18.10.2018

Studie

Ideal und Praxis von Printjournalisten divergieren

Missstände aufdecken und im Dienste der Gesellschaft informieren: Diese zwei Rollen sehen Medienschaffende als äusserst wichtig an. Doch nur selten in Nachrichtenartikeln setzen sie ihre favorisierten Rollenmodelle auch tatsächlich um, wie eine Studie der Universität Freiburg zeigt.
Studie: Ideal und Praxis von Printjournalisten divergieren
Die überwiegende Mehrheit der Artikel in Schweizer Printzeitungen sei neutral geschrieben, wobei selten eine bestimmte Rolle erkennbar sei. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Zum ersten Mal wurden in der Schweiz systematisch die Beziehungen zwischen den Rollenvorstellungen von Journalistinnen und Journalisten, ihrer wahrgenommenen Umsetzung der Rollen und ihren tatsächlichen, in der Zeitungsberichterstattung ausgeübten Rollen untersucht. Dazu wurden vom Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Freiburg 519 Nachrichtenartikel aus nationalen Zeitungen inhaltlich auf sechs Rollen untersucht und deren Autorinnen und Autoren online befragt, wie die Verantwortlichen in einer Mitteilung schreiben.

Die sechs Rollen – die für ein international vergleichbares Projekt entwickelt wurden – sind:

  • Neutrale oder intervenierende Berichterstattung (neutrale gegenüber interventionistischer Berichterstattung),
  • Watchdog-Journalismus (Machtinstanzen kritisch zu hinterfragen),
  • loyale Vermittlung (Unterstützung der nationalen Entwicklung und von wirtschaftlichen und politischen Leadern),
  • Service-Journalismus (Tipps und Ratschläge für den Alltag),
  • Infotainment (Informationen unterhaltend vermitteln) und 
  • bürgerorientierter Journalismus (Bürgerinnen und Bürgern komplexe Themen näherbringen und sie dazu motivieren, sich politisch, kulturell oder sozial zu engagieren).

Die Studie wurde 2018 in den beiden international renommierten Fachzeitschriften «Journalism Studies» und «Journalism» publiziert.

Ergebnisse widersprechen der Selbstwahrnehmung

Gemäss Ergebnissen betrachten Zeitungsjournalistinnen und -journalisten die investigative Watchdog-Rolle und den bürgerorientierten Journalismus als wichtigste Rollenvorstellungen. Auch hätten die Befragten angegeben, diese Rollen in ihrer täglichen Arbeit oft umsetzen zu können. In der Inhaltsanalyse seien die beiden favorisierten Rollenmodelle jedoch nur selten gefunden worden.

Aufwand als mögliches Hindernis

Die überwiegende Mehrheit der Artikel sei neutral geschrieben, wobei selten eine bestimmte Rolle erkennbar sei. Am ehesten wurden publikumsorientierte Rollen gefunden, welche unterhalten oder Tipps für den Alltag liefern. Auch persönliche Meinungen und Interpretationen kämen noch häufiger vor als Elemente der beiden von den Medienschaffenden favorisierten Rollen. Eine mögliche Erklärung für diese Befunde sehen die Studienleiter in der einfacheren Umsetzbarkeit von publikumsorientierten Rollen. Die Watchdog- und bürgerorientierten Rollen betonen die politischen Funktionen des Journalismus in einer Demokratie. Das kritische Beleuchten von Themen und die Versorgung der Bürgerinnen und Bürger mit gesellschaftsrelevanten Informationen sind aber mit einem höheren Aufwand für Recherchen und Analysen verbunden.

Das berufliche Selbstverständnis der befragten Journalistinnen und Journalisten zeigt der Studie zufolge einen «Willen zur Förderung des gesellschaftlichen und politischen Zusammenlebens in der Schweiz». Ein Medienprodukt könne jedoch nicht unbedingt individuelle Berufsrollen repräsentieren, weil es immer auch vom Zeitungsverlag beeinflusst sei. So sei gerade bei Nachrichten eine neutrale Berichterstattung wünschenswert, für Meinungen gebe es die Kommentare als Stilelement, heisst es in der Mitteilung. Auch kritische und bürgerorientierte Rollen sind nicht in jedem Artikel umsetzbar, sondern hängen von Anlässen und Themen ab.

Die Frage nach dem Mehrwert des Print

Trotzdem liefern die Ergebnisse auch Hinweise auf mögliche Entwicklungen journalistischer Arbeit: Informationen zu aktuellen Neuigkeiten seien speziell im Internet massenhaft vorhanden. Die in der Studie untersuchten, traditionellen nationalen Zeitungen würden deshalb mit der neutralen Berichterstattung keinen Mehrwert liefern. Ein solcher entstehe erst, wenn Spezialisten aktuelle Geschehnisse auch analysieren, interpretieren und kommentieren. (pd/maw)



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