"Ich war richtiggehend von Twitter besessen"

- Die jordanische Prinzessin Rym Ali war der Stargast am diesjährigen Medienkongress in Lausanne. Die 43-Jährige Journalistin und Gründerin des Jordan Media Institute wuchs als Tochter eines algerischen Diplomaten in Grossbritannien und Algerien auf und studierte in Frankreich und den USA. 2004 heiratete sie Prinz Ali bin al-Hussein von Jordanien. Mit "persönlich" sprach Sie über die jordanische und Schweizer Medienszene und den arabischen Frühling. Das Interview:

Ihre Hoheit, Prinzessin Rym Ali von Jordanien, Sie waren Gast am Schweizer Medienkongress in Lausanne. Was war Ihr Eindruck?

Es hat mich sehr gefreut, dass ich zum Medienkongress in Lausanne eingeladen war. Für mich war es eine gute Gelegenheit, Vergleiche mit dem jordanischen Mediensystem zu ziehen und interessante Leute kennenzulernen. Ich hoffe, dass diese Kontakte weiterbestehen. Besonders interessierten mich die Ausführungen des Verlegerpräsidenten und die anschliessende Diskussion. Aber auch die Betrachtungen des europäischen Verlegerpräsidenten über die norwegische Zeitungsindustrie waren sehr eindrücklich.

Sie sind die Gründerin des jordanischen Medieninstitutes. Was sind die grössten Unterschiede zwischen der jordanischen und der Schweizer Medienszene?

Es gibt viele Unterschiede, aber auch viele Gemeinsamkeiten. Dies wurde mir am Kongress erneut vor Augen geführt: Die Herausforderungen, welche die neuen Medien an die Verleger stellen, sind dieselben. Mit den Fragen über die Werberegulierungen schlagen sich auch die jordanischen Verleger herum. Auch die Werbefreiheit ist bei uns nicht grenzenlos. Aber die geopolitische und wirtschaftliche Situation von Jordanien ist eine ganz andere als bei Ihnen. Unsere Journalisten sind oft unterbezahlt, dies hat leider manchmal Auswirkungen auf den publizistischen Output. Ich glaube, dies ist in der Schweiz anders. Die Marktsituation ist für unsere Zeitungsverleger in Jordanien momentan sehr schwierig. Potenzial haben hingegen die FM-Radios. Gerade im digitalen Bereich öffnen sich viele Türen, das Interesse für Webseiten und Web-TVs ist sehr gross. Man darf unsere Situation nicht ganz ausser Acht lassen: Wir grenzen direkt an Palästina, Israel, Syrien und den Irak. Es besteht also eine grosse Nachfrage an medialer Berichterstattung. Aufgrund der beschränkten finanziellen Möglichkeiten können wir diese nicht richtig ausführen.

Wo stellen sich für Sie die grössten Herausforderungen?

Aufgrund der limitierten Mittel vieler Zeitungen haben unsere Journalisten kaum Möglichkeiten, um zu reisen und internationale Themen abzudecken. Zudem ist auch die Ausbildung in den neuen Technologien beschränkt.

Wie frei ist die jordanische Presse?

Jeder, der einmal in Jordanien war, weiss, dass hier mehr Freiheit herrscht als in manchen andern Ländern in der Region. Kürzlich gab es aber unter den Journalisten Diskussionen, als ein neues Gesetz zur Regulierung des Internets verabschiedet wurde. Ein aktueller Report über die Pressefreiheit stellt zudem fest, dass sich die Journalisten bei der täglichen Arbeit mit verschiedenen Drucksituationen ab?nden müssen.

Wie haben Sie als Mitglied der jordanischen Königsfamilie den Arabischen Frühling erlebt?

Ich habe die Geschehnisse in Tunesien, Ägypten, Jemen und Libyen sehr genau mitverfolgt und mich mit Freunden und Kollegen darüber ausgetauscht. Zu Beginn waren wir etwas überrascht, obwohl die Unruhen natürlich nicht total unerwartet kamen – angesichts des tunesischen Regimes beispielsweise. Ich war damals richtiggehend von Twitter besessen, weil man dank dieses Mediums interessante Gedanken und Links zu Artikeln, Video und Bildern ?nden konnte, die man über «traditionelle» Medien nicht erhielt.

Haben Sie Verständnis für diesen Ausbruch?

Ich kann nicht behaupten, dass ich die Eigenheiten von jedem arabischen Land im Detail kenne. Doch im Grossen und Ganzen kann ich die Unruhen verstehen, die einige Missstände in gewissen Ländern hervorriefen. Insbesondere in Tunesien, Libyen oder Syrien, in denen sehr repressive Zustände herrschten beziehungsweise herrschen.

Sie sträuben sich gegen die vorherrschende Meinung, dass der Arabische Frühling durch die sozialen Medien hervorgerufen wurde.

Ich denke, dass der rasante Anstieg der Nutzung der sozialen Medien eher eine Auswirkung als die Ursache des sogenannten Arabischen Frühlings war. Ich glaube nicht, dass die Technologie die Unruhen ausgelöst hatte. Wäre das Ganze vor 300 Jahren geschehen, hätten die Menschen vielleicht Pamphlete statt Mobiltelefone benutzt – die Mobilisierung hätte trotzdem funktioniert. Im Übrigen habe ich mit verschiedenen Leuten, die damals auf dem Tahrir-Platz in Kairo vor Ort waren, gesprochen. Gemäss diesen wurde auch während des Arabischen Frühlings auf sehr traditionelle Weise mobilisiert – mittels Mundpropaganda. Facebook war damals in diesen Ländern nur bei einer Minderheit verbreitet und wäre daher nicht fähig gewesen, eine solche Bewegung über Wochen aufrechtzuerhalten. Ich habe in meiner Rede an der Verlegertagung eine Studie des Al-Arabiya News Channel erwähnt, die besagt, dass 0,04 Prozent der Syrer und 0,1 Prozent der Ägypter aktive sind Twitter-User sind und nur 15 Prozent aller Internet-Nutzer in der arabischen Welt auch Facebook-Nutzer. Es ist wichtig, die Dinge in die richtige Perspektive zu rücken. Man kann also nicht von einer FacebookRevolution sprechen.

Wäre ohne SMS und Handys eine solche Revolution überhaupt möglich gewesen?

Ich glaube, ja. Ohne die modernen Kommunikationsmittel wäre vielleicht alles ein bisschen gemächlicher vor sich gegangen. Der Hauptfaktor für den Erfolg war jedoch die Entschlossenheit, die wir in Tunesien und Ägypten beobachten konnten. In einer Fernsehsendung äusserten sich Tunesier, die tagelang auf der Strasse demonstrierten, beleidigt, als von einer Facebook-Revolution die Rede war. Sie seien es gewesen, die die Veränderungen forderten und für die Aufstände verantwortlich waren, nicht Facebook, so der Tenor.

Sie haben vor Ihrer Hochzeit selbst für CNN, Radio Monte Carlo oder die BBC gearbeitet. Inwiefern beeinflusst dies Ihre heutige Tätigkeit?

Ich habe meine Erfahrungen gut gebrauchen können, als ich das Jordan Media Institute aufbaute, insbesondere bei der Ausarbeitung des Master-Studiengangs. Auch wenn mich heute Studierende zu meinem Beruf befragen, kommen mir meine vielen Erfahrungen zugute. Obwohl sich die Technologie verändert hat, sind dieselben journalistischen Basiskenntnisse und Fähigkeiten gefragt. Meine frühere Karriere hat mir dabei geholfen, eine klare Idee davon zu haben, was es gibt, was existiert und was Journalisten benötigen.

Welches ist Ihr Lieblingsmedium?

Ich habe keine Vorliebe für ein bestimmtes Medium. Ich habe im Print, Radio und Fernsehen gearbeitet und es hat mir überall Spass gemacht. Natürlich hat jedes Medium seine Vorteile und stellt andere Herausforderungen. So kann man wohl mit Ton und Bildern viel ausdrücken, doch hat man im Print mehr Zeit, um seine Gedanken zu formulieren, Fakten zu analysieren oder ein Thema tiefgründiger zu behandeln. Ich schaue sehr gerne News-Dokumentationen. Ehrlich gesagt, würde ich dies gerne öfters machen …

Interview: Matthias Ackeret und Corinne Bauer

Das ausführliche Interview lesen Sie in der aktuellen Ausgabe von "persönlich".