Herr Hermann, Ihre Vorwahl-Analysen deuteten auf sechs Sitzgewinne für die SVP hin und vier für die FDP. Nun kam es tatsächlich zu einem Rechtsrutsch. Wie zufrieden sind Sie mit der Genauigkeit?
Ich bin erstaunt, wie gut unsere Analysen mit den Ergebnissen übereinstimmen. Es ist ja nicht nur so, dass tatsächlich SVP und FDP zulegten, auch die Ergebnisse der Mitteparteien stimmen mit unseren Analysen überein. Insgesamt ist der Rechtsrutsch noch extremer ausgefallen als wir erwarteten.
Warum lagen Sie richtig?
Zum einen konnten wir erstmals Umfragen in Zusammenarbeit mit "20 Minuten" durchführen. Zum anderen kommt uns zu Gute, dass der Umfrage-Spezialist Thomas Milic neu in unserem Forschungsunternehmen arbeitet. Beides sind wichtige Faktoren, von denen wir profitieren konnten.
Wie haben Sie selber gewählt?
Brieflich. Für welche Parteien ich stimmte, möchte ich hier nicht offenlegen.
2013 bezeichneten Sie Ihre eigene Position als "links-liberal-konservativ". Ist das immer noch so?
Ja, wobei im am meisten liberal bin, etwas links und am wenigsten konservativ.
Eine grosse Analyse publizierten Sie vor zwei Wochen in der "NZZ am Sonntag", wo es auf der Front hiess: "Die SVP gewinnt sechs Sitze", also ohne Konjunktiv, obwohl die Wahl noch bevorstand. Hatten Sie diesen Titel gesetzt?
Nein, natürlich nicht! Doch so funktionieren nun mal die Medien. Mein Co-Autor Thomas Milic und ich haben in unserem Text die Schwächen unseres Modells beschrieben und ausführlich erklärt, dass es auch anders kommen könnte. Ich habe dem zuständigen Redaktor gesagt, dass er dies beim Frontanriss ebenfalls schreiben soll. Als ich am Sonntagmorgen die Schlagzeile "Die SVP gewinnt sechs Sitze" sah, dachte ich: Schön, ihr habt die fette Schlagzeile und wir das ganze Risiko, denn wir stehen ja mit unseren Namen da. Schizophren daran ist, dass es dann wiederum Journalisten sind, die solche Mechanismen eigentlich durchschauen sollten, uns für unsere imperativen Prognosen kritisieren. Nun, im Rückblick ist es dadurch, dass die SVP tatsächlich zugelegt hat, nochmals gut gegangen.
Wahrscheinlich wollte man mit diesem Titel aufschrecken.
Ob sie aufschrecken wollten oder erwarteten, mit dem reisserischen Titel mehr Kiosk-Verkäufe erreichen zu können, weiss ich nicht. Doch genau hier zeigt sich die Macht der Journalisten gegenüber Fremdautoren und Interviewten: Die Titelsetzung entscheidet darüber, was bei den Lesern hängen bleibt – auch wenn im Text etwas ganz anderes steht.
Der Wahlkampf verlief ziemlich flau, der öffentliche Diskurs über drängende Probleme habe nicht stattgefunden, konnte man lesen.
Eine grosse thematische Debatte fehlte tatsächlich. Die Parteien beschränkten sich auf einen Mobilisierungswahlkampf – mit dem Ziel, die eigenen Anhänger an die Urne zu bringen.
Warum gaben denn die Parteien den Takt an und nicht die Öffentlichkeit, resp. die Medien?
Das hängt an der Ausgestaltung unseres politischen Systems zusammen. Fragen wie: "Wer wird neuer Premierminister oder Kanzler?" bringen Leben in einen Wahlkampf. Weil bei uns nicht der Entscheid über den Regierungschef gefällt wird, sondern nur über das Parlament, fehlt diese Auseinandersetzung. Bis anhin kam diese Dramaturgie bis zu einem gewissen Grad trotzdem zu Stande, weil sich alles um Christoph Blocher und die SVP drehte. Wenn man nun in diesem Wahlkampf inhaltlich geführte Debatten vermisst, ist das vor allem nostalgischer Kulturpessimismus. Denn früher hatten die Wahlkämpfe nicht unbedingt mehr Inhalt, jedoch mehr Dramatik durch die Positionierung der SVP und Blochers als Kämpfer gegen das Establishment.
Die Medien könnten durchaus eine aktivere Rolle einnehmen, statt sich einfach den Agenden der Parteien unterzuordnen.
Weil die Redaktionen aufgrund der digitalen Messung genau wissen, welche Themen gut geklickt werden, passen sie sich immer mehr dem Populärgeschmack an. Auch die sogenannt seriösen Medien werden zunehmend von der Sensationslust der Leserschaft gesteuert.
Es sind jedoch durchaus auch die Journalisten, die sich primär für Personen und süffige Geschichten interessieren, statt dass sie tagelang im Bundeshaus über komplizierten Akten brüten. Da auf Seiten der Medien die finanziellen Ressourcen schwinden – bei gleichzeitig einer extrem vergrösserten Anzahl Publikationskanäle – ist es für Politiker einfach geworden mit Soft-Geschichten in den Medien vorzukommen.
Somit sind inhaltliche Debatten auch aufgrund der veränderten Arbeitsweise der Medien nicht mehr möglich.
So extrem ist die Situation nicht. Und ich will auch nicht so kritisch sein mit den Medien, denn es wurde durchaus debattiert, über die Sozialversicherungen etwa oder die Energiewende. Mir scheint, dass gerade diejenigen, die das Ausbleiben einer inhaltlichen Debatte bemängeln, sich oft selber mit grosser Wonne auf Ratings und Umfragen stürzen.
Im Vergleich zu 2011 sind viele Kandidaten auf Social Media viel aktiver.
Ja, das hat in diesem Wahlkampf eine wichtige Rolle gespielt. Die Präsenz auf Twitter oder Facebook entscheidet zwar nicht direkt über den Wahlerfolg, doch sie hilft den Politikern in die klassischen Medien zu kommen. Wenn Journalisten aus Tweets ganze Artikel produzieren, bekommen Social-Media-Posts vom Gewicht her die Funktion, die früher Medienmitteilungen hatten.
Sie werden seit einigen Jahren von fast allen Medien als Experte beigezogen, wenn es um politische Einschätzungen geht. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Wenn es um Zitate geht, beobachte ich eine positive Entwicklung: Heute fragen Journalisten im Gegensatz zu früher für Expertenauskünfte auch tatsächliche Fachpersonen an und nicht einfach Generalisten, wie ich es bin. Ich erhalte weniger, dafür spezifischere Anfragen. Das hängt auch damit zusammen, dass noch häufiger nein sage. Vor allem reine Zitat-Anfragen versuche ich zu minimieren, denn meistens wird einem Offensichtliches in den Mund gelegt, was die Leser schnell zu nerven beginnt. Ich will mich dort einbringen, wo ich auch tatsächlich Substantielles zu sagen habe.
Bei all dem Sukkurs gibt es auch Kritik. Rudolf Strahm etwa schoss scharf gegen Sie. Das Links-Rechts-Rating des Ständerats sei subjektiv und unwissenschaftlich. Hat Sie diese Kritik geärgert?
Ja, denn Strahms Kritik war schluddrig – er hat sich gar nicht mit meiner Analyse befasst. Er ging nämlich einzig darum auszuzählen, wie häufig die Ratslinke, resp. die Ratsrechte sich bei Abstimmungen durchgesetzt hat, als Mass für den Einfluss. Die Links-Rechts-Einteilung der einzelnen Vorlagen war also nicht meine subjektive Einteilung. Und dass die SVP rechts steht und SP und Grüne links, ist eine doch recht weitherum anerkannte Tatsache. Das würde sicher auch Herr Strahm unterschreiben.
Woher kommt denn die im Wahlkampf verwendete These vom "linken Bundesrat"?
Dass hier Spin-Doctors am Werk sind, ist offensichtlich. Die Urheber dieses Gedankens nehmen an, dass die Schweiz ein bürgerliches Selbstverständnis hat – also eine klare bürgerliche Mehrheit – und aus dieser Perspektive wäre der Bundesrat links positioniert. Bestimmte Interessegruppen wollen diese Sichtweise in den Köpfen der Menschen verankern, sodass man eine politische Kräfteverschiebung bewirken kann. Und hier teile ich die Meinung von Rudolf Strahm: Gewisse Medien wie "Weltwoche", "Basler Zeitung" und "Neue Zürcher Zeitung" tragen einen grossen Teil zu dieser veränderten Wahrnehmung bei, wenn sie die Zusammensetzung des Bundesrates und des Parlaments plötzlich als "Mitte links" bezeichnen. Hier handelt es sich um einen Kampf mit Wörtern.
Der Hintergrund ist Stimmungsmache zur Abwahl von Bundesrätin Widmer-Schlumpf?
Ja genau. Ausser bei der NZZ, wo es eher um Wirtschaftspolitik geht.
Ärgert es Sie, dass Ihre Analysen zur Untermauerung der von Spin-Doctors initiierten Kampagne verwendet werden?
Das ist im politischen Bereich unvermeidlich. Schliesslich hat auch die Linke den prognostizierten "Rechtsrutsch" zu instrumentalisieren versucht.
Sie arbeiten trotzdem gerne mit Journalisten zusammen.
Ja, ich schätze viele von ihnen auf menschlicher Ebene. Bei Anfragen ergeben sich nebenbei oft interessante Diskussionen. Generell sind Journalisten kreativen Ansätzen und neuen Auswertungen gegenüber sehr positiv eingestellt. Schliesslich gibt es immer viel weisses Papier zu füllen. Ich finde das ein angenehmeres Umfeld als die akademische Wissenschaft, wo Konkurrenz- und Konformitätsdruck grösser sind.
Gibt es auch Parallelen zwischen der Wissenschaft und dem Journalismus?
Manchmal denke ich, dass der Journalismus daran ist, genau die gleichen Fehler zu machen wie die Wissenschaft vor 100 oder 150 Jahren. Journalisten sind schnell fasziniert, wenn sie interessante Studienergebnisse sehen. Gerade beim Thema Datenjournalismus bin ich manchmal erstaunt, wie unkritisch viele sind. Als Journalist müsste man doch Quellenkritik betreiben und eine vorliegende Studie in Bezug auf ihre Wissenschaftlichkeit überprüfen! Nur weil man Daten mittels bequemen Tools wie etwa dem Data-Wrapper attraktiv aufbereiten kann, heisst es noch lange nicht, dass deren Weiterverbreitung sinnvoll ist.
Nochmals zurück zu den Wahlen: Wollen Sie eigentlich selber in die Politik?
Nein, denn ich bin mit meinem Tätigkeitsfeld sehr zufrieden, hier sind meine Stärken. Mein Problem ist, dass ich Sitzungen überhaupt nicht mag und ohne die geht es nicht in der Politik. Ich bin froh, mein Leben bisher weitgehend sitzungsfrei verbracht zu haben (lacht). Auf meine Art und Weise, so wie ich momentan arbeite, hoffe ich auch einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Gesellschaft leisten zu können. Ein Beispiel ist der Smartspider, den ich entwickelt habe. Dadurch, so glaube ich, haben die Leute heute ein differenzierteres Bild auf die Politik als früher.
Interview: Edith Hollenstein; Bild: Keystone, Christian Beutler