"Ich will im Literaturclub keine Schul-Atmosphäre"

SRF - Der Literaturclub war ein Kritiker-Lazarett: Hildegard Keller verbarg entzündete Augen hinter einer Sonnenbrille, Rüdiger Safranski schwieg und krächzte kurz mit Stimmbanddeffekt aus dem Publikum. Stefan Zweifels Debüt als Moderator glückte trotzdem. Persoenlich.com hat sich den neuen Literaturclub live angeschaut und führte mit dem Moderator eine kritische Retrospektive auf die erste Sendung. Zweifel über den "Skandal der Stille", seine Cola-Light-Sucht und Ablehnung der Trash-Kultur.

Herr Zweifel, herzliche Gratulation zu Ihrer ersten Moderation des Literaturclubs. Welches Fazit ziehen Sie?

(lacht) Ich bin froh, dass ich mit Anmoderation, Übergänge machen und Einspieler ankündigen keine Probleme hatte. Das alles hat glücklicherweise funktioniert – zumindest nach meinem subjektiven Empfinden. Ich hatte im Vorfeld etwas Angst, ob ich ganz ohne Notizen überhaupt in der Lage sein würde, all diese Einsätze im Auge zu behalten, dem Gespräch zu folgen und auf das Gesagte zu reagieren.

Sie leiteten die Sendung ohne Notizen.

Ja, das war gewissermassen eine Club-Premiere. Als Kritiker habe ich oft eine lustige oder pointenreiche Geschichte für meinen Redebeitrag vorbereitet. Diesmal wollte ich darauf verzichten, um spontan auf das Geschehen reagieren zu können und nicht auf Biegen und Brechen irgend eine Pointe zu platzieren, die dann womöglich nicht einmal in den Kontext passt. Vor der Sendung hatte ich deshalb aber wahnsinnig Angst, dass mir zu den Büchern spontan nichts in den Sinn kommen könnte. Subjektiv gesehen fand ich meine Vorstellung jetzt aber recht okay.

Ihre Vorgehensweise hat sich also bewährt.

Ja, das glaube ich. Denn die Runde mit Rüdiger Safranski, Elke Heidenreich und Hildegard Keller ist so stark besetzt, dass immer jemand in die Bresche springen kann, sollte mir zu einem Buch gerade mal nichts einfallen.

Sie haben sich als Moderator der Sendung verpflichten lassen, wollen diese Rolle aber gar nicht wirklich annehmen, sondern lediglich eine von vier Personen sein, die über Bücher diskutiert. Wieso das?

Probeweise habe ich die klassische Moderation ausprobiert. Das ging an sich sehr gut, doch haftet diesem Konzept eine Art Schul-Atmosphäre an. Es wirkt ein bisschen so, als würden die Diskutierenden vom Moderator jeweils für einen Redebeitrag aufgerufen werden. Wir wollen aber ein frei rotierendes Gespräch zeigen und nicht den Eindruck von einem Abfrage-Unterricht erwecken. Dieses freie Gespräch wird sich bestimmt noch ausgeprägter entwickeln, wenn sich die Runde noch vertrauter geworden ist.

Führten die flachen Hierarchien nicht dazu, dass sich alle etwas zurücknahmen, weil jeder wusste, dass niemand eingreift, wenn das Gespräch eskalieren würde?

Das liegt wohl eher daran, dass man sich gegenseitig einfach noch nicht so kennt, man noch nicht genau weiss, welches die Literaturvorlieben und Temperamente der anderen sind. Was Sie ansprechen sind eher Anfangs-Vorsichtigkeiten, die nicht unbedingt dem Konzept der Sendung geschuldet sind. Ich könnte mir auch vorstellen, dass eine gewisse Zurückhaltung mit den Büchern zu tun hat. Sie waren interessant, es waren aber keine Werke darunter, die total umstritten sind.

Alain Claude Sulzers Buch "Aus den Fugen", das Sie vorstellten, hatte am ehesten provokatives Potential.

Ja. Hätten wir etwa über Martin Suter gesprochen, wäre das Gespräch bestimmt recht hitzig geworden. Prinzipiell finde ich es wünschenswert, wenn wir auch Bücher behandeln, die kontroverse und kritische Diskussionen eröffnen. So werde ich nächstes Mal Emmanuel Carrères Limonov vorstellen. Für die erste Sendung fand ich dieses Buch allerdings zu heikel, da es wirklich extrem ist. Bei der Besprechung dieses Buches könnte es dann durchaus der Fall sein, dass die Kritiker völlig anderer Meinung sind und ein richtiges Streitgespräch entsteht.

Die Sendung war unterhaltsam und gehaltvoll, rhetorisch ansprechend, allerdings mangelte es etwas an Provokation, Kontroverse und Bissigkeit. Wie sehen Sie das?

Ja, ich sehe das genauso. Aber wie gesagt, dies liegt massgeblich an den vorgestellten Büchern. Ich habe mir etwa überlegt, gerade heraus zu behaupten, Julie Otsukas Buch "Wovon wir träumten" sei Kitsch. Aber dann wiederum wollte nicht mit einer Aussage, die letztendlich nicht ganz haltbar ist, sozusagen künstlich die Diskussion anheizen.

Für einen Neuanfang zeigte sich der Literaturclub ziemlich marode. Hildegard Keller musste Ihre entzündeten Augen hinter einer Sonnenbrille verbergen, Rüdiger Safranski fiel aus und konnte mit Stimmbanddeffekt zum Schluss der Sendung lediglich seinen Buch-Tipp durchächzen. Machten Sie diese Handicaps im Vorfeld besonders nervös?

Ja, auf jeden Fall. Denn wir mussten auch kurzfristig die Bücherauswahl umstellen, weil Herr Safranski ausgefallen ist. Dies waren natürlich erschwerte Startbedingungen, aber es war erfreulich zu sehen, dass die Sendung auch unter diesen Umständen funktioniert.

Hildegard Kellers Brille hat der Sendung etwas Extravagantes und Groteskes verliehen.

Ja, mir hat sie auch gefallen.

Bevor die Sendung losging, erklärten Sie dem Publikum im Papiersaal, dass Sie zu lange und unbequeme Unterhosen tragen würden. Wieso haben Sie diese Bemerkung gemacht?

Die blöden, langen Unterhosen haben mich auf dem Weg zur Bühne einfach wahnsinnig gestört. Darüber trug ich feine, schöne Hosen – da dachte ich mir: "Wenn das Publikum jetzt wüsste, was für furchtbare Unterhosen ich darunter trage" – und habe es halt auch gesagt.

Das war also kein vorbereiteter Ice-Breaker?

Nein, überhaupt nicht. Es irritierte mich einfach, dass meine Unterhose so an meinen Beinen klebte. Solche Kommentare kommen spontan.

Vielfach verweisen Sie bei Büchern darauf, diese gar nicht zu verstehen. Ist das Koketterie?

Nein, das ist die absolute Wahrheit. Ich lese aus Überzeugung immer wieder Autoren wie Heidegger und Hegel, weil ich sie nicht verstehe. Ich will ja nicht der Haltung eines "Siebensiechs" verfallen, der meint, alles zu wissen und verstehen.

Sie erlauben sich in der Sendung entgegen den medialen Gepflogenheiten auch Ereignislosigkeit und Stille. In der aktuellen Sendung machen Sie eine Pause, schweigen und brechen die Stille dann mit den Worten "der Skandal der Stille". Steckt dahinter eher Publikums-Pädagogik oder Provokation?

Am Burgtheater in Wien leite ich so eine Gesprächsreihe, für die ich forderte, sie solle nicht vor mehr als hundert Personen gezeigt werden, damit sich die Teilnehmer nicht verpflichtet fühlen, eine Show zu reissen. Wir hatten da bis jetzt schon ein paar Gespräche, die zum Teil einfach versiegten. Dann haben wir halt jeweils ein bisschen vor uns hingeschwiegen. Aus der Ratlosigkeit des Moments sind immer ganz intensive Augenblicke entstanden. Dauernd so zu tun, als könne man immer etwas Interessantes sagen, ist sowieso ein Lug. Oftmals kommuniziert man nur in schematischen Strukturen, berichtet schon Vorbereitetes oder reproduziert etwas, das man bei anderer Gelegenheit schon mal erzählt hat.

Und der "Stille-Skandal" im Literatur-Club?

Ausser den ersten Worten "Der Skandal der Stille" habe ich mir nichts vorgenommen, hatte keine Ahnung, was ich erzählen würde. Alle wurden nervös, Frau Heidenreich schaute fragend um sich, was denn jetzt mit diesem Zweifel los sei. Dann musste ich natürlich irgendwann etwas sagen, damit nicht plötzlich alle meinten, ich sei ein debiler Moderator. Dieses kurze Innehalten war wie ein Sprungbrett, das einen wieder irgendwo hin katapultiert, aber es ist natürlich mit Risiko verbunden. Wenn einem dann nichts in den Sinn kommt, wird es peinlich.

 

Kritiker Rüdiger Safranski als Zuschauer in der linken Bildecke.

 

Im Fernsehen kommt diese Stille womöglich noch ungewohnter rüber als live im Papiersaal.

Ich finde die Momente im Fernsehen, bei denen irgend etwas nicht klappt oder etwas Spezielles passiert, immer interessant. Wenn etwa eine Leitung zu einem Auslandkorrespondenten nicht recht funktioniert, bei der Ski-Übertragung ein Pistenarbeiter noch bei der Slalomstange steht und der Fahrer schon angefahren kommt – ich höre und sehe in solchen Momenten immer gleich noch konzentrierter hin. Wie der Moment dann am Fernsehen wirkt, ob zu künstlich oder gewollt, kann ich noch nicht beurteilen.

Noch zwei persönliche Fragen: Sie pflegen Cola Light zu trinken und verweisen oft darauf, Comics zu lesen und Fussball zu schauen. Ist das eine bewusste öffentliche Selbstinszenierung in Richtung Trash-Kultur um Ihren intellektuellen Habitus etwas herunterzubrechen?

Nein, nein, nein. Also, als ich in den 1980er Jahren aufgewachsen bin, war die Trash-Kultur gerade sehr in. Roger Köppel, der damals noch beim Tagi arbeitete, wollte damals unbedingt mit mir und Kollegen den B-Movie "Body Snatchers" im Kino anschauen. Das war irgendwann in den 90er Jahren.

Was ist das für ein Film?

Das ist irgend so ein Science-Fiction-Film, in dem irgend welche Wesen die Erde angreifen. Ich dachte damals schon, dass die Trash-Mode vorbei ist. Die war mal richtig cool in den 70er Jahren mit John Waters Divine und so. In den 1980er Jahren war es unter Intellektuellen in, sich trashig zu benehmen, in den 90er Jahren schwappte der Trash dann aufs Theater über. Ich fühle mich dieser Trash-Kultur überhaupt nicht verbunden. Coca Cola Light ist einfach eine Sucht von mir. Sie ist richtig schlimm, ich bin absolut süchtig. Mit Michael Pfister, mit dem ich während zehn Jahren Marquis de Sade übersetzt habe und der ebenfalls Cola Light süchtig ist, habe ich einmal ausgerechnet: Mit dem Honorar von zehn Jahren Übersetzungsarbeit konnten wir uns genau unseren Cola-Light-Konsum finanzieren.

Und die Affinität zum Sport?

So originell ist die nicht. Das kam auch schon in den siebziger Jahren auf, dass sich die Intellektuellen stark mit Sport identifizierten. In den 70er Jahren sahen sie Paul Breitner als grossen Philosophen an, ich war in den 80er Jahren von Boris Becker fasziniert. Eine Zeit lang war ich tatsächlich der Meinung, Boris Becker sei ein delfisches Orakel, der alles weiss. Ich habe alle Interviews mit ihm gelesen und fand sie wahnsinnig tiefsinnig, ernsthaft! Das war eine starke Verblendung.

Eine andere Figur, die Sie gerne spielen, ist diejenige des intellektuellen Clochards: Nur noch drei Unterhosen im Schrank und den Saldo überzogen. Geht es Ihnen so schlecht?

Ja, das hat damit zu tun, dass ich Geld immer sofort ausgebe. Aber ganz konkret: Ich habe diesen Sommer kein Geld verdient, weil ich nur Bücher gelesen habe. Auch aus Panik: Ich wollte für den Club bestens informiert sein. Es ist aber auch nicht mein Ziel, Geld zu haben.

 

Lesen Sie auch die Sende-Kritik von Rolf Hürzeler, Chefredaktor vom "Kulturtipp", auf dem persoenlich.com-Blog.

 

 

Interview: Benedict Neff