"Ich wünschte mir, man würde hierzulande mehr riskieren"

- Zurück in der Schweiz: Jahrelang war Christoph Bürge als Medienmanager im Ausland tätig. Zuletzt als Unterhaltungschef des deutschen Privatsenders Sat.1. Seit Februar führt der 48-Jährige die Zürcher Produktionsfirma B&B Endemol und hat mit "Best Friends" auf SF2 gleich eine neue Vorabendserie ins Rennen geschickt. Ein Gespräch über kreative TV-Arbeit, den kleinen Schweizer Markt, alte Fabrikzeiten und herausragende Formate. Zum Interview:

Herr Bürge, Sie sind mit ihrer Firma Produzent der neuen SF-Jugendserie "Best Friends". Wie kam es zu dieser Zusammenarbeit?

Über Umwege. Urs Fitze, der Programmentwickler des Schweizer Fernsehens, war begeistert von der Serie "Spangas", die seit Jahren erfolgreich in Holland läuft. Insgesamt sind dort schon über 600 Folgen abgedreht worden. Er hat dann die Produktionsfirma NL Film angesprochen – mit dem Ziel eine Adaption für den Schweizer Markt in die Wege zu leiten. NL Film ist ein Teil der Endemol Gruppe. Deshalb ist der Ball dann uns zugespielt worden.

Wie nah ist die Serie nun am holländischen Original?

Die Anlage ist sehr ähnlich. Die Schweizer Serie basiert auf den Drehbüchern der holländischen Serie. Auch die zehn Hauptfiguren sind angelehnt an das Original. Sie sind aber sehr stark auf die hiesigen Gegebenheiten angepasst worden. Die Zusammensetzung der Nationalitäten ist hier logischerweise ganz anders als in Holland. Dort kommen zum Beispiel viel mehr Einwanderer von den Antillen, und nicht wie hier aus dem Balkan.

Also musste B&B Endemol in der Schweiz keine kreative Arbeit leisten?

Doch! Das muss man immer. Gerade in Bezug auf die Figurenentwicklung haben wir intensiv mit den Holländern und dem SF diskutiert. Die nationalen Ausprägungen sind doch relativ stark.

Wie sieht Ihr Job dabei genau aus?

Ich bin im Hintergrund tätig. Unser Executive Producer ist Pea Weber. Wir haben alle wichtigen Angelegenheiten zusammen besprochen. Ich mache im Prinzip eine Art Supervision dieses Projekts, war aber diesmal am Anfang deshalb relativ stark involviert, weil das Ganze komplett neu ist.

Was heisst das?

Ich war bei allen wichtigen Entscheiden dabei, sei das bei der Auswahl der Schauspieler, sei das bei der Auswahl der Drehorte.

(Bild: Lena, eine der Hauptfiguren aus der SF2-Serie "Best Friends").

Ganz generell: Was leistet Ihre Firma was das Schweizer Fernsehen selber nicht kann?

Ich würde die Frage umdrehen. Das Schweizer Fernsehen arbeitet mit uns als Produzent zusammen. Wir produzieren Fernsehsendungen, stellen Ideen vor. Da geht es nicht um besser oder nicht. Wir stehen in einem Auftragsverhältnis. Was sich in den letzten 15 Jahren stark verändert hat, ist, dass die Redaktionen nicht mehr alles selber generieren. Das hat funktioniert als alles noch nicht so internationalisiert war. Das ganze Geschäft ist viel schneller geworden. Heute arbeitet man mit den Leuten zusammen, die spezialisiert und flexibel sind. Das ist der Unterschied.

Was kostet eine Folge "Best Friends"?

Über Produktionskosten vertragliches Stillschweigen vereinbart worden. Aber der Preis, den das SF bezahlt, ist konkurrenzfähig. Ich finde, wir können dem Vergleich mit Ähnlichem, das es auf dem Markt schon gegeben hat, problemlos standhalten.

Hat die Serie Ihrer Meinung nach das Zeug zu einem Klassiker? Werden sich Jugendliche dereinst die DVD-Box von "Best Friends" auf Weihnachten wünschen?

Ich glaube sehr an das Projekt, aber es braucht Zeit. Wir wollen mit der Serie ja eine Gewohnheit aufbauen. Die Jugendlichen sollen jeden Tag um 18 Uhr SF 2 einschalten. Und bis sich diese Gewohnheit etabliert hat, dauert es einfach. Schliesslich müssen dafür auch alte Gewohnheiten abgelegt werden. Da braucht es einen langen Atem. Das zeigen Beispiele aus Deutschland wie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten". Das Format hatte am Anfang einen sehr schweren Stand. Heute ist die Serie der absolute Quotengarant von RTL.

Also lassen Sie sich nicht irritieren, wenn die Zahlen jetzt noch keineswegs herausragend sind?

Das mit den Zahlen ist so eine Sache bei täglichen Formaten. Wichtig ist einfach, dass der Trend positiv ist.

Aber Sie werden ja auch aufgrund der Zahlen beurteilt, oder nicht?

Ja. Das ist in diesem Geschäft so. Die Zahlen spielen auf jeden Fall eine entscheidende Rolle. Aber wie gesagt: Wenn man etwas Neues macht, braucht man Anlaufzeit. Die ganze trimediale Plattform Zambo ist ja neu.

Sie sind seit Februar an Bord. Hat mit Ihrer Verpflichtung eine neue Zeitrechnung für B&B Endemol angefangen?

Vor allem für mich war es ein neuer Anfang. Was mit der Firma geschieht, wird sich zeigen. Ich habe ein Unternehmen übernommen, das sehr gut geführt war und auch gut etabliert ist im Markt. Die Herausforderung ist nun vor allem, weiter relevant zu bleiben. Man weiss ja nicht, wie sich das Fernsehgeschäft in den nächsten zehn Jahren entwickelt. Niemand ist genug Prophet, um das wirklich beurteilen zu können. Von daher hat die Zeitrechnung sowieso neu angefangen – mit oder ohne mich.

Ist die Vorgabe weiter zu wachsen?

Ich schaue natürlich schon, dass wir uns einen immer grösseren Anteil des Kuchens sichern können. Es gibt aber auch neue Geschäftsfelder, die wir gerne erschliessen würden. Da spreche ich vor allem vom Internetfernsehen. Allerdings ist der Markt in diesem Bereich erst im Aufbau.

Wird der Kuchen grösser?

Ich glaube nicht, dass der Kuchen grösser wird, aber der Verteilkampf wird es bestimmt. Das Geschäft verändert sich fast täglich. Welche Plattformen das sein werden, treibt derzeit nicht nur uns, sondern alle Verlage um. Entscheidend für uns ist, dass wir wissen, wie man Inhalte produzieren kann – auf welcher Plattform auch immer.

(Bild: Lopes Anja spielt in "Best Friends" Schülerin Avalanche da Silva)

Sie haben mit Endemol eine riesige internationale Produktionsfirma im Rücken. Ist dieser Partner Match entscheidend?

Das ist auf jeden Fall sehr wichtig. Endemol ist immer noch die Nummer eins, wenn es um Entertainment geht. In diesem Unternehmen fliesst extrem viel Know-how zusammen. Bei Endemol gibt es eine Art Laborküche, in der ständig neue Formate entwickelt und getestet werden. Dass wir darauf und auf bereits erfolgreiche Formate zurückgreifen können, ist ein riesiger Vorteil. Derzeit produzieren wir immer noch die Quizshow "1 gegen 100", die aus der Endemol-Schmiede stammt. Ein sehr erfolgreiches und gutes Format. Wir haben vor allem Vorteile: Auf der einen Seite können wir selber Projekte entwickeln, auf der anderen Seite haben wir Zugriff auf Topformate aus dem Ausland.

Ist die Adaption dieser Formate auf Dauer nicht etwas trocken?

Nein, überhaupt nicht. Ich denke, es ist schlussendlich eine Frage der richtigen Mischung. So lange wir auch eigene Projekte verwirklichen können, geht das gut. Die Sommerserie "Üsi Badi" war zum Beispiel von A bis Z eine Eigenentwicklung. Das hatte nichts mit Endemol zu tun.

Nochmals zu dem Kuchen, der sich schon bald neu aufteilen könnte: Ringier hat vor kurzem verlauten lassen, dass man an der Dufourstrasse über die Lancierung eines neuen Unterhaltungssenders nachdenkt. Gibt es dafür genug Platz im Markt?

Platz gibt’s immer. Ich will jetzt nicht darüber spekulieren, was Ringier macht oder nicht. Aus unserer Sicht ist es klar zu begrüssen, wenn es im Markt mehr Wettbewerb gibt. Aber – und das wissen alle – der Markt ist klein und die Werbefenster der ausländischen Kanäle absorbieren relativ viel vom hiesigen Werbekuchen. Man braucht einen langen Atem, wenn man das durchstehen will. Bei 3+ hat es geklappt. Der Sender hat sich mit vorsichtigen Schritten etabliert.

Sprich: Kaiser und seine Crew machen in Ihren Augen einen guten Job?

Ja, die machen das meiner Meinung nach sehr gut. Das ist sehr weise, wie man das in Schlieren angegangen ist. Schön Schritt für Schritt, und nie zu viel Risiko eingehen. Und nach einer gewissen Zeit kann man sich dann mehr leisten. Es ist wie bei einer neuen Vorabendserie: Wenn man eine Fernsehstation aufbaut, baut man Gewohnheiten auf. Das muss sich erst einspielen. Man muss die Leute in einem stark umkämpften Umfeld langsam rüberholen. Und wenn man das geschafft hat, kann man nachlegen und zulegen, und das haben sie jetzt gemacht.

(Bild: Jean-Christophe Nigon spielt in "Best Friends" den Schulleiter Frank Vonlanthen)

Wieso haben Sie dort noch keine Sendung unterbringen können?

Das wird früher oder später schon klappen. Ich bin da sehr zuversichtlich. Wir sind in ständigen Verhandlungen. Ich denke, wir haben ein paar gute Formate für 3+ im Angebot.

TeleZüri hat das Format "SwissDate" kürzlich mit der Kochsendung "SwissDinner" ersetzt. Springt man da nicht etwas spät auf den Kochsendungszug auf?

Das neue TeleZüri-Format habe ich noch nicht gesehen. Ich kann konkret dazu also nichts sagen. Kochsendungen lagen eine zeitlang voll im Trend. Offenbar entspricht das einem Bedürfnis. Und scheinbar funktioniert das auch jetzt noch. Richtig problematisch wird’s erst, wenn die Leute nicht mehr einschalten.

Zurück zu Ihrer Person: Sie haben im Ausland Karriere gemacht – haben unter anderem in Rumänien und Ungarn für internationale Medienkonzerne in leitender Funktion gearbeitet und waren Unterhaltungschef bei Sat.1. Wieso sind Sie im Februar in die Schweiz zurückgekommen?

Ich wollte mehr Unabhängigkeit und Freiheit. Ich habe jetzt lange in grossen Firmen gearbeitet, jetzt stand mir der Sinn nach einem überschaubareren Umfeld und mehr Nähe zum Produkt. B&B Endemol ist eine kleinere Firma mit neun Festangestellten und vielen Freelancern. Das habe ich mir gewünscht. Ausserdem hatte der Schritt familiäre Gründe. Ich habe eine junge Familie. Das hat sicher auch mit eine Rolle gespielt.

Also hat der kleine, beschauliche Schweizer Markt durchaus noch seinen Reiz?

Ja, ich finde, er ist nach wie vor interessant. Er ist halt so gross wie er ist. Bäume wachsen hier nicht einfach so in den Himmel. Aber oft gibt es diese Grenzen vor allem in den Köpfen der Leute. Ich wünschte mir, man würde manchmal mehr riskieren und mehr wagen.

Hätten Sie denn nicht Lust mal mit der grossen Kelle anzurichten?

Doch. Aber das kann alles noch werden. Wir haben sicher die Ambitionen, dass wir mal eine grössere Kiste platzieren können, ob jetzt beim SF oder bei einem anderen Sender.

Haben Sie mit Ringier schon Gespräche geführt?

Ich führe ständig mit allen Gespräche. Das ist Teil meines Jobs. Selbstverständlich auch mit Vertretern von Ringier. Aber in Bezug auf den geplanten Unterhaltungssender, weiss ich noch nichts Konkretes. Mal schauen, was da alles kommt.

(Bild: Szene aus der SF2-Schulhausserie "Best Friends".)

Noch eine Frage zu Ihrer Zeit bei Sat.1: Der ehemalige Senderchef Roger Schawinski hat ein Buch über seine Zeit dort geschrieben. In einer besonders unterhaltsamen Anekdote schildert er, wie er mit seinem frisch operierten Knie mit Ottfried Fischer und dessen Frau beim Oktoberfest auf den Tischen tanzen musste. Ist Ihnen Ähnliches passiert?

Nicht 1:1, aber man erlebt schon Aussergewöhnliches mit TV-Stars. Die Betreuung der Moderatoren und Serienstars war als Unterhaltungschef Teil meines Aufgabenbereichs. Ich tanzte zwar nie beim Oktoberfest auf den Tischen, aber ich habe die Leute regelmässig getroffen. Die Begehrlichkeiten meiner Leute gingen nicht so weit.

Muss man sie verhätscheln?

Nein, man muss sie betreuen. Das sind die Aushängeschilder des Senders. Logischerweise brauchen gewisse Leute mehr Streicheleinheiten als andere. Aus irgendeinem Grund wollen diese Leute ja im Rampenlicht stehen. Sie wollen geliebt werden. Dieses Gefühl entsteht einerseits durch die Quote – wenn die stimmt, hat man zumindest den Eindruck, man werde geliebt, und dann gibt’s noch die persönliche Zuneigung. Meistens sind diese beiden Faktoren gekoppelt.

Was haben Sie denn da so erlebt?

Ich habe sehr gute Erinnerungen an diese Zeit. Ich habe zum Beispiel sehr eng mit Kai Pflaume, Bastian Pastewka, Anke Engelke und Hugo Egon Balder zu tun gehabt. Alles sehr charismatische Personen und tolle Leute.

Nun haben Sie in Ihrer Funktion als Geschäftsführer andere Aufgaben. Mit welchen Gefühlen blicken Sie in die Zukunft?

Mit Spannung! Ich bin einfach gespannt darauf, was in den nächsten Jahren noch passieren wird. Vor allem, was für Plattformen entstehen werden.

Das könnte für Sie zum Beispiel heissen, eine Serie exklusiv fürs iPhone zu entwickeln?

Ja, aber eben: Im Moment wird da sehr viel geredet. Aber am Schluss braucht es jemanden, der bereit ist, solche Projekte zu finanzieren. Hierzulande sind da viele noch sehr zurückhaltend. Die Frage ist einfach, wie schnell sich das ändert. Im Printbereich ist die ganze Wertschöpfungskette stark ins Wanken gekommen, weil sich das Inserate- und Anzeigengeschäft markant verändert hat. Auch im elektronischen Bereich wird es Verschiebungen geben. Wie schnell, hängt von den Grossen ab. Wenn zum Beispiel ein grosser Player wie Nestlé oder Procter&Gamble – Unternehmen, die richtig viel Geld ausgeben im Werbemarkt – plötzlich entscheiden, 80 Prozent der Werbung über Online laufen zu lassen, dann kommt das Ganze in Bewegung.

Wie bereitet man sich auf Ihrer Seite auf so etwas vor?

Spekulieren nützt da nicht viel. Wir müssen uns immer wieder überlegen, wie wir unsere Geschichten auch auf anderen Plattformen erzählen würden. Das spielt irgendwann nicht mehr so eine Rolle, um welche Plattform es sich dabei handelt. Vielleicht schauen sich die Leute in Zukunft Unterhaltungsformate vor allem auf dem iPad an.

Ich nehme an, Sie besitzen ein iPad. Wozu benutzen Sie dieses momentan vor allem?

Noch besitze ich keines. Das steht bei mir auf der Einkaufsliste. Ich muss in meiner Funktion wissen, wie so etwas funktioniert. Ob ich es dann auch tatsächlich gebrauchen werde, wird der Selbsttest zeigen.

Sie haben eine interessante Biografie: In den Achtziger Jahren waren Sie während mehrerer Jahre stark in der Roten Fabrik engagiert. Hat sich der Christoph Bürge von damals verändert?

Verändert habe ich mich sicher, aber nicht grundlegend. Meine persönliche Treibfeder war nie das Geld. Mir ging es schon immer darum, etwas zu bewegen und Dinge auf die Beine zu stellen. Das war für mich eine grossartige Zeit. Wir haben damals viel beigetragen zur Liberalisierung und zur Etablierung eines anderen Lebensgefühls in dieser Stadt. Weg vom Zwinglianismus. Generell gilt: Wenn man etwas tut, dann sollte man es mit Leidenschaft tun. Ich versuche es zumindest.

Letzte Frage: Welches sind in Ihren Augen derzeit die besten Unterhaltungsformate?

Eine der besten Show ist derzeit "One Million Pound Drop" aus England. Der Umkehr-Gedanke ist genial: Man bekommt eine Million Pfund und hat dann im Laufe der Sendung die Chance es zu verspielen. Auch "X-Factor" gefällt mir sehr gut. Für mich ist das die bessere Version von "Pop Idol". Ausserdem bin ich nach wie vor ein Fan von "Wer wird Millionär?". Und das 3+ Format "Bumann – der Restauranttester" hat mich auch überzeugt. Koch Daniel Bumann kommt extrem authentisch rüber. Man merkt, dass er ein Selfmade Man ist und den Leuten tatsächlich helfen will.

(Interview: Adrian Schräder. Das Interview ist der Oktoberausgabe der Zeitschrift "Persönlich" entnommen)