Frau Pawlu, Sie arbeiten seit fast einem Jahr bei der "Bild"-Zeitung als Kolumnistin für Gesellschaft. Was ist der grösste Unterschied zwischen der Arbeit in der Schweiz und der Arbeit in Deutschland?
Die Arbeit in Deutschland ist schneller, anstrengender und man hat doch ein bisschen mehr Stress als in der Schweiz.
Inwiefern?
In der Schweiz war alles ruhiger und beschaulicher. Man hat das Gefühl, man tuckert auf der Arbeits-Autobahn so mit Tempo 100 auf der rechten Spur. In Deutschland fahren alle plötzlich die 200-km/h-Bleifuss-Nummer. Huch!
Sie waren erst bei "Cash" in der Schweiz tätig. Jetzt arbeiten Sie für die "Bild"-Zeitung in Deutschland. Was ist anders?
Bei "Bild" ändert sich alles ganz schnell. Bei der Wochenzeitung "Cash" war die ganze Arbeitsweise anders. Es war etwas gemütlicherer Boulevard. Kein Wunder. Bei nur vier Millionen Deutschschweizern passieren ja eher wenig Brüller-Geschichten.
Wie sieht die Arbeit bei der "Bild"-Zeitung konkret aus?
Um neun in der Früh gehts für mich los. Telefonieren, telefonieren und -- klar -- telefonieren. Um elf ist bei Bild die grosse Redaktionssitzung. Dann werden die Themen a priori festgelegt. Im Klatsch kann sich nachmittags ganz schnell ganz viel ändern, weil die USA aufwachen. Vielleicht ist Britney über Nacht wieder total abgestürzt. Dann muss ich flexibel sein und in Windeseile alles nochmals umkrempeln.
Welche Themen ziehen am besten in Deutschland?
Es gibt die grossen deutschen Promis, die immer interessant sind, wie zum Beispiel ganz aktuell Verona Pooth. Und da sind wir auch schon beim Thema: Schicksalsgeschichten, in die sich die Leser reinfühlen können, funktionieren immer. Weit oben stehen auch Schwangerschaften, Herzschmerz, Pipapo.
Gibt es Themen, die tabu sind?
Ja klar. Krankheiten zum Beispiel werden sehr sensibel behandelt. Und ich mache es generell so: Bevor ich etwas über jemanden schreibe, spreche ich nochmal mit ihm. Damit hat er die Möglichkeit, was zum anstehenden Thema zu sagen und ich bin fair.
Wie war denn das mit Boris Beckers Schweizer Freundin?
Das war lustig. Wir haben Bilder bekommen von Boris Becker aus Miami. Die Paparazzi haben uns nicht gesagt, wo er logiert. Ich musste also erst ganz raffiniert sein Hotel herausfinden. Hat geklappt, war aber etwas mühsam. Und schwupp, schon nach ein paar Minuten hatte ich Bobbele in der Leitung und konnte ihn zu Anja Müller befragen.
Diese Geschichte wurde dann auch in der Schweiz von allen Medien aufgegriffen. War sie eine Inszenierung für die Medien?
Ich könnte mir vorstellen, dass Anja Müller die Paparazzi gerufen hat. Denn auf den Bildern schaut sie immer in die Kamera. Das ist auffällig. Aber meine Vermutung ist natürlich nur Spekulation.
Und Boris?
Der wusste sicher von nichts. Er war überrascht.
War es ihm nachher peinlich?
Boris ist souverän. Ich habe nach dieser Geschichte ein paar Mal mit ihm darüber gesprochen. Er sieht das ganz cool und meinte, das sei halt Künstlerpech. Aber peinlich ist es ihm nicht, peinlich ist ihm wenig.
Kommt es oft vor, dass Ihnen Geschichten gesteckt werden?
Klar. Zu 90 Prozent. Man hat immer Informanten. Abends gehe ich an Events mit dem Ziel, auch Informanten kennenzulernen. Tagsüber hänge ich dann am Telefon und höre, ob sie eine Geschichte haben. Viele dieser Geschichten kann ich aber nicht realisieren, weil sie zu heikel sind oder die Promis sie nicht zugeben. Ich höre viel, und 99 Prozent davon sind wahr. Aber um das zu beweisen, brauche ich hieb- und stichfeste Beweise oder Leute, die dafür geradestehen. Das Presserecht hat sich leider auch sehr geändert. Geschichten, die man vor 20 Jahren problemlos machen konnte, werden heute schon von Anwälten verhindert, bevor noch ein Wort in die Tastatur getippt ist ...
Welches war Ihre heikelste Geschichte?
Ich bin ja die Frau vom Klatsch. Meine Aufgabe ist es, die Leute träumen zu lassen, sie in eine andere Welt zu entführen. Ich schreibe über meine Treffen mit Prinz Albert oder dem scheidenden Präsidenten Russlands, Wladimir Putin. Ich schreibe über millionenschweren Schmuck und über die Schönsten und Reichsten dieser Welt, über Kleider, über Yachtpartys und über die grossen Lieben.
Die Geschichte mit Wladimir Putin war auch so ein Knüller von Ihnen. Er hat sie ja förmlich abgeküsst!
Ja. Das war eine schöne Geschichte. Er hat mich spontan geküsst.
Wie kam er dazu?
Es passierte bei einer glamourösen Preisverleihung in St.Petersburg. Ich wollte Wladimir Putin ein paar Fragen stellen. Zuerst musste ich mich aber an Bodyguards vorbei zu ihm durchkämpfen. Dann führten wir ein kurzes Gespräch -- er kann ja perfekt Deutsch. Zum Schluss streckte ich ihm die Hand hin, um mich zu verabschieden. Er aber zog mich an sich und küsste mich -- auf den Mund Alles unter Beobachtung einer Kollegin der Revue. Die hat daraufhin natürlich die Geschichte vom flirtenden Putin gebracht, und so wurde das Ganze publik. Zuerst in Deutschland, dann in St. Petersburg.
Das war ja nicht so schlecht für Sie?
Na ja. Ich bin eigentlich lieber im Schatten und zurückhaltend. Aber: Putin ist schon ein attraktiver Mann.
Und, hat Wladimir Putin sich schon gemeldet?
Nein. Ich warte immer noch auf seinen Anruf. Schnüff.
(Interview: Matthias Ackeret)