Informationsvermittlung.
Neu nehmen Sie wieder Führungsverantwortung war. Warum ist Ihnen das wichtig?
Mit einem Team etwas gestalten, wieder mehr meine eigenen Werte und Vorstellungen einbringen, das mache ich gern und finde ich spannend. Es hat mir in den letzten Jahren etwas gefehlt.
Wie holen Sie die rund 60 "Tagesschau"-Journalisten ab?
Ich führe partizipativ, ziehe das Team mit ein und gebe ihm viel Selbstverantwortung. Gleichzeitig will ich präsent, transparent und ehrlich sein. Die Journalistinnen und Journalisten sollen wissen, wofür ich stehe und wohin ich will. Ich verstehe mich vor allem als Motivator, der von der Stimmung und Struktur her optimale Rahmenbedingungen schafft, dass alle bestmöglich und mit Freude arbeiten können.
Sind Journalisten schwieriger zu führen als Leute aus anderen Berufen?
Sie sind sicher sehr eigenständig, kritisch und gut ausgebildet. Sie brauchen keinen, der ihnen permanent vorschreibt, was sie zu tun haben.
Was denken Sie, wird Ihre Redaktion im nächsten Jahr vor allem beschäftigen?
Natürlich die Eurokrise. Wo ich sonst Schwerpunkte setzen möchte, kann und will ich heute noch nicht kommunizieren.
Interview: Christine Schnyder