"Ich wollte nicht warten, bis ich pensioniert werde"

- SF-Kulturchef Adrian Marthaler tritt nach 37 Jahren beim Fernsehen frühzeitig in den Ruhestand. Er habe zunehmend Mühe gehabt, sich unter Ingrid Deltenre Gehör zu verschaffen, schrieb daraufhin der Tages-Anzeiger. Im "nicht gerade kulturfreundlichen Klima" des Deutschschweizer Fernsehens habe sich der Kulturmensch unwohl gefühlt. "Das ist absolut falsch" sagt Marthaler nun im Interview mit "persoenlich.com". Für seine Anliegen habe er bei der Fernsehdirektorin stets ein offenes Ohr gefunden.

Herr Marthaler, wie schwer ist Ihnen der Entscheid gefallen, das Fernsehen nach 37 Jahren zu verlassen?

Ich habe den Schritt sehr bewusst vollzogen. Ich vermute, dass ich das Fernsehen vermissen werde, weil ich dieses Medium immer geliebt habe. Weh getan hat mir mein Beschluss aber nicht.

Was gab letztlich den Ausschlag, vorzeitig in den Ruhestand zu treten?

Es gibt da eine Weisheit: Wird man pensioniert und beginnt mit etwas Neuem, wird man selten ernst genommen. Ich will deshalb den Schritt aus einem eigenen Impuls heraus machen, um noch einmal eine Aktivität zu entfalten, die eher meinem Naturell entspricht. Ich bin 60 und wollte nicht warten, bis ich pensioniert werde. Vielmehr war es mir ein Anliegen, mir selber noch einmal diesen Schub zu verpassen.

Wer wird Ihre Nachfolge antreten?

Die Fernsehdirektorin wird dem Verwaltungsrat geeignete Kandidaten vorschlagen. Gesucht wird nicht nur in der Schweiz, sondern im gesamten deutschsprachigen Raum nach einer Person mit kulturellem Hintergrund, publizistischer Erfahrung und Führungskompetenz. Die Stelle wird intern und extern ausgeschrieben.

Der Tages-Anzeiger schreibt, Sie hätten zuletzt Mühe gehabt, sich unter der Fernsehdirektorin Gehör zu verschaffen.

Das ist absolut falsch. Ich pflege einen regen, sehr guten Kontakt mit Ingrid Deltenre und finde bei Ihr stets ein offenes Ohr für meine Kulturanliegen. Und das sage ich nicht aus taktischen Gründen. Glauben Sie mir, nach 27 Jahren beim Fernsehen habe ich das wirklich nicht mehr nötig.

Kommentatoren der Presse sind sich trotzdem einig: Die Kultur hat heute beim Schweizer Fernsehen einen kleineren Stellenwert als früher.

Das kann man so nicht sagen. Sie hat einen anderen Stellenwert erhalten. Einzig die Sendezeiten haben sich zum Teil verschlechtert. Dies betrifft vor allem die Sendung "Kulturplatz", die für viele Zuschauer zu spät ausgestrahlt wird. Die Projekte jedoch, die wir im laufenden Jahr realisieren können, sind alles andere als eine Selbstverständlichkeit.

Welche Projekte?

Ich spreche zum Beispiel vom Projekt Zauberflöte. Am 1. März überträgt das Schweizer Fernsehen auf SF 1 die Oper, auf SF 2 wird parallel dazu gezeigt, was hinter der Bühne passiert. Die Kultur erhält an diesem Abend beide Kanäle, das ist doch erstaunlich! Geplant ist weiter, einen ganzen Kulturthementag ins Leben zu rufen. Und schliesslich sind wir auch mit dem Vorschlag für eine neue, kleine Kultursendung, über die ich noch nichts sagen darf, bei Ingrid Deltenre auf ein offenes Ohr gestossen.

Hat der Quotendruck unter Deltenre zugenommen?

Nein. Im Gegenteil. Die Quotenerwartungen an eine ganze Reihe von Kultursendungen sind sekundär gegenüber den inhaltlichen Erwartungen.

Der Tages-Anzeiger schreibt, Sie seien zuletzt zermürbt gewesen und hätten sich nicht mehr wirklich engagiert.

Das ist falsch. Ich mag eine joviale Art haben, die sich vor allem in administrativen Belangen manifestiert. Deshalb kann ich verstehen, wenn es zu Missverständnissen kommt.

Tat sich der Kulturmensch Marthaler als Manager schwer?

Ich bin sicherlich nicht der geborene Managertyp. Und ich gebe zu, dass administrative Aufgaben weder meine Stärke noch meine Leidenschaft sind. Letztere galt immer dem Kulturschaffen.

Sie waren Programmdirektor, danach Abteilungsleiter für Kultur und Unterhaltung, derzeit sind Sie "nur noch" Leiter Kultur. Hat Ihnen diese Reduktion der Aufgaben zugesetzt?

Nein. Schellenberg hat mich zum Programmdirektor ernannt, dann kam Deltenre, das Organigramm der Geschäftsleitung wurde umgekrempelt und die Kultur und die Unterhaltung in einer Abteilung zusammengefasst. Wir haben in der Folge jedoch erkannt, dass es unmöglich ist, diese beiden Bereiche unter einem Dach zu vereinen. Ich selbst habe deshalb den Antrag gestellt, die beiden Teile voneinander zu lösen. Da meine Zuneigung zum Kulturprogramm weit grösser ist als zum Unterhaltungsprogramm, war es nahe liegend, dass ich die Leitung der Kultur übernehme. Ich habe meine Zurückstufung also selber aktiv vorangetrieben.

Wie sehr haben Sie Ihre eigenen Fehlplanungen wie "Hotel Babylon" frustriert -- laut Tages-Anzeiger eine "ebenso teure wie ärgerliche, zuletzt sogar lächerliche Kultursendung"?

Natürlich bin ich enttäuscht darüber, dass "Hotel Babylon" gescheitert ist. Aber ich bereue nicht, dass wir es gewagt haben, diese tollkühne, mit grossen Investitionen Sendung zu realisieren.

Sie haben Personen zum SF geholt, die zwar etwas von Kultur, aber nicht viel vom Fernsehen verstehen.

Ich gebe zu, Filmemacher Samir hat sich im Fernsehen nicht so entwickelt, wie wir uns das vorgestellt haben. Hinter der Verpflichtung von Michael Schindhelm stehe ich dagegen immer noch. Ich finde es nach wie vor schade, dass es die Sendung mit ihm nicht mehr gibt.

Auf welche Ihrer Leistungen der vergangenen Jahre sind Sie stolz?

Ich finde die "Sternstunde" nach wie vor eine sehr gute Sendung. Der "Kulturplatz" hat sich auch gut entwickelt. Ebenfalls ist das "Klanghotel" ein Format, an das sich heutzutage kaum eine andere Sendeanstalt wagen würde. Weiter gefällt mir die gesamte Entwicklung der Fernsehfilme. Es gibt gelungene und weniger gelungene Filme, was doch zeigt, dass wir nicht einfach nach dem Schema F vorgehen. Ich freue mich schliesslich enorm auf das Konzept der neuen fiktionalen SF-Serie.

Zum Schluss die Frage: Sie wollen künftig wieder als Kulturschaffender tätig sein. Haben Sie bereits konkrete Projekte?

Nein. Denn ich habe kein Programm für die Zeit danach. Ich lasse das auf mich zukommen. Ich suche ein neues Lebensgefühl und eine andere Nähe zum Kulturschaffen. Wie sich dies ausdrückt, weiss ich heute nicht. Ob ich wieder Filme drehen, oder Romane schreiben werde, ist völlig offen.