"Ich weiss, dass die Deutschen gerne Berge haben."

- Tobias Ineichen inszenierte den ersten Schweizer Tatort nach der vielkritisierten Produktion "Wunschdenken". Im Interview mit persoenlich.com erklärt der Luzerner, wie er seine Heimatstadt und den als farblos geltenden Kommissar Flückiger in Szene setzte und wie er gähnende Langeweile wegen der schleppenden Mundart-Synchronisation im deutschen Fernsehen verhindern will:

Der letzte Schweizer Tatort hiess "Wunschdenken". Mit ihm blieb auch der Anschluss an die Qualität deutscher und österreichischer Folgen der beliebten Krimiserie weitgehend Wunschdenken. Die Produktion wurde im In- und Ausland mit Hohn eingedeckt. Die Nachbarn der Schweiz waren bei der Kritik der Folge mit freundlichen Grüssen "Grüezi Tristesse" (Spiegel Online) zur Stelle und deklarierten sie als "echten Käse" (Bild-Zeitung). Trotzdem hat die Tatort-Folge mit 699'700 Zuschauern und 39.7 Prozent den historisch zweithöchsten Marktanteil eines SF-Films erzielt. Erfolgreicher war nur die Premiere der Herbstzeitlosen.

Von der Villa in die biedere Stube

Am 14. Mai lud das Schweizer Fernsehen Medienschaffende zur Vor-Visionierung der zweiten Schweizer Tatort-Folge. Sie heisst "Skalpell" und wurde von Tobias Ineichen inszeniert. Der Luzerner Regisseur realisierte damit schon die dritte Tatort-Serie nach "Liebeswirren" (2008) und "Schneetreiben" (2005). Das Schweizer Fernsehen plant bereits eine vierte Tatort-Folge mit Ineichen, wie Karin Frei (Moderatorin vom Club) den versammelten Journalisten mitteilte. Anfänglich wird sich der Tatort-Zuschauer vielleicht wieder in die Welt von Imbodens "Wunschdenken" zurückversetzt fühlen – eine Welt geprägt von "Botox und Berge", wie Tagesanzeiger.ch titulierte. "Skalpell" nimmt dann jedoch eine jähe Wende, verabschiedet sich aus der Spital- und Villensphäre und widmet sich den Schweizer Kleinbürgern und der Arbeiterklasse.

Vom Krimi ins Sozialdrama

Der kriminologische Reigen beginnt mit einem Spendenlauf. Zwei Teilnehmer (gespielt von Benedict Freitag und Thomas Sarbacher) – Ärzte, wie sich bald herausstellt – schwitzen und keuchen durch Feld und Wiesen. In einem Wald kommt es zum konfliktreichen Tête-à-tête. Wenig später liegt einer der beiden mit einem Skalpell im Hals blutüberströmt am Boden. Kommissar Flückigers (Stefan Gubser) Aufklärungs-Mission nimmt seinen Anfang.

Die Handlung mündet bald in eine Art Sozial-Drama und die Auseinandersetzung mit dem Thema Intersexualität. Die Sendung Club bietet zur Vorbereitung des Krimi-Abends denn auch eine Diskussion zum Thema Intersexualität an. Zum Verständnis der Tatort-Folge ist die Sendung jedoch keine Voraussetzung. Denn auch die Kommissare lernen erst während der Krimi-Handlung, worum es sich bei Intersexualität genau handelt.

Neu spielt Delia Mayer als Co-Kommissarin Liz Ritschard an Flückigers Seite.

Einen überzeugenden Gast-Auftritt hat zudem Jessica Oswald in der Rolle eines intersexuellen Teenagers.

persoenlich.com hat sich anlässlich der Vor-Visionierung von Skalpell mit Tobias Ineichen unterhalten. Das Interview:

Herr Ineichen, spürten Sie einen besonders grossen Druck beim Dreh von Skalpell nach den negativen Kritiken zu Wunschdenken?

Wir waren mit der Skalpell-Produktion schon fertig, als die Folge Wunschdenken ausgestrahlt wurde. Das heisst, ich hatte während den Filmarbeiten noch keine Feedbacks. Vor meinem Drehbeginn wurde mir aber mitgeteilt, dass es in der ersten Folge noch Änderungen geben wird und der Film daher nicht auf den geplanten Termin ausgestrahlt werden kann. Bei den Dreharbeiten in Luzern haben mich einige Leute auf diese Verzögerung bei der Ausstrahlung von Wunschdenken angesprochen. Sie wollten wissen, was los sei. Ich musste diesen erklären, dass ich eine andere Produktionsfirma habe und als freier Regisseur für das Schweizer Fernsehen Filme drehe. Kurz: Dass ich nicht die richtige Ansprechperson bin. Das haben die Leute schnell begriffen.

Sie haben Wunschdenken vor Ihren eigenen Dreharbeiten zu Skalpell gesehen. Haben Sie gewisse Dinge bewusst in Abgrenzung zu Wunschdenken anders inszeniert?

Nein, das habe ich nicht gemacht. Als Regisseur muss ich den Stoff, die Kommissare, ihren Weg, ihre Philosophie so umsetzen, wie ich sie sehe. Ich ändere nichts um, weil ich es besser machen will als jemand Anderes. Ich versuche meine eigene Vision zu entwickeln. Das war bei diesem zweiten Tatort möglich. Ich gehe mit Skalpell das gleiche Risiko ein wie mein Vorgänger. Kritik gehört zur Diskussion und die Journalisten müssen immer etwas zu schreiben haben, an dem sie ihre Story aufhängen können. Es ist schade, wenn man zuweilen nichts über den Film und das Thema lesen kann.

Was ist das Besondere an Skalpell?

Ich will nicht schon zuviel verraten, aber versuche es mal so zu sagen: Die Folge ist eher ein Krimi-Drama als ein typischer „Whodonit“-Fall. Wohl kann in meiner Folge mitgerätselt werden, es gibt natürlich den Mord zu Beginn, es gibt Verdächtige, widersprüchliche Aussagen und so weiter. Auch entdeckt der Zuschauer zu Beginn ein scheinbar bekanntes Umfeld, es geht um Ärzte, um Ehebetrug und um Erbschaftsansprüche. Dann aber, und das finde ich das Besondere an der Dramaturgie von Skalpell, stösst der Zuschauer zusammen mit dem Kommissar auf ein Geheimnis. Er tritt in eine unbekannte Welt ein, in das Thema Intersexualität, worüber der Kommissar notabene auch noch nicht viel weiss. Diesen Wechsel hin zu einem Krimidrama finde ich für eine Tatort-Folge eher überraschend.

Die Handlung gleitet in die Arbeiterklasse, in biedere Haushalte. Weist der Film mit seinen Anleihen an ein Sozial-Drama ein Krimimanko auf?

Für mich ist das eine grosse Stärke von Skalpell, dass ein Milieu beleuchtet wird. Bestimmt wird es auch Zuschauer und Journalisten geben, die finden, das Thema Intersexualität werde zu wenig vertieft. Ich habe versucht, ohne pädagogischen Zeigfinger ein Krimi-Drama zu erzählen. Das ist auch ein Vorteil des Tatorts, dass innerhalb des Genres ganz verschiedene Realisierungen möglich sind: ein Thriller, 90-Minuten-Verfolgungsjagd, Whodonit. Das wird auch in den Luzerner Tatorten so sein, Dani Levy zum Beispiel wird in seiner Folge „Schmutziger Donnerstag“ etwas ganz anderes machen als ich.

Zu viele Klischees kommen schlecht an: Gibt es trotzdem Schweizer Tatort-Spezialitäten?

Das sind die Stadt, die Kommissare und ihre Geschichten, die sich durch die verschiedenen Folgen des Schweizer Tatorts entwickeln. Es sind Figuren, die da verwurzelt sind, wo die Krimihandlung spielt. Dazu kommen schweizerische Themen, die in der Schweizer Gesellschaft eine gewisse Relevanz haben. Skalpell erzählt eine universelle Geschichte – das Drama um intersexuelle Kinder kann sich irgendwo auf der Welt abspielen. Durch die Schauplätze und die Figuren wird der Film aber klar in Luzern verankert. In Deutschland wird etwa kritisiert, dass eine Tatort-Folge wohl in einer bestimmten Stadt spielt, die Schauplätze aber austauschbar sind. Die Identität ist eine grosse Frage: Im Luzerner Tatort wurde alles in Luzern gedreht.

Was war Ihnen als Luzerner wichtig bei der Inszenierung der Stadt Luzern als Tatort-Schauplatz?

Ich weiss, dass die Deutschen gerne Berge haben. Das richtige Mass an Luzern war mir wichtig. Wenn ich zurück nach Luzern komme, werde ich jeweils erschlagen von diesen Bergen. Ich wollte zeigen, dass es in Luzern verschiedene Ecken gibt, und das werde ich auch in meiner nächsten Tatort-Folge so halten. Es gibt soziale Brennpunkte wie in anderen Städten, es gibt aber auch die touristischen Schönheiten. Und wieso soll man diese nicht zeigen? Im Münchner Tatort muss auch an irgendeiner Stelle immer der Marienplatz vorkommen. Das Zeigen von Städtewahrzeichen gehört nun mal zum Tatort-Konzept.

Der Film ist allgemein sehr kühl und wenig farbenfroh gehalten.

Das Skalpell im Titel ist nicht nur die Mordwaffe, es ist auch ein Symbol für das, was die intersexuellen Kinder erleiden müssen. Ein Skalpell ist eckig und kühl. Um dieses Gefühl zu vermitteln, habe ich mit kühlen Farben gearbeitet und im Film viele eckige Elemente eingesetzt.

Stefan Gubser musste als Kommissar Flückiger viel Kritik einstecken. Wo haben Sie bei der Figur Flückiger den Hebel angesetzt?

Ich habe zusammen mit Stefan Gubser in Skalpell einen anderen Weg gewählt. Es wird für mich selbst interessant sein, wie sich die Figur in den künftigen Folgen weiterentwickeln wird. Mir gefiel Stefans Humor in der ersten Folge, aber ich konnte diesen Humor nicht auf diese Geschichte adaptieren. Dazu kam, dass wir mit Liz Ritschard eine neue Kommissarin einführen mussten. Die grosse Qualität von Flückiger ist, dass er anderen empathisch begegnen kann. Im Spannungsfeld von Polizist-Sein und Mitgefühl liegt die Qualität bei der Figur Kommissar Flückigers.

Haben Sie diese Empathie bewusst gebrochen in Flückigers Auseinandersetzung mit der Intersexualität? Hier nimmt man den Kommissar nämlich nicht als sehr empathisch wahr.

Natürlich versucht man einem Kommissar auch Ecken und Kanten zu geben, Situationen aufzuzeigen, in denen der Kommissar selbst fehlbar ist. Es gibt einen Teil dieser Figur, die es manchmal, in bestimmten Situationen, an Empathie vermissen lässt. Alle machen Fehler, wieso soll also Flückiger ein Heiliger sein?

Wie haben Sie das Problem der Synchronisation gelöst?

Ich hatte mit der Synchronisation nicht direkt zu tun. Aber ich habe sie gehört und ich finde sie gut. Sie ist weniger Schweizerdeutsch eingefärbt als bei Wunschdenken. Zu diesem Thema gibt es aber zwei Dinge zu sagen: Erstens, die Deutschen wünschen eine Synchronfassung mit einem schweizerischen Akzent. Gewisse Deutsche würden so meinen, es handle sich beim Hochdeutsch mit Schweizer Dialektfärbung um Mundart. Zweitens gibt es ein Problem, das nicht lösbar ist. Die Originalversion für das Schweizer Fernsehen hat einen anderen Duktus als Hochdeutsch. Schweizerdeutsch ist langsamer. Nicht alle Menschen sind Zürcher und sprechen wie ein Maschinengewehr. Das langsame Schweizerdeutsch ins schnelle Hochdeutsch zu synchronisieren – mit dem gleichen Inhalt und möglichst lippensynchron – ist eine hohe Kunst.

Was haben Sie denn gegen den Eindruck schleppender Sätze in der Synchronisation gemacht?

Ich versuchte die Dialoge relativ straff zu machen, damit sie in der Synchronisation nachher nicht viel langsamer wirken. Das geht aber nur bis zu einem bestimmten Punkt – dann ist die Synchronisation wohl lippen-synchron, aber für die Deutschen doch tendenziell immer noch zu langsam. Das deutsche Publikum hat dementsprechend viel schneller das Gefühl, eine Geschichte holpere, sei zerdehnt, weil es nicht unseren Sprachrhythmus hat. Das kann ich nicht ändern.

Wieso setzen Sie nicht einfach auf Untertitel?

Das ist nicht meine Entscheidung. Es ist eine Vorgabe des Senders, dass ein Luzerner Tatort auf Schweizerdeutsch gedreht und für den deutschen und österreichischen Markt auf Hochdeutsch synchronisiert wird.

Sie erwähnten, dass Sie jetzt bei der Visionierung des Films viele Fehler sehen. Was würden Sie denn anders machen?

Häufig geht es um Sprache, um Details. Irgendwann ist man fertig und kann nichts mehr ändern, aber es geht mir wohl wie einem Journalisten, der Wochen später seinen Artikel wieder liest und denkt: Wieso habe ich den Schluss nicht doch so oder anders gemacht? So geht es aber allen Regisseuren, die ich kenne. Viele wollen das Endprodukt gar nicht mehr anschauen. Das geht übrigens auch Schauspielern so. Johnny Depp behauptet, er hätte noch keinen einzigen Film von sich gesehen, was ich ehrlich gesagt nicht glaube.

Skalpell wird am Pfingstmontag, 28. Mai, um 20.05 Uhr auf SF1 ausgestrahlt.

Text und Interview: Benedict Neff, Bilder: Daniel Winkler (SRF)